Nibelungensteig Etappe 3 – Gassbachtal – Erbach-Bullau

Nibelungensteig Etappe 3 – Gassbachtal – Erbach-Bullau

Dieser Blogbeitrag kann unbezahlte Werbung enthalten. Auf meinen Bildern und Videos trage ich Kleidung und Ausrüstung, deren Brands sichtbar sein können. Ich beschreibe Destinationen namentlich, sonst kann ich nicht über sie berichten. Wer mir Werbung bezahlt, entnimm bitte unter Zusammenarbeit.

Die offizielle 3. Etappe des Nibelungensteigs führt von Grasellenbach nach Erbach-Bullau. Landschaftlich wunderschön, über immer andere Odenwaldhöhen. Spannende Aussichten und kulturhistorische Besonderheiten säumen die beinahe 30 Entfernungskilometer. Für mich ist das der Entscheidungstag.

Das Trekkinggepäck muss nach Hause

Auch an diesem Morgen erwache ich mit weniger „Körperschmerzen“ als ich es gestern Abend vermutet hätte. Da ich seit frühester Kindheit Sport gemacht habe, kann mein Körper schnell auf „Belastung“ umstellen und sich anscheinend immer noch schnell regenerieren. Der Körper schon – aber nicht die Füße! Die tun weh. Die Fußsohlen hauptsächlich. Das kenne ich überhaupt nicht!

Das Frühstück muss ich um 8 Uhr einnehmen, da wegen Corona nur eine begrenzte Anzahl Menschen im Frühstücksraum des Hotels und Cafés Gassbachtal sein dürfen. Es gibt ein Buffet, an dem man sein Frühstück zusammenstellen kann. Die Brötchen werden in einem Körbchen an den Tisch gebracht, ebenso ein Frühstücksei. Den Kaffee kann ich am Automaten selbst drücken.

In kleinen Weck-Gläsern sind die unterschiedlichsten Müslisorten, Nüsse und Samen in kleinen Portionen verpackt, ebenso verschiedene Yoghurts. Ich stelle mir ein leckeres Müsli zusammen, nehme mir Frischmilch in einer kleinen Flasche dazu und noch einen mit Frischhaltefolie versiegelten Teller mit Käse. Nach dem Müsli kann ich nur noch eines der Brötchen essen. Auf die zwei anderen lege ich mir den Käse und wickele sie in die Frischhaltefolie ein, die um die Käseteller war. So habe ich eine kleine Vesper um die Mittagszeit.

Ich habe meinen Rucksack bereits umgepackt. In eine Stofftasche habe ich den Schlafsack und die Müslischale mit Müsli gestopft, oben im Rucksack habe ich Zelt und Schlafmatte, um sie im Paketshop schnell entnehmen zu können. In Grasellenbach gibt es ein Drogerie mit einem DHL-Shop, ich hoffe, dort ein Paket nach Hause aufgeben zu können.

Ich wandere in den frischen Morgen hinaus. Die Sonne wird heute nochmal alle Sommerkraft entfalten, aber im Moment ist es gut, das ich den dünnen Langarmpullover von Devold trage. Meine Füße müssen den Schmerz erst weglaufen. Als ich an der Drogerie ankomme, laufe ich schon runder. In ein DHL-Packset „L“ passen meine drei Dinge gut hinein und das Zurücksenden kostet mich 7,41 € und das Packset 2,42 €. So günstig hätte ich mir die Lasterleichterung nicht vorgestellt!

Ein gelbes Postpaket steht auf einer Waage, die 4.570 kg anzeigt
Meine Trekkingausrüstung passt in das Postpaket und ich wandere mit über 4,5 kg weniger Gepäck weiter

Ich kaufe mir auch noch Tape von Hansaplast, um das Blasenpflaster zu verkleben. Gestern hatte es sich in den Socken gelaufen, dass soll heute nicht wieder passieren. Und dann geht es richtig los mit meiner 3. Etappe auf dem Nibelungensteig. Heute bereits um kurz nach 9 Uhr. Ausführliche Informationen zum Nibelungensteig und zum Nibelungenland findest Du hier.

Aufzeichnung der Wanderung auf Komoot

Die Wanderung habe ich auf Komoot aufgezeichnet, so kannst Du sie einfach nachwandern.

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Oder Du folgst mir und dieser Wanderung auf meinem Komoot-Account.

Siegfriedbrunnen in Grasellenbach

Ich bin froh über meine Entscheidung und kann nun wesentlich leichter weiterwandern. Ohne Trekkinggepäck habe ich nicht nur weniger zu tragen. Ich habe es auch bequemer, weil ich in Pensionen schlafe und kein Zelt auf- und abbauen muss. Bei den langen Etappen ist das auch immer ein „Zeitfresser“. Obwohl ich sehr gerne im Zelt schlafe und mir das ursprüngliche, das nur mit mir sein, das draußen schlafen, unmittelbar in der Natur sein, auch sehr gut tut.

Der Weg führt aus Grasellenbach hinaus und ich studiere gerade eine altertümliche Tafel, die auf den Siegfriedbrunnen hinweist, als eine geführte Gruppe Mountainbiker an mir vorbeifährt. Alles Männer, alle älter als ich. Ich strecke meinen Daumen raus, da sie offensichtlich auch zum Siegfriedbrunnen fahren, aber ich ernte nur Gelächter und lustige Sprüche, die ich erwidere. So ein erfrischendes Geplänkel finde ich schön und noch beschwingter steige ich durch die Äcker in Richtung Wald.

Im Vordergrund ein umgepflügter Acker, dahinter ein Dorf, dahinter ein Wald und auf dem Berg Windräder
Der Blick geht über Grasellenbach und rechts den Kahlberg mit seinen Windrädern

Nun geht es wieder in schönen Mischwald, der im Schatten noch recht kühl ist. Die Tafeln am Wegrand erzählen in chronologischer Reihenfolge die Sage der Nibelungen.

Ein Waldweg in einem Mischwald
Der Weg zum Siegfriedbrunnen führt durch Mischwald bergauf

Wieder muss ich genau aufpassen, denn der Weg zum Siegfriedbrunnen geht plötzlich auf einem schmalen Wurzelweg nach rechts weiter. Die Mountainbiker verlassen die Quelle bereits wieder, so habe ich sie für mich.

Ein Gedenkstein mit einem Kreuz im Wald, links davon einige Steine mit einer Quelle
Links aus der Siegfriedquelle tröpfelt es in diesem trockenen Sommer nur, rechts der Gedenkstein mit einer Inschrift

„Do der herre Sifrid ob dem brunnen tranch,
er schoß in durch das chruze das von den wunden spranch
das blut von dem herzen vast an du Hagenen mat.
So großer missewende ein held nu nimmer begat“

Zitat auf dem Stein

Rund um die Quelle stehen Tafeln, die die Geschichte weiter erzählen. Kriemhild, die Schwester des Burgunderkönigs Gunter und Frau des Nibelungenkönigs Siegfried, hatte sich mit ihrer Schwägerin Brunhild überworfen, die sich gedemütigt fühlte und auf Rache sann. Hagen von Tronje war ein treuer Vasall seiner Herrin Brunhild und wollte ihre Rache ausführen. Er erfuhr von Kriemhild, die ihm seit ihren Kindertagen vertraute, die verletzliche Stelle Siegfrieds und erklärte ihr, dass sie die Stelle auf dem Gewand von Siegfried kennzeichnen solle. So könne er Siegfried im Kampf besser schützen. Als beide bei der Jagd an dieser (oder einer anderen Stelle) im Odenwald tranken, stieß Hagen Siegfried den Speer in die gekennzeichnete, verwundbare Stelle. Eine Tragik, die später ihre Fortsetzung fand, aber das musst Du selbst lesen, wenn Du unterwegs bist. Aber auch bei diesem Streit ging es nur um Liebe und Hass, Treue und Mord, Macht und Magie, Eitelkeit und Eifersucht und kostete viele Menschenleben. Irgendwie habe ich das Gefühl, das Menschen aus der Geschichte doch keine Rückschlüsse auf ihr Leben ziehen können?

Ich verklebe auf einer Bank sitzend noch meine Füße. Das Blasenpflaster fixiere ich damit und eine druckempfindliche Stelle am rechten Fuß schütze ich so – meine ich…

Mein Wanderweg zieht sich nun wieder bergauf durch den schönen Wald und gewährt mir manchmal einen Ausblick.

Auf einer Waldhöhe sind im Hintergrund andere Bergrücken zu sehen
Auf den Odenwaldhöhen habe ich selten Ausblick. Hier schaue ich nach Norden, im Dunst ist der Spessart zu erkennen

Nach langem Bergauf bin ich auf der Höhe, die sogar eine Picknickgelegenheit bietet. Da mein Frühstück aber erst kurz zurückliegt, nehme ich das Angebot nicht an. Allerdings verrät mir der Name, dass das Gebirge bei der Aussicht zuvor doch der Spessart gewesen sein muss.

Eine Rastbank mit Tisch seht in einem Wald, an einem Baum hängt ein Holzschild mit Spessartkopf
Auf dem Spessartkopf mit 547 m Höhe ist eine Picknickbank

Rote Wasser von Olfen

Nun geht es wieder hinab und ich erreiche das Hochmoor oberhalb von Olfen. Es nennt sich „die Roten Wasser von Olfen“, Braunalgen sorgen für diesen Namen. Allerdings ist das Moor in diesem langen, heißen und trockenen Sommer 2020 ausgetrocknet.

Ein Weg im Hochmoor mit Heidegewächsen links und rechts
Dieser Weg ist total schädlich für das Moor, aber die Obere Naturschutzbehörde aus Darmstadt leitet Wanderer auf diesem wilden Weg durch das Moor

Auf einem Schild vor der Umleitung, werden Wanderer darauf hingewiesen, dass sie aufpassen sollen, im Moor nichts zu zerstören. Man soll auf dem Weg bleiben (der allerdings gesperrt ist) oder den als Umleitung gekennzeichneten Weg benutzen. Dieser Umleitungs-Weg hat aber das Moor vom Waldrand mittlerweile völlig getrennt und zerstört. Im Baltikum haben wir viele Hochmoore durchwandert, aber immer waren Bohlenwege angelegt, die einen minimalen Eingriff in den Untergrund darstellen, weil die Besucher darauf „geleitet“ werden und das Moor mit seinen Rändern intakt bleibt. Nachlesen kannst Du das zum Beispiel bei meinem Blogbeitrag über den Soomaa Nationalpark in Estland.

Die Umleitung ist ausgeschildert durch das Moor
Die Umleitung ist am Waldrand ausgeschildert, völlig ohne Wegebau. Da ich dieses Bild mache, weil mich diese Ignoranz der Oberen Naturschutzbehörde so ärgert, achte ich nicht auf meine Markierung und gehe prompt in die falsche Richtung
Der Blick geht über ein trockenes Hochmoor mit unterschiedlichen Moosfarben
Die “Roten Wasser von Olfen“ sind ein Hochmoor, das im Sommer 2020 völlig ausgetrocknet ist

Allerdings hätte ich den Blick über das Moor verpasst, wenn ich nicht  falsch abgebogen wäre.

Ein Bohlenweg führt durch einen Teil des Hochmoores, links und rechts Gräser
An dieser Stelle ist auch ein Bohlenweg im Moor, von dem ich mich zusätzlich habe ablenken lassen. Der Nibelungensteig biegt bei den „Umleitung“-Schildern links ab, wer rechts 50 m hinunter geht, hat diesen Ausblick auf das Moor

Als ich merke, dass ich mal wieder falsch laufe, gehe ich zurück und suche die letzte Markierung. Nun geht es bergauf und um die Kurve zu einem schönen Blick über ein Tal.

Der Wald öffnet sich und ins Tal hinunter liegen Wiesen und versteckt hinter Bäumen Häuser
Der Ort Olfen liegt versteckt hinter Bäumen im Tal

Weiter geht es hinauf zu einer Straße, die ich queren muss. An dieser Stelle steht wieder eine kulturhistorische Besonderheit.

Ein leerer Bildstock auf einer kleinen Anhöhe
Das Olfer Bild ist ein heute leerer Bildstock an einer Straßenkreuzung. In früheren Jahrhunderten haben die Kirchgänger von Olfen, die nach Güttersbach zum Gottesdienst gingen, hier Rast gemacht. Seine für den Odenwald ungewöhnlich Höhe von 3 m macht den Bildstock so besonders

Gütterbach und Hüttenthal

Ich wandere weiter in leichten Wellen bergauf und bergab durch dichten Wald und als ich aus dem Wald herauskomme habe ich erstens einen schönen Blick und werde zweitens von Kühen begrüßt.

Kühe stehen auf einer Weide, im Tal das Dörfchen Güttersbach und auf der bewaldeten Höhe dahinter Windräder
Der Ausblick oberhalb von Güttersbach

Der Nibelungensteig führt durch den gesamten (kleinen) Ort. In der Nähe der Kirche ist ein Brunnen, der im Gewölbekeller des heutigen Pfarrhauses entspringt. Vermutet wird, das iroschottische Mönche an dieser Quelle, der früher Heilkräfte nachgesagt wurden, die erste Kirche bauten. Noch heute ist Güttersbach ein Heilkurort mit Spa-Hotels. Sogar das kleine Freischwimmbad hat am 19.09.2020 noch geöffnet.

Nach dem Ort geht es mal wieder auf Asphalt steil bergauf bis zum Wald, in dem der Weg in einen Schotterweg übergeht. Ich entdecke wieder Tafeln, diesmal von einem Vogelkundlichen Lehrpfad, die mir schöne Hinweise auch über die Landschaft geben. Wie zum Beispiel beim nachfolgenden Bild.

Ein Fichtenwald
Oberhalb von Güttersbach komme ich an einem Fichtenhain mit einer Erklärungstafel vorbei. Der Wald wurde 1909 gepflanzt, 3 Jahre bevor die Titanic unterging

Weitere Erklärungstafeln folgen entlang des schönen Waldwegs, der auch immer mal wieder Ausblicke in die Umgebung gewährt, weiter hinunter Richtung Hüttenthal. Auch dieser Ort hat einen „Lindelbrunnen“, also eine Stelle, an der Hagen von Tronje Siegfried erschlagen haben soll. Der Ort ist mit den Eisenschmelzen entstanden und wurde 1366 erstmal urkundlich erwähnt. Heutzutage ist Hüttenthal wegen seiner Molkerei bekannt. Die ehemalige Genossenschaftsmolkerei ist mittlerweile in Familienbesitz und die kleinste Molkerei Südhessens. Sie bezieht ihre Milch von 19 Bauernhöfen in unmittelbarer Umgebung. Das ist mal wirklich regional!

Eine Werbetafel weißt auf die Molkerei Hüttenthal hin
Die Werbetafel der Molkerei ist nicht zu übersehen

Viele Familien mit Kindern sind auf dem schönen Spielgelände unterwegs, sitzen auf einer übergroßen Bank zum Picknick oder im Milchgarten. Da am Laden sehr viele Menschen anstehen, mache ich hier keine Mittagspause, sondern wandere weiter. Von meinen beinahe 30 km heute, habe ich erst etwas über 12 zurück gelegt. Wieder geht es bergauf, auf Teer und Schotter, bis ich mit schöner Aussicht an einem Waldrand entlang laufe.

Eine geschwungene Liegerastbank steht im Wald oberhalb eines Weges
Hätte ich gewusst, was mich am Marbachstausee erwartet, hätte ich diese schattige Rastbank benutzt

Die Aussicht geht über das Tal bis zur Staumauer des Marbachstausees.

Über Baumwipfel hinweg ist die Staumauer des Marbachstausees zu erkennen
Über Baumwipfel hinweg ist die Staumauer des Marbachstausees im Tal zu erkennen

Marbachstausee

In großen Serpentinen führt mich der Wanderweg hinunter zum See, der als Hochwasserschutz von 1978 bis 1982 erbaut wurde. Mittlerweile freue ich mich auf eine Rast. Eine Pause vom Gehen, mal Sitzen, Essen und Trinken und Ausruhen. Leider ist die Wiese mit Picknickbänken mit Bauzäunen abgesperrt! So ist keine Rast möglich. Wie ärgerlich!

Eine Picknickbank steht links eines Bauzauns, rechts des Bauzauns verläuft der Wanderweg
Ich kann an einer Stelle durch die Absperrung, um mich endlich mal zu setzen, auszuruhen und meine Brötchen zu essen

Viele Spaziergänger schauen mich verwundert an. Ich komme mir vor wie im Zoo, ‚bitte nicht füttern‘, denke ich mir still. Obwohl es nicht still ist, denn Motorradfahrer dröhnen mit ihren Maschinen auf der gegenüberliegenden Straße dahin. Aber mir tut die Pause sehr gut. Erholt mache ich mich auf die zweite Hälfte meines heutigen Weges. Als ich an der Staumauer ankomme, erhalte ich die Hinweise, die mir, als Wanderer am anderen Seeende ankommend, gefehlt haben.

An einem Bauzaun hängen unterschiedliche Warnhinweise
Am für mich „Ende“ des Sees, bei der Staumauer ist ein Bauzaun mit vielen Warnhinweisen

Da der Marbachstausee in diesem Jahr Blaualgen hat, wurde das „Badegelände“ gesperrt. Aber warum alle Rastbänke auch eingezäunt worden sind? Wegen Corona, wird mir auf das Fragen bei der DLRG erklärt. Aber verstehen kann ich das nicht, gerade als müder Wanderer auf einem Fernwanderweg nicht.

Ich habe bereits gesehen, das der Nibelungensteig einen mir unverständlichen Haken links vor Ebersberg macht. Vermutlich wird so die Straßenkreuzung weiträumig umgangen? Der Verkehrslärm begleitet mich insgesamt etwa 8 km, so lange wird der „Steig“ in Straßennähe geführt. Heute am Samstag ist natürlich erst recht viel Verkehr. Ich stelle beim Bergaufgehen an einer Kreuzung fest, dass mir mal wieder meine Markierung fehlt. Bei einem Blick auf Komoot stelle ich fest, das der Weg, auf dem ich gehe, wieder in den Nibelungensteig mündet. Da war ich wohl mal wieder mit „auf den Boden schauen um dicken Schotterbrocken auszuweichen“ beschäftigt und habe den klitzekleinen Pfeil nach links unter einer Markierung verpasst. Ich mache an der Einmündung ein Foto bergauf.

Ein geschotterter Waldweg führt aus bergauf den Bäumen hinaus auf ein Feld
Von dort oben wäre ich eigentlich gekommen, wenn ich den Abzweig nicht verpasst hätte. So habe ich etwa 500 m „abgekürzt“

Ich hätte also einen noch weiteren Umweg mit noch mehr Höhenmetern gehabt, wenn ich auf dem Nibelungensteig gewandert wäre. Ich finde meine „Abkürzung“ nicht schlimm, verpasst habe ich wahrscheinlich nichts. Nun geht es steil hinab nach Ebersberg und an der B 45 entlang. Motorradfahrer brausen auch hier vorbei. Ich bin selbst früher Motorrad gefahren, aber ich habe immer darauf geachtet, leise zu fahren. Die meisten Motorradfahrer schalten zu spät einen Gang höher, fahren hochtourig und machen daher solchen Lärm. Oder haben Drosselklappen ausgebaut, um Krach zu machen. Anwohner möchte ich hier nicht sein! Ich freue mich auf einen Kaffee im Ort. Aber die einzige Möglichkeit ist von Motorradfahrern okkupiert, die dicht an dicht auf Bänken sitzen. Da möchte ich nicht anhalten. Picknickbänke auf einer Wiese sind wegen Corona gesperrt und an so einer Stelle sitzen die Leute eng beieinander?!

Himbächel Viadukt

Wieder geht es lange auf Dorfstraßen bergauf und auf einem Schotterweg in südliche Richtung. Immer noch begleitet mich der Verkehrslärm, dann geht es endlich bergab. Vor mit sehe ich das Himbächel Viadukt. Unter diesem biege ich nach links in ein endlich wieder ruhiges Tal, in dem der Himbachel fließt.

Mit 10 aus Ziegelsteinen erbauten Bögen überspannt das Himbächel Viadukt das Tal
Mit 10 aus Ziegelsteinen erbauten Bögen überspannt das Himbächel Viadukt das Tal

Das eingleisiges Viadukt wird noch heute von der Odenwaldbahn zwischen Erbach und Hetzbach, genutzt, die über das Tal des Himbachel führt. Die Brücke entwarf der Ingenieur Justus Kramer für die Hessische Ludwigsbahn. Die Bauzeit erstreckte sich von Mai 1880 bis November 1881. (Ich will nicht unken, aber eine Bauzeit für eine Brücke von nur 19 Monaten und dann kann man 140 Jahre später immer noch mit Zügen darüber fahren, ist bei unseren heutigen „modernen“ Brücken undenkbar!) Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wollten Pioniere der Wehrmacht die Brücke sprengen, doch einige Dorfbewohner entfernten die Sprengladungen an den zwei mittleren Pfeilern, als die Soldaten Richtung Erbach abmarschierten.

Die Brücke war zu ihrer Zeit eine herausragende Ingenieurleistung und die bedeutendste Eisenbahnbrücke Hessens. Heute ist sie ein Kulturdenkmal, steht unter Denkmalschutz und ist von der Bundesingenieurkammer und der Ingenieurkammer Hessen als Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland ausgezeichnet.

Verschlungenes Bergauf

Nun geht es nur noch hinauf. Beinahe sechs Kilometer stetig leicht bergauf. Dabei macht der Nibelungensteig ein interessantes Muster. In der Landkarte ist mir das schon aufgefallen, es sieht ein wenig nach „Malen nach Zahlen“ aus und bildet den Kopf und Oberkörper eine Rehkitzes. Ich erinnere mich wieder an meine Nordic-Walking-Bewegungen und laufe fast schon meditativ den geschotterten Forstweg hoch. Immer wieder wechsele ich von der einen zur anderen Seite, immer von der Seite weg, die gerade sehr abfallend, schräg ist. Manchmal, wenn keine großen Schotterbrocken in der grasigen Mitte liegen, gehe ich dort. Ich werde dreimal von Fahrzeugen überholt. Forstbesitzer wohl, die sich ihren vertrocknenden Wald anschauen.

In einem Wald liegt ein kleiner Teich, der von Entengrütze bedeckt ist
Hier muss eine sehr feuchte Waldstelle sein, denn der kleine Teich mit Entengrütze existiert noch

Bei Entengrütze denke ich an Alfred Jokocus Kwak und die Kinderoper von Herman van Veen. So singe ich mehrere Lieder vor mich hin, während ich weiterwandere. Wenn ich gleichmäßig weiterlaufe spüre ich die Schmerzen in den Füßen nicht so sehr, die mein Wandervergnügen immer mehr überschatten.

Unter einem Baum hervor geht der Blick über Wiesen auf eine gegenüberliegende Höhe mit Windrädern
In einer Kurve ergibt sich wieder ein schöner Ausblick nach Westen

Im Wald links von mir liegen plötzlich viele Buntsandsteinbroken. Bei einem Blick auf meine Komoot Aufzeichnung sehe ich, dass etwas später ein Abzweig kommt, im schmalen Weg nach links hat ein anderer Komoot-Nutzer mal ein Foto gemacht. Da ich weiß, dass das Ebersberger Felsenmeer vor mir liegt, schaue ich aufmerksam auf die Markierungen. Ich hätte mich wieder verlaufen, denn nur ein klitzekleiner Pfeil nach links unter der Markierung führt in einen unscheinbaren, kleinen Waldweg.

Im Buchenwald liegen bemooste Buntsandsteinbrocken
Die Felsbrocken deuten darauf hin, dass ich bald am Ebersberger Felsenmeer bin

Auf einem wunderschönen Waldpfad geht es durch immer mehr Felsen weiter bergauf.

Viele Felsenbrocken sind übereinander getürmt und von Bäumen bestanden
Der Wanderweg führt mich durch die malerischen Felsen des Ebersberger Felsenmeeres. Eine schöne Abwechslung nach dem langen eintönigen Aufstieg über den Forstweg

Endlich geht es, wenn auch sanft, auf einem von Tannennadeln bedeckten Weg bergab. Nun kann es nicht mehr weit sein bis Bullau. Der Ort ist zwar offizielles Etappenziel, aber der Nibelungensteig führt laut Karte und Beschreibung trotzdem etwa eine Kilometer entfernt daran vorbei. Ich bin gespannt, ob es einen beschilderten Abzweig gibt. Während dieser Überlegungen treffe ich in der Nähe einer Kreuzung auf einen Hund und gehe nur langsam weiter und auf ihn zu. Die Besitzer sind bereits da und leinen den Collie an, der noch recht jung ist. Beim Gespräch raten sie mir, an dieser Stelle nach links abzubiegen, wenn ich nach Bullau wolle. Der normale Weg würde mich in der Sonne und an der Straße entlang führen, der andere Weg dagegen wäre schattig. Da das laut Karte kein Umweg ist, folge ich dem Vorschlag.

Ein sandiger Waldweg, an dem gefällte Bäume liegen
Hundebesitzer haben mir diesen Weg nach Bullau empfohlen, da ich hier länger im Schatten gehen kann. Der Bodenbelag aus Sand deutet darauf hin, dass dieser Bergrücken aus Sandstein besteht

Das ich in der Nähe eines Ortes kurz vor der Abendessenszeit bin, wird durch die Anwesenheit vieler Hundebesitzer bestätigt. Lange gehe ich geradeaus, dann rechts und trete an einer Wegkreuzung aus dem Wald. Welch schöne und hauptsächlich weite Aussicht.

Lange Schatten des Waldes liegen über einem Feld. Links von der Sonne beschienene Bäume und rechts im Hintergrund ein Bergrücken
Der nächste Hundebesitzer erklärt mir, als wir aus dem Wald heraustreten, dass der Höhenzug rechts im Hintergrund schon die „Badischen Höhen“ seien. Links unterhalb der Bäume versteckt sich das Dörfchen Bullau, mein Tagesziel

Bullau und die Entscheidung

Ein Schlenker nach links, wieder nach rechts und an Kuhweiden vorbei geht es leicht bergab. Kälbchen und Kühe stehen zusammen auf der Weide, welche glückliche Familienbande. Später erfahre ich, dass die Muttertierhaltung zu meiner Pension Schumbert gehört. Ich komme in den Ort, gehe weiter bergab und muss nur noch wenig bergauf in den Schöllenbacher Weg wandern, bevor ich die Pension mit Gasthaus Schumbert erreiche.

Es ist bereits kurz vor 18 Uhr  und das Gartenlokal „Unter den Linden“ erst seit kurzem geöffnet. Herr Schumbert zeigt mir mein Zimmer, Abendessen bekomme ich bis 21 Uhr, erklärt er. Na, so lange werde ich nicht warten. Nach dem Duschen inspiziere ich meine Füße und stelle fest, dass ich mir eine Riesenblase unter dem rechten Ballen gelaufen habe, die sich bis zwischen den großen und den angrenzenden Zeh hinzieht. Das Tape, das den Fuß schützen sollte, hat wohl die Zehenfreiheit begrenzt und die haben aneinander gerieben! Und die Blase ist bereits offen. Ich verpflastere die Stelle mit zwei Blasenpflastern und humpele zum Essen. Ich fühle mich im Gastraum angenommen. Das Wirtspaar Schumbert hat Herz und Zunge auf dem rechten Fleck. Sie sind fürsorglich, ohne aufdringlich zu sein. Ich bestelle mein kleines Abendessen und dazu noch einen besonderen Nachtisch.

Auf einem Teller sind kleine Marillenknödel mit einem Eis angerichtet und mit Schokoladen- und Cranberrysoße verziert
Mein Nachtisch, leckere Marillenknödel mit einem Eis angerichtet und mit Schokoladen- und Cranberrysoße verziert

Als ich wieder im Zimmer bin, rufe ich meinen Mann an und frage, ob er nicht am nächsten Tag einen Ausflug in den Odenwald machen möchte. Zum Glück sagt er ja! Mit meinen wehen Füßen ist eine Weiterwanderung völliger Unsinn. Ich muss mich so aufs Gehen an sich konzentrieren. Auf die Beschaffenheit des Weges, dem dicken Schotter und groben Unebenheiten ausweichen. Ich empfinde ein solches Wandern nicht als Genuss. Auch habe ich mir die Etappen in zu weite Entfernungen eingeteilt. Ich bin ziemlich schlapp, körperlich erschöpft. Ich werde mich zuhause erholen und im Oktober die Wanderung fortsetzen – mit besserer Kondition und Wanderschuhen.

Fazit 3. Etappe

Auch hier empfehle ich Wanderern aus entfernten Regionen, die Etappe zu teilen. Beispielsweise in Güttersbach mit Wellness zu übernachten? Für mich war die Etappe mit meiner wenigen Kondition zu lange, ähnlich wie die erste Etappe. Mein Hauptproblem waren aber meine Füße, ebenso wie auf der zweiten Etappe. Trotzdem ich nun weniger Last hatte, da ich meine Trekkingausrüstung nach Hause geschickt habe, hat sich an meinem Schuhwerk nichts geändert. So habe ich meine Entscheidung getroffen. Ich werde die Wanderung hier unterbrechen. Meine Füße zuhause heilen lassen und mit weniger Gepäck und meinen Wanderschuhen in einigen Wochen wiederkehren. Und dann die Etappen genießen. Auch, weil ich sie kürzer einteile. Da soll mal einer sagen, im „Alter“ wäre man nicht lernfähig! Ausführliche Informationen zum Nibelungensteig und zum Nibelungenland findest Du hier.

Ein Kurzes Video mit meinen Eindrücken der dritten Etappe findest Du auf meinem YouTube-Kanal.

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Eindrücke von der dritten Etappe auf dem Nibelungensteig

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