Watzmann und Hochkalterer

Watzmann und Hochkalterer

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Am Elbrus war es mir wieder so ergangen, dass ich sehr langsam am Berg war. Ich wusste durch das viele Bergtraining, dass ich starke Muskeln hatte, die mich schnell bergauf und bergab tragen können. Meine Kondition war top – ich war superleistungsfähig. Aber immer am hohen Berg wurde ich langsam.

Um herauszufinden, ob ein körperliches Problem vorlag, beschloss ich am Wochenende nach der Elbrus Reise, also vom 24.-26.8.2001 nicht nur die Watzmannüberschreitung zu machen, sondern auch noch die Hochkalterüberschreitung.

An Material nahm ich Brust- und Hüftgurt, Klettersteigset, Helm und einige Karabiner, Express- und Bandschlingen und Prusikschnüre mit. Ansonsten Essen, einen Wasserbeutel mit Trinkschlauch, den Schlafsack und die Ridge-Rest-Isomatte, Erste-Hilfe-Beutel, Kamera und Ersatzfilm, Karte und Kompass, Stirnlampe, Vlies- und Goretexjacke. Außerdem noch die Wanderstöcke, Nickituch, Sonnencreme, Waschutensilien und Klopapier.

Ich hatte mir den Parkplatz „Kreisstraße“ in Ramsau, kurz vorm Parkplatz „Seeklaus“ als Zielort ausgesucht. Ich lief abends noch ein wenig den Weg in den Wald hoch, um sicher zu sein, dass ich dort hinauf musste, um Weg 482 zu erreichen. Dann aß ich was und machte es mir in meinem kleinen Kombi bequem. Die Fläche bei umgelegten Rücksitzen war genau so groß, dass ich ausgestreckt drin liegen konnte. Den Wecker am Höhenmesser stellte ich auf 4.15 Uhr.

Hochkalter

Als ich nach gutem, etwas unruhigem Schlaf wach wurde, war es noch stockfinster, also gönnte ich mir noch eine halbe Stunde dösen. Um 5.15 Uhr lief ich los. Die Stirnlampe konnte ich aber recht schnell ausmachen, denn die Dämmerung zog rasch auf. Ich fand schnell einen guten Rhythmus, in dem ich 500 Höhenmeter die Stunde schaffte. Als ich nach dem Anstieg nach der Schärtenalm auf dem Weg scharf nach Süd abbog, bot sich mir der erste grandiose, von der Sonne beschienene, Blick auf den Hochkalter.

Im Schatten liegt ein Weg, der bergauf führt. Im Hintergrund sind Berggipfel
Noch bewege ich mich im kühlen Schatten, bergauf zur Blaueishütte, der spitze Gipfel, zweiter von rechts, ist der Hochkaltergipfel

Unmittelbar danach kam eine Bank, auf der ich vorzüglich frühstückte. Die Blaueishütte passierte ich ohne Einkehr und folgte dem gerölligen Steig in die Wand. In der Karte ist die Linie ab dem Wandfuß als Klettersteig eingezeichnet. So hatte ich die komplette Ausrüstung dabei. Mit einigen Wanderern aus Vilsbiburg (vom örtlichen Musikverein) wechselte ich mich immer wieder in der Führung ab. Das Panorama zurückblickend war zu großartig. Oben am Grat machte ich eine ausgedehnte Rundschau-Pause, bevor ich den Vilsbiburgern folgte. Überall waren Kletterpassagen im I und II Grat, aber nirgends ein Seil zum Einhängen. Steinschlag war auch nie zu befürchten, denn der Fels war fest. Die Markierungen waren teils schlecht zu finden, aber man musste ja immer in der Nähe des Grates bleiben. Erstaunt war ich vor der ersten, steilen Wand, an der sich die Markierung kerzengerade nach oben zog. Wirklich nichts zum Sichern! Zwar auch keine schwierige Kletterei, aber angst- und schwindelfrei sollte man sein. Um keine Schwierigkeiten aufkommen zu lassen, sollte man auch bis in den III., IV Grad klettern können. Andere Wanderer, die ich überholte, halfen sich gegenseitig bei der Tritt- und Griffsuche, bei einem älteren Paar lief die Frau „am langen Seil“, das der Seilpartner immer wieder um Blöcke wand bei brenzligen Stellen.

Beim Gipfel des Kleinkalter kann man den schwindenden Blaueisgletscher sehen und hinüber zum Watzmannmassiv schauen.

In einem schattigen Berghang liegt der Rest des Blaueisgletschers
Der Blaueisgletscher nimmt immer mehr ab
Bergmassive, das vordere ist der Watzmann
Vom Hochkalter kann ich zum Watzmann hinüberschauen

Ab dem Kleinkaltergipfel überschaut man den Weg weiter zum Hauptgipfel recht gut. Es geht mal links, mal rechts um große Blöcke, auf- und manchmal auch wieder abwärts.

Eine Bergsteigerin steht auf dem Gipfelkreuz des Hochkalter
Noch bin ich nicht belehrt über den Unsinn auf Gipfelkreuze zu steigen. Aber der Hochkaltergipfel ist mehr als erreicht

Am Hochkaltergipfel machten wir eine, von den Bergdohlen gut besuchte, Essensrast. Es war wunderschönstes, heißes Sommersonnenwetter mit grandioser Aussicht, kaum diesig. Ach, wenn man doch all die Massive und Berge mit Namen kennen würde, die in so weiter Ferne zu sehen waren!

Wir stiegen durch das Ofental ab, der Name machte sich bei diesen heißen Witterungsbedingungen alle Ehre. Das Ofental ist hauptsächlich eine Geröllhalde, erst in der Vegetationszone ließ es sich angenehmer laufen.

Ein Schutttal liegt zwischen den Bergen
Das Ofental macht seinem Namen alle Ehre, es ist unglaublich heiß und die Steine strahlen die Sonnenhitze zurück

Kurz nach 14.00 Uhr waren wir am Hintersee. Um Schweiß und Staub abzuwaschen, gingen wir schwimmen. Schwimmen ist eigentlich zu viel gesagt, denn das Wasser hatte sicherlich nicht mehr als 10°. Kurzes Untertauchen mit heftigem Luftschnappen ist wohl die bessere Bezeichnung. Am Kiosk tranken wir noch was zusammen und gingen dann zu den Autos. Die Vilsbiburger machten sich auf den Heimweg, ich fuhr zum Parkplatz Wimbachtal und wartete auf meinen Südtiroler Bergkamerad Hans Gamper, der dort gegen 17.00 Uhr mit noch zwei Freundinnen aus München eintreffen wollte. Wir hatten die Watzmannüberschreitung schon im Juni ausgemacht. Toll dass es nun dieses Wochenende mit so schönem Wetter klappte. Ich döste etwas im Auto und sprach mit Leuten, die von der Watzmannüberschreitung zurückkamen. Es waren Leute Anfang 50, die um 5:30 Uhr am Watzmannhaus losgelaufen und um 14:30 am Parkplatz im Gasthaus waren, also nur 9 Stunden benötigten. Wenn ich es genauso schaffen könnte, dachte ich mir, wäre ich am Sonntag Abend zur normalen Schlafenszeit in meinem Bett. Helme und sonstige Kletterausrüstung habe ich bei den Wanderern nicht gesehen, obwohl eine Frau auf der Suche nach irgendwas den Rucksack komplett auspackte.

Watzmann

Da über den Watzmann der Klettersteig so wie beim Hochkalter eingezeichnet war, entschloss ich mich, nur Bandschlingen und Karabiner mitzunehmen, um mir provisorisch, falls es nötig würde, mit meinem Rucksack eine Sicherung zu bauen. Da wir nicht drauf hoffen konnten, bei solchem Kaiserwetter im eigentlichen Watzmannhaus noch Platz zu finden, nahm ich Schlafsack und Isomatte in den Rucksack. Den Helm, Gurt und das Eisenzeug ließ ich im Auto.

Um 17.30 Uhr kam Hans mit Maruja und Sabine und wir marschierten los zum Watzmannhaus. Hans ging es langsam an, denn die drei wollten sich erst warmlaufen. Ich trennte mich nach einiger Zeit von ihnen, denn ich war gut im Schritt vom Hochkalter und wollte am Ziel ankommen. Nach 3 Stunden war ich völlig erschöpft, genau bei Sonnenuntergang am Watzmannhaus. Ich hatte an diesem einen Tag über 3.300 Höhenmeter im Aufstieg und ca. 2.000 m im Abstieg geschafft. Ich war zufrieden. Meine „schlechte“ Leistung am Elbrus hatte also nichts mit körperlichen Problemen zu tun, sondern mit schlechter Akklimatisation. Oder damit, dass ich über 4.100 Höhenmetern einfach weniger leistungsfähig bin.

Aber ich sehnte mich nun nach einer Radlermaß. Die Hütte war völlig überfüllt. Wir rückten ganz eng mit anderen am Tisch zusammen und tranken und redeten. Später wurden wir zum Schlafen in ein Nebengebäude eingewiesen. Als ich im Schlafsack lag, schlief ich sofort ein, Hans und die Frauen tranken noch eine Flasche Südtiroler Rotwein und aßen noch Südtiroler Brot und Speck und Käse. Die drei hatten beim Wecken um 4.30 Uhr dann auch Kopfschmerzen, entsprechend langsam kamen wir los, es dämmerte bereits.

Die Dämmerung steigt in der Dunkelheit auf. Ein Bergmassiv im Hintergrund
Aufstehen und losgehen bevor es voll wird am Watzmann. Die Langzeitbelichtung verwackelt die Morgendämmerung allerdings

Viele waren unterwegs, doch die meisten standen spät auf und frühstückten in der Hütte. Ich merkte die Anstrengung des Vortages. Nein, heute lief es nicht so gut wie gestern. Wir frühstückten kurz unterhalb des Hockecks, der Gipfel war vor Menschen nicht zu sehen.

Drei Bergsteigerinnen frühstücken in Felsen sitzend
Nun lassen wir uns das Frühstück schmecken. Foto: Hans Gamper
Von der Höhe sieht man die Felsen, die Watzmannkinder genannt werden. Im Hintergrund Bergpanorama
Ich schaue hinab zu den Watzmannkindern und genieße die Aussicht ins Bergpanorama nach Westen
Der Blick schweift zum Massiv des Hochkalter
Da bin ich gestern drüber geflitzt. Der Hochkalter in gesamter Pracht und Länge

Am Hocheck kehren viele um, denn die Überschreitung ist hochalpin. Da ich mich nicht richtig erkundigt hatte, wusste ich das nicht! Ich bereute sofort, die Ausrüstung im Auto gelassen zu haben. Bei uns in der Sektion Weinheim vom DAV wird viel Ausbildungsarbeit in Sicherungstechnik gesteckt. Aber was nutzt die beste Sicherungstechnik und Ausbildung, wenn die Ausrüstung im Auto liegt? Mit schlechtem Gewissen gegenüber meinen Ausbildern, baute ich mir eine provisorische Sicherung. Zwei Bandschlingen befestigte ich am Hüftgurt des Rucksacks und legte sie mir von hinten zwischen den Beinen durch. Eine weitere zog ich unter den Rucksackträgern und deren aufgenähten Schlaufen durch. Meine Bandschlinge zog ich durch die „Beinschlaufen“, machte meinen Sackstich am Anseilpunkt und verband den „Brustgurt“ ebenfalls mit einem Sackstich. Die zwei anderen 120er Bandschlingen zog ich mit einem Ankerstich durch den Anseilpunkt und befestigte die Karabiner. So hatte ich zwar nicht viel Bewegungsfreiheit, aber auch keine Falltiefe falls ich abrutschen würde. Leichtsinnig! – schoss es mir durch den Kopf. Die meisten Leute gingen allerdings frei, ganz ohne Sicherung. Von den ca. 300 Menschen, die an diesem Tag unterwegs waren, traf ich nur ein Pärchen, dass mit kompletter Klettersteigausrüstung unterwegs war. Aber nur die Frau benutzte es, den Mann sah ich nie die Karabiner einhängen.

Direkt nach dem Hocheck ist eigentlich auch alles frei zu gehen, wenn man die Hochkaltermaßstäbe zu Grunde legt. Dort hatte es ja nix zum Einhängen gegeben. Der Fels ist durch die vielen Menschen, die über den Watzmann gehen, vielfach sehr speckig und rund abgelaufen. An manchen, einfachen Stellen gab es ein Drahtseil, an anderen, teils von mir als schwieriger empfundenen Kletterstellen, war keines. An ein paar pikanten Stellen nutze ich mein Provisorium. Diese Art von Tourengehen macht mir ungeheuer viel Spaß. Großartige Aussichten, leichtes Klettern und manchmal nur wandern. Ich verweilte mich oft und genoss die Aussicht, mal runter zum Königsee, mal wieder erfreute ich mich am Anblick des Hochkalter. Trotzdem kam ich schneller voran als die drei anderen und lief manchmal in einer Gruppe von Münchnern mit, mit denen ich Unterhaltungen anfing. Auf der Mittelspitze wartete ich auf meine drei eigenlichen Begleiter.

Drei Bergsteigerinnen sitzen vor dem Mittelgipfel des Watzmann
Der Watzmann Mittelgipfel

Von Bartholomä her dröhnten Böllerschüsse, auf dem Königsee sah man Schiffe fahren. Tja, das da unten hatte ich mir noch gar nicht angeschaut. Eigentlich hatte ich die Überschreitung über zwei Tagen machen wollen. Ab der Wimbachgrieshütte hätte ich nach „links“ abbiegen und mit dem Schiff ab Bartholomä nach Königsee fahren wollen. Da Hans und seine Freundinnen aber erst ab Samstag spätnachmittags konnten, wählten wir den Sonntag für die Watzmannüberschreitung mit dem rückweg über das Wimbachgries und ich machte die Hochkalterüberschreitung am Samstag.

Von der Mittelspitze aus hat man einen herrlichen Ausblick auf die Watzmannkinder und die Watzmannfrau. Die Ostwand, die zur Südspitze hinaufführt, kann man teilweise auch einsehen, ebenso den weiteren Verlauf bis zum Südgipfel.

Vom Mittelgipfel geht der Blick zu den Felsen der Watzmannkinder, im Tal ist die Wallfahrtskapelle Bartholomä zu erkennen
Die Watzmannkinder vom Mittelfgipfel aus. Im Tal ist die Wallfahrtskapelle Bartholomä zu erkennen
Vom Mittelgipfel des Watzmanns kann man den Weg zum Südgipfel über den Grat sehen
Der Weg zum Südgipfel geht es weiter ausgesetzt über den Watzmanngrat

Es waren Unmengen von Leuten unterwegs, wie ruhig war es doch gestern am Hochkalter! Nach einer Fotorast liefen die Münchner wieder gleichzeitig mit uns los. An manchen Stellen führte der Pfad offensichtlich in eine Richtung weiter, aber die Markierungen fehlten. So mussten wir öfter nach ein paar Schritten umdrehen, um der Markierung zu folgen, die irgendwo versteckt angebracht war und schräg nach oben über festen Fels weiterführte. Es ging immer wieder steil aufwärts, auf noch ein Gipfelchen und immer wieder genau so steil abwärts in eine Senke, ein Stückchen eben und dann wieder steil hinauf. Die Ausblicke und Einsichten, die Wandabstürze und der Blick ins Voralpenland und weit, weit, vielleicht bis ins Stubai und die Zillertaler – einfach irre.

Der Grad zum Südgipfel geht hinab und steil hinauf
Der Südgipfel kommt näher, am Kreuz sind schon Bergsteiger zu sehen

Hans, als Bergsteiger von Kindesbeinen an, hatte die Schwierigkeiten mit der Wegfindung nicht, so war der Abstand zwischen dieser Dreiergruppe und mir in der Münchner Gruppe nicht sehr groß. Nun sahen wir schon Leute in kurzer Entfernung auf der Südspitze sitzen.

Steil geht es durch die Felsen zum Südgipfel hinauf
Steil geht es durch die Felsen zum Südgipfel hinauf. Irgendwo da oben steigen wir fälschlicherweise nach rechts, statt der Markierung zu folgen

Der Weg zog sich rechts um einen steilen Fels herum und endete abrupt an einer steilen, ca. 10 m hohen Rinne und einem viele hundert Meter tiefen Abgrund. Tja, mal wieder umkehren, diskutierten wir. Aber auch, na, die Rinne ist gut zu klettern, da waren heute schon schwierigere Stellen.

Martin stieg als erster ein, er musste gleich ziemlich ausspreizen, dann ging es einfacher. Sofort stieg ich auch ein, denn die Kletterstelle erschien mir für mein Können leicht. Die etwas schwierigere Stelle hatte ich passiert und konnte an großen Griffen und Tritten sicher steigen, als Martin plötzlich „Achtung“ schrie. Instinktiv drückte ich mich an die Wand und senkte den Kopf. Ich spürte einen Schlag auf den Kopf und ein Wanderschuhpaar-Großer Stein rutsche nach vorn zwischen meinen Armen durch auf die Füße. Im gleichen Augenblick lief mir Blut auf mein rechtes Brillenglas. „Au, au, au,“ schrie ich und schaute nach oben. Es war nur noch eine Körperlänge bis zum Ausstieg, an dem Martin den Stein unabsichtlich losgetreten hatte und nun hilflos stand.

Von unten kamen erschrockene Rufe, Martin rief, ich solle abklettern. Aber dazu erschien mir die Einstiegsstelle zu schwierig, es gab nur den Weg hinauf. Ich blutete furchtbar. Mit wenigen Griffen und Tritten, unter Anweisungen von Martin, denn ich war ziemlich blind mit dem Blut auf den Brillengläsern, stieg ich schnell zu ihm. Wir packten mein Erste-Hilfe-Päckchen aus. Mist, den meisten Mull und die Binden hatte ich ja schon verbraucht und nicht ergänzt!!

Aber Hans und seine Freundinnen hatten den vernünftigen Weg außen herum gewählt und kamen uns von oben zu Hilfe. Wir waren nur mehr 10 m vom Gipfelkreuz entfernt. Hans half mir hinauf und übergab mich Maruja und Sabine. Sie sind beide Ärztinnen, also hatte ich Glück im Unglück. Wie groß die Platzwunde, bzw. ob es mehrere waren, versuchten wir gar nicht herauszufinden. Sie desinfizierten die Stelle am Hinterkopf großzügig und machten einen sehr guten Druckverband vom Hinterkopf zum Kinn.

Zwei Bergsteigerinnen legen einer Bergsteigerin einen Druckverband am Kopf an. Im Hintergrund das Gipfelkreuz des Watzmann-Südgipfels und weitere Bergsteiger
Die zwei Ärztinnen legen einen festen Kopf-Druckverband an – Glück im Unglück, dass sie da waren! Foto: Hans Gamper

Schmerzen hatte ich nur von der Wunde, aber keine Kopfschmerzen. Kreislaufprobleme hatte ich auch keine und schlecht wurde mir auch nicht, eher das Gegenteil. Ich hatte Riesenhunger und wollte eigentlich auf der Südspitze Mittagrast mit Essen und Trinken machen. Aber auf Grund des Druckverbandes bekam ich die Zähne nur ca. einen Zentimeter auseinander. So schob ich mir sprichwörtlich meine Bioladen-Amaranthriegel zwischen die Zähne und war froh um meinen Trinkschlauch, der auch zwischen die Lippen passte. Ich versuchte, erst mal nur die Umgebung zu genießen, denn diese Aussicht würde sich mir wahrscheinlich nicht mehr bieten.

Der Blick vom Berg geht hinab zur Wallfahrtskapelle Bartholomä
Hier irgendwo kommt der Weg durch die Ostwand heraus. Der Startpunkt ist hinter Bartholomä an der Felswand

Die umhersitzenden Bergsteiger waren alle sehr besorgt und ich wurde von vielen beobachtet, denn so ein Stein hätte ja eine Gehirnerschütterung mit allen Folgen verursachen können. Aber in mir gärte nur der Ärger über mein unvernünftiges Verhalten. Da wird man so gut ausgebildet und im Zweifelsfall verhält man sich aus Unvernunft doch anders. Einige Helme kamen nun aus den Rucksäcken zum Vorschein, die ob der Hitze beim Abstieg schnell wieder abgesetzt wurden.

Außer meinem Ärger machte mir auch die Sonne zu schaffen. Mein Sonnenhut und mein Nickituch waren voll Blut, als Sonnenschutz wand ich mein Trekkinghandtuch um den Kopf. Nach einer halben Stunde, als die anderen Beteiligten „sicher“ waren, dass ich wahrscheinlich fit sei, machten wir die Gipfelfotos und packten zusammen.

Drei Bergsteigerinnen und ein Bergsteiger stehen am Südgipfel des Watzmann. Eine Bergsteigerin hat einen Kopfverband
Gipfelglück am Südgipfel des Watzmann. Der Münchner Martin steht neben mir. Den Sonnenhut brauche ich wohl nicht mehr. Foto: Hans Gamper
Drei Bergsteigerinnen und ein Bergsteiger am Südgipfel des Watzmann. Eine Bergsteigerin hat einen Kopfverband
Der Gamper Hans und seine Münchner Bekannten mit mir am Südgipfel. Foto: Martin der Münchner Bergkamerad

Martin bestand darauf, beim Abstig meinen Rucksack zusätzlich zu seinem zu nehmen und blieb in meiner unmittelbaren Nähe. Er machte sich genauso große Vorwürfe, wie ich mir selbst. Vor dem Abstieg offerierte mir eine Frau Bachblütentropfen zur Vorbeugung von Kopfschmerzen, die ich auch nahm.

Ein Bergsteiger trägt zwei Rucksäcke über Geröll hinab
Martin trägt meinen Rucksack, ich soll meine Kraft fürs Absteigen verwenden

Der Abstieg ging ziemlich langsam, weil ungeheuer viele Leute unterwegs waren. Auch hier konnte man sich leicht versteigen, aber wir waren nun auf der Hut. Weiter unten, kurz vor dem großen Geröllhang, trat weiter oben noch mal ein Bergsteiger in der „offiziellen“ Rinne einen Stein los, der aber keinen Schaden anrichtete.

Durch Gröllfelder geht der steile Pfad durch das Watzmannkees hinab. Der Südgipfel überragt den Schutt
Durch Geröllfelder geht der steile Pfad durch das Watzmannkees hinab. Der Südgipfel überragt den Schutt

Am Hubschrauberlandeplatz im Schönfeld nahm ich Martin meinen Rucksack wieder ab. Ich fühlte mich fit, die Wunde pochte nicht mal, und ich trennte mich von Hans und seinen Begleiterinnen, die an verschiedenen Stellen noch verweilen wollten. Ich wollte nur schnellstmöglich ins Tal und ins Krankenhaus. Martin und ein Teil seiner Gruppe begleiteten mich weiterhin. Als wir unten im Tal ankamen, wo die einzigen aufrechtwachsenden Latschenkiefern der Welt wachsen – oder sind es Zirben?, waren wir von der Wildheit des Gebiets sehr beeindruckt. Welche Kraft das Wasser bei der Schneeschmelze entwickelt, um dieses Gelände wieder und wieder neu zu formen? Wir kehrten in der Wimbachgrieshütte auf eine Apfelschorle ein. Den Wirt fragte ich, ob er mich mit dem Auto bis zum Parkplatz fahren könnte. Aber er antwortete, die Straße sei nur für Privatfahrten zugelassen.

Tja, dann nicht. Martin und ich gingen die 10 km zum Parkplatz einen flotten Schritt und waren nach 1 ½ Stunden an meinem Auto.

Vom Tal des Wimbachgries kann man einen Teil des Watzmanngrates, der oben liegt, überblicken
Der Blick geht hinauf vom Wimbachgries zum Watzmanngrat
Ein schottriges Bergtal im Hintergrund Berggipfel
Die Sonne brennt unbarmherzig ins Wimbachgries

Martin fuhr mich zum Krankenhaus, in dem erfreulicherweise wenig los war und ich sofort dran kam. Seit dem Unfall waren exakt 6 Stunden vergangen. Leider machten sich der Arzt und die Krankenschwester nicht die Mühe, am ganzen Hinterkopf nach geplatzten Stellen zu suchen. Ich hatte zwei große Risse, die mit jeweils 6 Stichen genäht werden mussten. Wobei ein Riss einen 7. Stich am Ende, das nicht freirasiert und somit nicht gesehen wurde, durchaus vertragen hätte. Weiterhin hatte ich drei kleinere Risse, die mit 1-2 Stichen hätten genäht werden können. Dies stellte meine Tochter jedoch erst am nächsten Tag, bei eingehender Untersuchung fest.

Ich hatte den ganzen Abstieg allein bewältigt und fühlte mich auch weiterhin gut. Daher verzichtete ich aufs Röntgen und ich nahm auch keine Schmerzmittel. Ich musste auf dem Heimweg sowieso über München fahren und hatte mit Martin ausgemacht, dass er mich in meinem Auto bis München chauffieren sollte. Die örtliche Betäubung an den Kopfwunden würde irgendwann nachlassen und ich wusste nicht, wie ich das verkraften würde. Ab München hätte ich zumindest die Möglichkeit, einen schnellen Bahnanschluss nach Hause zu bekommen.

Durch den regen Wochenendheimkehrer Verkehr waren wir erst um 22.00 Uhr in München. Ich war zwar müde, aber die Schmerzen waren derart, dass es nicht zu weh tat, mich aber am Einschlafen hinderte. So fuhr ich, nach einem herzlichen Abschied von Martin, noch eine Stunde, bis ich eine Schlafpause auf einem Parkplatz einlegte. Von Schmerzen geweckt fuhr ich weiter und war um 2.30 Uhr endlich daheim.

Vermeidung von Bergunfällen

Meine Tochter Karen wusch mir am Morgen in zweierlei Hinsicht den Kopf. Für beide Arten war ich dankbar. Die Erste reinigte den Kopf und wusch die blutverkrusteten, abrasierten Strähnen weg. Die Andere lies mich deutlich merken, wie wenig egal ich meiner fast 18-jährigen Tochter war. Aber ich glaube, dass hätte ich auch mit einer weniger schmerzhaften Aktion herausbekommen können.

Mit vielen Stichen sind Platzwunden am Hinterkopf genäht
Der Arzt hat gute Arbeit geleistet, aber nicht alle kleinen Platzwunden genäht. Eine Schönheit werde ich mit rasiertem Kopf wohl nicht mehr sein

Ich bin mir sicher, dass einige Leser dieses Blogbeitrags den Kopf schütteln, weil ich so fahrlässig mein Leben riskiert habe – sie haben recht damit. Hätte ich mich nicht so instinktiv fest an die Wand gedrückt und einen guten Stand gehabt, wäre ich abgestürzt. Wäre der Stein größer oder seine Falltiefe weiter gewesen, hätte es mich unweigerlich aus der Wand geworfen. Der unten bei der Rinne wartende Rest der Gruppe meinte, dass ich viele hundert Meter den Berg hinunter gefallen wäre. Ich habe meinen Schutzengel strapaziert und danke ihm für seine Leistung.

Aber ist es nicht so, dass die meisten Unfälle aus der Nichtanwendung von vorhandenem Wissen resultieren? Ich hoffe, dass ich aus dieser Erfahrung lerne und wünsche mir, dass andere Leute den Watzmann nicht so schlecht ausgerüstet angehen. Denn fast wäre er mein Schicksalsberg geworden!

Jede und jeder sollte sich vor Bergtouren über mögliche Gefahren und den Streckenverlauf informieren. Das Wissen, das jede und jeder hat, sollte jede und jeder auch anwenden. Bequemlichkeit am Berg, statt überlegtem Handeln, kann nur schaden. Immer konzentriert, immer aufmerksam schützt vor Verletzungen und kann Leben retten.

(PS. Ich habe aus der Erfahrung gelernt und in den folgenden Jahren die Ausbildung zum Fachübungsleiter Bergsteigen beim DAV gemacht. Und mein Wissen zur Unfallvermeidung gebe ich vielfältig weiter!)

Hervorheben möchte ich aber noch mal die Bergkameradschaft von Martin. Er war nicht schuld! An nichts! Denn in einer nicht oder wenig begangenen Rinne können lose Steine durch die kleinste Bewegung ins Rutschen geraten. Wir hätten umkehren und auf dem offiziellen Weg gehen sollen. Und, wenn in einer Rinne vorgestiegen wird, dann muss man warten, bis die Rinne frei ist! Und sowieso einen Helm tragen, der schützt vor Steinschlag! Beides habe ich nicht beherrzigt, obwohl ich es wusste! Trotzdem er für den Unfall nichts konnte, hat Martin sich um mich gekümmert. Hat mir geholfen. Mir den Rucksack beim Abstieg getragen. Seine Gruppe verlassen und mich ins Krankenhaus und nach München begleitet. Ich empfinde sein Verhalten als vorbildlich. Herzlichen Dank!!!

Dank auch nochmals an Maruja und Sabine für die kompetente Erste-Hilfe. Ohne den tollen Druckverband wäre der Blutverlust sicherlich größer und der Abstieg gefährdet gewesen.

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