Segeln mit dem Zweimastgaffelschoner Atalanta

Segeln mit dem Zweimastgaffelschoner Atalanta

Dieser Blogbeitrag kann unbezahlte Werbung enthalten. Auf meinen Bildern und Videos trage ich Kleidung und Ausrüstung, deren Brands sichtbar sein können. Ich beschreibe Destinationen namentlich, sonst kann ich nicht über sie berichten. Wer mir Werbung bezahlt, entnimm bitte unter Zusammenarbeit.

Unsere Ostsee-Reise bis in die Baltischen Staaten soll uns möglichst an der Ostseeküste entlang führen. Wir wollen den Wechsel der Küstenlandschaft Richtung Norden erleben. Wandern, Radfahren, Baden und Orte und Menschen kennen lernen. Unser Ostseeerlebnis beginnen wir auf der Ostsee. Bei einem Segeltörn auf dem Traditionssegler Atalantis.

Besuch in Wismar

Bei dem Besuch von lieben Bekannten nördlich von Schwerin, haben wir einen Ausflug nach Wismar gemacht. Die alte Hansestadt bietet u.a. viel Backsteinromantik, einen Kirchhof, der als Filmkulisse für die Soko-Wismar dient und einen Verein, der sich der traditionellen Seefahrt verschrieben hat. Wir entdecken die Atalantis beim Spaziergang im Hafen. Vor dem Zweimaster steht ein Aufsteller, dass Gäste bei einer Ausfahrt mitfahren können. Auf einem richtigen Segelschiff mitfahren, das wollte ich schon immer.

Ein Zweimastsegler liegt am Kai. Menschen stehen davor und betrachten das Segelboot
Die Atalanta am Kai in Wismar. Eine leichte Brise und das schöne Wetter verleiten uns, Bordkarten für den nächsten Tag zu kaufen

Nun muss ich wohl definieren, was ich für ein „richtiges“ Segelschiff halte. Ich meine damit die alten, traditionellen Holzschiffe, die früher eine Aufgabe z.B. als Handelsschiffe hatten. Segel aus Wolle oder Leinwand, Taue aus Hanf, wenig Komfort und viel Handarbeit. Wahrscheinlich sehe ich das sehr romantisch, denn die Arbeit an Bord war hart und es waren selten lustige Sommertörns. Nun, hier lag so ein Schiff und wir buchten eine Ausfahrt für den nächsten Tag. Zum anheuern bekamen wir eine schöne Bordkarte.

Die Bordkarte für die Segeltour
Unsere Bordkarte für die Segeltour. Ob wir so unter vollen Segeln auf der Ostsee sein werden?

Die Atalanta

Wir waren am Segeltag früh in Wismar, denn ich wollte einiges über den Verein und die Menschen, mit denen wir unterwegs sein würden, erfahren. Mit einem Spaziergang um den Alten Hafen näherten wir uns dem Schiff.

Der Zweimaster liegt am gegenüberliegenden Ufer am Kai. Dahinter sind Backsteingebäude
Seitenansicht der Atalanta an unserem Segeltag vom gegenüberliegenden Kai

Die Atalanta wurde 1901 als Elblotsenschoner N° 1 „Cuxhaven“ in Wevelsfleth an der Stör vom Schiffbaumeister Jürgen Peters vom Stapel gelassen. Bis 1929 tat sie ihren Dienst und leitete die großen Handelssegelschiffe von der Nordsee durch die Fahrrinne der Elbe in den Hamburger Hafen. Die aus Hamburg stammenden Mannschaften der Großsegler, die auf den Weltmeeren unterwegs waren, sahen als letztes und auch wieder als erstes heimisches Schiff die Lotsenschoner.

Nach dem ersten Weltkrieg wurden die Großsegler und Lotsensegler schnell von maschinengetriebenen Schiffen abgelöst. Die Elblotsenschoner hatte eine außerordentliche Wendigkeit, sehr gute Segeleigenschaften und eine hohe Seetüchtigkeit. Sie waren bei Käufern beliebt, die sie als Segelyachten oder Segelschulschiffe nutzten. Die Elbe N° 5 liegt noch beinahe im Originalzustand in Hamburg.

Die Elbe N° 1, die „Cuxhaven“, wurde von Arthur Otto, einem Berliner Unternehmer gekauft. Nebenbei war er Vorsitzender der Segler-Vereinigung (SV 03) in Berlin. Er lies das Schiff auf der Schlichting-Werft in Travemünde zur Kreuzeryacht „Atalanta“ umbauen. Das bedeutete den Umbau der Räume unter Deck, in Eigner- und Damenkammer, Toiletten und Bad, Salon und Küche. Schlafplätze für die angestellte, sechsköpfige Besatzung (Kapitän, zwei Matrosen, ein Maschinist, ein Koch, einen Jungen). Auch eine Maschine als Hilfsantrieb wurde eingebaut. An Deck wurde ein Deckshaus und eine Radsteuerung installiert. Die Masten wurden fast gerade gestellt und damit wurden weitere Segel notwendig. Die Namen und Funktionen sagen mir als Landratte nichts, wenn Du Dich tiefer mit dem Schiff befassen möchtest, kannst Du hier auf der Seite der Atalanta weiterlesen.

Wir haben bei unserem Spaziergang nun das Ende des Hafens nahe dem Wassertor in Wismar erreicht und laufen den Kai zur Atalanta hinauf. In der Bordkarte wurde zu Recht auf wetterfeste Kleidung hingewiesen. Wir haben für heute Aprilwetter, mit allem außer Schnee, im Wetterbericht des MDR angesagt bekommen.

Ein Pirat steht in einem Mastkorb und schaut mit einem Fernglas in die Ferne
Der Pirat hat die Atalanta fest im Visier. Zum Glück ist sein Schiff eine Fischimbissbude und fest an der Mole vertäut

Wir gehen über die Gangway aufs Schiff, suchen uns ein Plätzchen und orientieren uns. Coronabedingt gilt unter Deck ein Einbahn-System und auch, dass nur die Hälfte der sonst üblichen Gäste mitfahren kann. Ich kaufe die Broschüre über die Atalanta, die mir, ebenso wie die Website als Quelle über die Informationen über die Atalanta hier in diesem Artikel dient.

Blick hinauf zu den zwei Masten mit ihren vielen Tauen, Wanten und Salingen
Mich verwirrt allein der Blick nach oben zu den Mastspitzen. Das die Seeleute wissen, welches Tau für was benötigt wird, bewundere ich

Als kletternde Bergsteigerin interessieren mich Seile und Taue und alles was mit Schnüren zu tun hat. Und auf so einem Schiff sind jede Menge Seile vonnöten.

Die dicken Taue aus Hanf sind erst gedreht und dann mit einer speziellen Methode geflochten
Die dicken Taue aus Hanf sind erst gedreht und dann mit einer speziellen Methode geflochten

Früher waren alle Taue aus Hanf, heute sind sie aus vielen verschiedenen Materialien, die miteinander verbunden werden. Ich kann mich daran gar nicht satt sehen.

Die Befestigung für das Focksegel ist aus Stahl, ummantelt mit Stahl- und Kunststoffgarn
Die Fockschot ist für mich ein Schnur-Kunstwerk, das den auf sie wirkenden Kräften standhalten muss

Ein Stoffteil in der Nähe des vorderen Masts interessiert mich besonders. Mir erschließt sich nicht, was dieser runde Stoffsack, der untern spitz zuläuft, für eine Bedeutung hat. Am oberen Ende ist der Stoffumschlag mit einem eingearbeiteten Taustück verstärkt und viele Schnüre sind daran befestigt. Jürgen von der Mannschaft, den ich frage, erklärt, dass wäre der Sack, um Regenwasser als Trinkwasser für die Mannschaft aufzufangen. ,Haha‘, denke ich. „Seefahrergarn“, sage ich laut. „Das ist eher ein Harry-Potter-Zauberhut, damit ihr die Gäste, ähnlich wie in Hogwarts in verschiedene Gruppen einteilen könnt?“ – „Auch eine gute Erklärung“, erwidert Jürgen und gibt dann die richtige Bedeutung wieder.

Ein Trichterförmiger oder wie ein umgekehrter Zauberhut aussehender schwarzer Kegel aus Stoff wird zur Markierung genutzt, wenn der Schoner unter Segel und Motorhilfe fährt
In den Unterlagen zur Segelprüfung heißt er „schwarzer Kegel aus Stoff“, ich nenne ihn Zauberhut. Er muss aufgezogen werden, wenn der Schoner unter Segel und Motorhilfe fährt. Ansonsten haben große Segler immer Vorrang vor Motorschiffen.

Erst 1930, nach dem erneuten Stapellauf als Hochseejacht wurde das Schiff auf den Namen einer griechischen Göttin getauft. Atalanta war der Sage nach eine schnelle Läuferin. Den ersten Törn mit der damals größten Privatjacht Deutschlands, unternahm der Eigner im Sommer 1930 nach Dänemark. Nach der Machtergreifung der Nazis musste er das Schiff verkaufen. Käufer war der Deutschen Hochseesportverband (DHH) in Glücksburg, der als Ziel die Ausbildung in Segeln und Seefahrt und die Pflege des Hochseesegelns hat. Die bis dahin zum Verband gehörenden Schiffe waren Ausbildungsschiffe und nicht für Segeltörns mit Bequemlichkeit geeignet. Die aber waren der Wunsch vieler Vereinsmitglieder und wichtig, um neue, zahlungskräftige Mitglieder zu gewinnen.

Das ist auch der Grund, warum die Atalanta heute noch ausläuft, aber dazu später. Jetzt wollen wir gleich auslaufen und die Crew findet sich zusammen.

Sechs Personen, die Crew der Atalanta, macht vor dem Ablegen eine Lagebesprechung
Lagebesprechung der Crew vor dem Ablegen. Die Windverhältnisse und Einteilung der Positionen werden besprochen

Ablegen der Atalanta

Alle Gäste sind an Bord. Wir bekommen eine kurze Einweisung, wie wir uns auf dem Schiff verhalten sollen und können und müssen. Nun kann abgelegt werden. Wir starten mit dem Hilfsmotor, denn die Hafenfahrrinne ist sehr eng. Eine Seglerin am Kai, die zufällig da ist, löst das letzte Docktau.

Ein Docktau wird ordentlich auf Deck hingelegt
Das Docktau muss auf Deck ordentlich hingelegt werden, damit es beim Anlegen wieder gut abläuft

Das Schiff legt ab und nimmt Fahrt auf. Wie das vor den Zeiten von Hilfsmotor war? Musste das erste Stück gerudert werden? Ich vergesse, diese Frage zu stellen, sie kommt mir erst, als ich den Artikel schreibe. Das Wasser liegt ganz ruhig da, seekrank kann heute keiner werden.

Ich spreche Uta, ein Crewmitglied, an, die ganz vorne sitzt, auf einem „Gummiball“, der am Hafen außer Bords ist, um das Schiff vor der Hafenmauer zu schützen. Sie kam zum Förderverein Schoner Atalanta e.V. durch einen Bekannten. Der nahm sie in einem Jahr mit zum abtakeln. Das ist im Herbst, wenn der Schoner klar für den Winter gemacht wird. Die Kameradschaft, die Stimmung und vor allem das Schiff haben es ihr seither angetan und sie wurde Mitglied. So verbringt sie einige ihrer Urlaubswochen nun in Wismar mit der Pflege des Schiffes und ist Crewmitglied bei den Ausfahrten. In den letzten Jahren hat sie über das Schiff und das Segeln viel gelernt und ist nun vollwertiges Crewmitglied. Andere Crewmitglieder sind erfahrene Seeleute, die einen Beruf auf einem Schiff ausgeübt haben. Maschinist, Steuermann, Kapitän und weitere Berufe. Viele können ihren erlernten Beruf, den sie mit Herzblut gewählt und gelebt haben, nicht mehr ausüben, weil deutsche Berufsseeleute „zu teuer“ sind. Sie sind von billigeren Arbeitskräften aus anderen Ländern verdrängt worden. Die meisten arbeiten nun in berufsverwandten Stellen an Land. Mit dem Ehrenamt auf der Atalanta können sie in einer Mannschaft wieder auf See gehen und sich um ein Schiff kümmern, also eine WinWin Situation für alle.

Als wir an der Halle vorbei gefahren sind, in der für eine Chinesische Reederei das größte Kreuzfahrtschiff der Welt für 9.500 Passagiere gebaut wird, kommen einige Crewmitglieder nach vorne und machen sich am Focksegel zu schaffen.

Ein Crewmitglied löst das Tau, mit dem das Focksegel bei Nichtgebrauch zusammengehalten wird
Das Focksegel wird gelöst, damit es aufgezogen werden kann

Als das Segel vom wenigen Wind ein wenig gebläht wird, macht sich Jürgen an dem Tau des „Zauberhuts“ zu schaffen.

Das Focksegel ist aufgezogen, das Schiff fährt unter Motor, so muss der schwarze Kegel aufgezogen werden
Das wir unter Motor fahren und das Focksegel aufgezogen ist, muss auch der schwarze Kegel aufgezogen werden

Ich schaue zu den anderen Segeln und nach oben in die Masten. Das wird heute nichts, sagt Jürgen mit einem bedauernden Grinsen zu mir. So bleibt mir nur, das Bild der Atalanta unter vollen Segeln auf der Broschüre zu betrachten. Mit freundlicher Genehmigung des Vereins darf ich das nachfolgende Bild von der Broschüre und der Website zeigen.

Die Atalanta unter vollen Segeln – Bild: Website Förderverein Atalanta, mit freundlicher Genehmigung
Die Atalanta unter vollen Segeln – Bild: Website Förderverein Atalanta, mit freundlicher Genehmigung

Die Atalanta im zweiten Weltkrieg

Das Schiff wurde im zweiten Weltkrieg dienstverpflichtet! So kam der Segler an die Seefliegerschule nach Lobbe auf Rügen. Als Begleitfahrzeug für Flieger, die auch eine seemännische Ausbildung erhielten, unterstand sie anfänglich der Marine. Später der Luftwaffe und um den Wechsel dorthin gibt es Berichte, die auch Seemannsgarn sein könnten. Bei einem Manöver der Seeflieger soll Hermann Göring mit an Bord gewesen sein. Und die Matrosen sollen sich einen Spaß daraus gemacht haben, das Schiff mehr als nötig gewesen wäre, dem Seegang auszusetzen. Göring wurde ziemlich seekrank und in der Folge wurden die Seeflieger seinem Kommando unterstellt, als Oberbefehlshaber der Luftwaffe. Im Frühjahr 1945 flüchtete die Atalanta mit anderen Schiffen nach Westen, der genaue Weg ist unbekannt. Sie wurde von der Royal Air Force beschlagnahmt, an die Elbe verlegt und von britischen Offizieren als Freizeitschiff verwendet.

Wir werden aufgefordert unter Deck zu gehen, Kaffee ist gekocht und der Kuchen für die Gäste aufgeschnitten.

Blick in die Kombüse. Links eine Arbeitsfläche, geradeaus der Herd, auf dem Absperrungen das Verrutschen der Töpfe verhindern
In der Kombüse werden Kaffee und Kuchen für die Segelgäste vorbereitet

Wir sitzen auf Deck und lassen uns den wenigen Wind um die Nase pusten. Segeln bei Flaute war früher ein sehr schwieriges Unterfangen, heute mit dem Hilfsmotor können wir wenigstens in der Wismarer Bucht umherfahren. Nur ein wenig Wind bläht das Focksegel. Während ich so die Masten hochschaue, fragt Jürgen, wie es uns geht. Ich antworte ihm, dass ich auf der einen Seite froh bin, dass wir so ruhiges Wasser haben, auf der anderen Seite hatte ich mir die Fahrt mit einem Zweimaster, eben mit aufgezogenen Segeln vorgestellt. Und gehofft, mithelfen zu dürfen. Jürgen meint, dass das wirklich schade sei, morgen wäre Windstärke 5 gemeldet, mit Böen bis 7. Ich weiß nicht, ob mir das lieber wäre? Und das Schiff sei nicht nur ein Zweimaster, sondern ein Zweimastgaffelschoner. Als ich fragend schaue, erklärt er, dass die Segel oben und unten an einem „Baum“ angebracht seien, d.h. an einem Holz, an dem das Segel befestigt ist. Andere Segelschiffe hätten den oberen „Baum“ nicht, der „Gaffel“ genannt würde. So habe ich schon wieder was dazugelernt. Später schaue ich mir die Abbildung „Atalanta“ – Das Rigg mit seinen Hauptbestandteilen“ an. Nun kann ich nachvollziehen, was Jürgen erklärt hat. Wirklich schade, dass wir das Schiff nicht in vollen Segeln sehen konnten.

Blick über den Klüverbaum in die Wismarer Bucht. Unter dem Klüverbaum ist ein Stahlnetz gespannt, darauf liegt verpackt das Klüversegel
Blick über den Klüverbaum in die Wismarer Bucht. Das Wasser ist fast ohne Wellen

Die Atalanta als Privatjacht

1950 wurde die Atalanta vom Bankhaus Warburg, Brinckmann, Wirtz & Co. gekauft.  Offizieller Besitzer bis dahin war der DHH, der nach dem Krieg kein Geld für die Instandhaltung seiner Schiffe hatte. Der eigentliche Käufer war Eric Warburg, dessen jüdische Familie 1938 durch die Nazis enteignet worden war. Als amerikanischer Offizier war er zum Ende des Krieges wieder nach Deutschland gekommen. Erst 1956 lies er sich „trotz allem“ wieder in Deutschland nieder und übernahm die Leitung des rückübereigneten Bankhauses, das 1798 gegründet wurde, in 5. Generation.

Die Atalanta wurde nach Kiel überführt, hatte eine festangestellte Besatzung und war regelmäßig auf der Kieler Förde unterwegs. Freunde und Geschäftspartner des Bankhauses, genauer gesagt von Eric Warburg, waren immer wieder dabei und segelten bis Skandinavien. Ein recht enger Freund Eric Warburgs und ebenfalls leidenschaftlicher Segler war Helmut Schmidt, der daher auch häufig an Bord war. In seiner Amtszeit als Bundeskanzler von 1974 bis 1982 wurde die Atalanta zum inoffiziellen Botschafter der BRD. Schmidt segelte z.B. nach Dänemark zum Besuch beim dänischen Ministerpräsidenten. An diesem Törn nahm auch der spätere kanadische Ministerpräsident und ebenfalls begeisterter Segler Trudeau teil. Sogar ein Besuch in Polen, dem ersten eines westdeutschen Regierungschefs, im August 1979, wurde mit der Atalanta ermöglicht.

Wir sind mittlerweile durch die Fahrrinne, die im Zickzack links der Insel Poel verläuft, aus der Wismarer Bucht herausgefahren. Rechts von uns sehen wir den Leuchtturm bei Timmendorf. Bei klarer Sicht könnten wir in der Ferne im Nordwesten die Schleswig-Holsteinische Küste sehen. Heute aber sehen wir nur grau in grau. Das Grau bestäubt uns nun sogar mit leichtem Nieselregen. Wir drehen um und fahren wieder zurück.

Der Förderverein Schoner Atalanta e.V.

Eric Warburg verstarb 1990 mit 90 Jahren. Ein Jahr später wurde das Schiff außer Dienst gestellt und noch ein Jahr später in der Königs-Werft in Rendsburg aufgelegt. Die Reparaturarbeiten, die nach vielen Jahren Segeln anstanden beliefen sich auf etwa 2,5 Millionen DM. So trennte sich das Bankhaus von der Atalanta und suchte einen neuen Eigner. Es war zwei Jahre nach der Wende. In Wismar sollte die maritime Tradition der alten Hansestadt durch ein Schiff repräsentiert werden. Die Verantwortliche der Stadt, waren auf der Suche nicht nur nach einem Schiff, sondern nach einem Objekt, in den das Arbeitsamt Wismar als Projekt Umschulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen durchführen könnte. Die Atalanta war für beide Zwecke geeignet. So gründete sich 1994 der Förderverein Schoner „Atalanta“ und das Bankhaus Warburg übereignete für den symbolischen Preis von 1 € das Schiff. Eine Auflage beim Verkauf gab es; der Verein sollte das Schiff im Rahmen gemeinnütziger Jugendarbeit nutzen. Erster Vorsitzender des Vereins wurde Joachim Tesmer, der in den nächsten Jahren auch die Arbeiten zur Restaurierung und Wiederinstandsetzung plante und koordinierte. Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt wurde Ehrenmitglied des Vereins.

Die Ausbildungsberufe, die Langzeitarbeitslose und Umschüler erlernten, waren Bootsbauer, Segelmacher, Schiffszimmerer, Mechaniker für Bootstechnik und Schiffselektroniker. Das Schiff veränderte sich im Inneren komplett, so wie es heute noch beschaffen ist. An Deck verschwand das Deckhaus, dafür wurde ein Fahrstand installiert und weitere Dinge verändert. Die Rigg (alles oberhalb des Decks) und der Rumpf blieben so, wie ursprünglich als Lotsenschoner gebaut.

Wir sehen in der Ferne schon die Hafengebäude, so wird das Focksegel wieder eingeholt. Nachdem es mehr oder weniger „unten liegt“ muss es noch aufgenommen und verzurrt werden.

Das Focksegel wird wieder eingeholt
Das Focksegel wird wieder eingeholt und verzurrt

Inbetriebnahme Atalanta durch den Förderverein

Mittlerweile kann die Sonne ein wenig Licht machen und erzeugt eine besondere Stimmung auf dem Wasser. Die Wellen gleiten gleichmäßig vom Rumpf weg, ich schaue gebannt zu, wie rhythmisch die Bewegungen der Wellen sind.

1997 verlies die Atalanta die Reederei in Kirchdorf und fuhr auf eigenem Kiel nach Wismar. Dort wurden die Arbeiten fortgesetzt. Zum 100. Geburtstag des Schoners wurde er 2001 wieder in Dienst gestellt. Unter die politische Prominenz hatte sich auch Helmut Schmidt gemischt. Eine ehrenamtliche Crew pflegt und segelt das Schiff seither. Mit den Ausfahrten wird das Geld verdient, das zum Erhalt des Schiffes notwendig ist. In diesem Winter und während der Coronazeit wurden ca. 80.000 € ausgegeben, da z.B. das Unterschiff überholt werden musste, und viele Taue erneuert wurden. Ausfahrten mit interessierten Jugendlichen werden unternommen und Jugendaustausche mit anderen europäischen Ländern, meist Ostseeanrainerstaaten werden durchgeführt. Jugendgruppen können das Schiff – auch ohne jegliche Segelerfahrung – für Törns mieten. Sei es um Spaß miteinander zu haben, sei es, um danach Seemannsgarn spinnen zu können oder um Gruppen zu Teams zusammen zu bringen. Der Ansatz ist immer erlebnispädagogisch. Auch andere Gruppen können das Schiff für einige Tage mieten. Natürlich steht es jedem Menschen frei, auch Mitglied im Förderverein zu werden, nur zahlend oder auch aktiv. Die wesentliche Aufgabe des Vereins ist die Erhaltung des maritimen, kulturellen Erbes, das die Atalanta darstellt. Dazu gehört der Betrieb des Schiffes mit traditionellen Fertigkeiten des Segelns mit einem Gaffelsegler und der Navigation ebenso, wie der Schiffspflege.

Wir fahren langsam wieder in das Hafengelände von Wismar ein. Die alte Hansestadt grüßt mit ihren zwei Kirchtürmen über das Wasser. Die Kräne am Hafen zeugen davon, dass selbst im Moment Ware gelöscht, bzw. verladen wird.

Die Stadt- und Hafenansicht von Wismar aus der Bucht. Viele Kräne und zwei Kirchtürme überragen die Stadt
Zwei Kirchtürme prägen die Stadt heute, die vielen Kräne gehören nur zum Tail zum Hafen

Erlebnisse der Atalanta

Für die Crew und das Schiff sind das Hafenfest in Hamburg, die Kieler Woche und die Teilnahme an anderen Segelregatten sicherlich jährliche Höhepunkte. Die ehrenamtlichen Crewmitglieder nehmen dafür Urlaub, um mit ihrem Schiff, ihrem Herzensanliegen unterwegs zu sein. Andere Crewmitglieder, die in und um Wismar wohnen oder schon im Ruhestand sind, kümmern sich täglich um das Schiff. Auch hier ist Teamgeist gefragt und wird das Miteinander in einer Kameradschaft gepflegt. Diesen Spirit, dieses Miteinander, haben die Gäste bei unserem Segeltörn, oder soll ich besser Flautentörn (?), deutlich gespürt.

Uns hat die Fahrt Freude bereitet. Wir wünschen der Atalanta, dem Gaffelsegelschoner, noch viele aktive Jahre auf See. Noch viele begeisterte Gäste an Bord und Vereinsmitglieder, die mit immer neuen Ideen das Schiff am Laufen halten.

Die Informationen für den Bericht habe ich zum größten Teil aus der Broschüre und von der Website über die Atalanta entnommen. Mit freundlicher Genehmigung des Fördervereins Lotsenschoner „Atalanta“ e.V.

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