Marmolejo – südlichster Sechstausender

Marmolejo – südlichster Sechstausender

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Ich fühle mich nicht wohl, mir ist nicht gut, ich bin erschöpft. Muss ich wirklich auf diesen Berg? Welcher Eitelkeit bin ich nur gefolgt? Wenn ich jetzt abbreche, begleiten mich die Männer zum Lagerplatz zurück und starten den Gipfelanstieg morgen von Neuem, während ich an Lager 5 warte. Dann dauert die Höhentortour noch weitere zwei Tage, das will ich auch nicht.

Diese Gedanken gehen mir am 9. Dezember 2000 durch den Kopf. Wir sind auf etwa 5.600 m Höhe, die Morgendämmerung zieht auf.

Die Sonne zaubert über Berggipfeln orangene und graue Streifen an den Himmel
Es dämmert, die Sonne schickt die ersten Strahlen

„Komm, Mädchen“, muntert mich Manfred auf. „Wir sind schon so weit gekommen, du packst das! Hat ja keiner gesagt, dass es ein Sonntagsspaziergang wird.“
Nein, das nicht. Ich habe gewusst, auf was ich mich einlasse – zumindest habe ich viel übers Höhenbergsteigen gelesen. Und ich bilde mir ein aus den Berichten herausgehört zu haben, wie es sich körperlich anfühlen könnte. Aber es real zu spüren, ist doch eine andere Sache.

„Weißt du,“ Manfred schaut mich an. „Was ich an Frauen bewundere, ist, dass sie Kinder gebären können. Diese Schmerzen, diese Tortour, kein Mann würde das aushalten. Das bisschen Kopfweh und Unwohlsein heute, kannst du doch nach zwei Geburten locker aushalten!“ Manfred, du bist einzigartig! Dinge, die gar nicht zusammenpassen, bringst du doch zusammen. Und du kitzelst meinen Ehrgeiz an den empfänglichen Stellen. Ich motiviere mich in Gedanken: ‚Reiß dich zusammen, Anne-Bärbel. Du bist erst 38 und nicht wie die Männer schon über 50. Es ist nur ein Sechstausender und nicht der Everest! Du kommst Mutti auf ihrer Wolke im Himmel immer näher. Die schickt dir von oben Kraft! Sie hätte nicht schlapp gemacht, die war eine wahre Kämpferin. Geh weiter, lass sie stolz auf dich sein! Und erst deine Mädchen. Verzichten nun drei Wochen in der Adventszeit auf dich und dann willst du heimkommen und sagen, es war nix. Nee! Nein, das will ich nicht. So, Mädchen, gebt mir Kraft, ihr sollt stolz auf eure Mama sein!‘

Ich stehe auf „Okay, Männer. Lasst uns weitergehen! Lasst uns auf den Gipfel steigen!“ Ich schaue in die erleichterten Gesichter von Hans (52) , Manfred (51) und Hans (52). Auch die hätten keine Lust gehabt, den langen Weg morgen noch mal in Angriff zu nehmen.

Reise nach Chile

Wir sind am 27. November von Frankfurt über Madrid, Sao Paulo nach Santiago de Chile geflogen. Ana, eine Freundin von Hans, holte uns vom Flughafen ab und brachte uns in die Stadt. Frühstücken, Erholen und die Ausrüstung ergänzen, war der Tagesplan. Die bergsteigerische Ausrüstung, Zelte, Schlafsäcke, Matten, Kocher und einen Teil der Nahrung haben wir von Deutschland mitgebracht. Kochtöpfe, Teile der Nahrung für unterwegs und den Brennstoff für die Kocher kaufen wir am Nachmittag in Santiago ein. Nach den grauen, kalten Tagen in Deutschland genießen wir die Sonne, Wärme und die Lebensweise in Santiago de Chile.

Deutsche Andenvereinshütte

Am 29. November fahren wir mit Anna zum Lo Valdes „Refugio Aleman“, einer Hütte des DAV, des Deutschen Anden Vereins! Sie liegt im Maipotal, oberhalb des Rio Volcán. In der Umgebung  gibt es einige Mienen, in denen weißer Gips abgebaut wird. Die Aussicht auf die Bergwelt der Anden ist atemraubend, die freudige Anspannung bei uns allen steigt.

Ein aus Bruchstein gemauertes Steinhaus mit Fensterläden und bunten Blumenkästen steht in schönem Bergpanorama
Die Hütte Lo Valdes des DAV Deutschen Anden

Am Nachmittag sortieren wir die Ausrüstung und verteilen sie gerecht auf alle Expeditionsrucksäcke. Wir wollten den Marmolejo im alpinen Stil besteigen, bei fair means und mit eigener Kraft. Wir planten maximal 14 Tage für die Tour ein. Also für 14 Tage Brennstoff für die Benzinkocher und Essen. Je höher Du steigst, umso wichtiger ist das Trinken. Der Körper verbraucht bei der Höhenanpassung ungeheuer viel Flüssigkeit. Flüssigkeit würden wir aus Schnee schmelzen, der enthält keine Mineralien. Salzige Bouillon sollte Abhilfe schaffen und Tee mit Zucker Energie spenden. Welche Nahrung gibt viel Kraft? Die Männer wollten den Tag mit chinesischen Reisnudelsuppen beginnen und mit Nudelgerichten am Abend abschließen. Ich hingegen hatte zuhause 14 Beutelchen mit Haferflocken, Kakaopulver, Zucker, gepopptem Amaranth und Milchpulver gefüllt. Jeden Morgen schüttete ich den Inhalt eines Beutelchens in meinem kleinen Essnapf-Kochtopf, packte Schnee dazu und setzte das auf einen Kocher. Kurz aufkochen und ein leckeres Frühstück genießen, das mir über den ganzen Tag Kraft gab.

Bergsteiger haben ihre Ausrüstung verstreut, um sie in die Rucksäcke zu packen
Erst alles auspacken, dann sortieren und wieder sinnvoll einpacken

Abmarsch im Tal des Rio Volcáno

Am 30. November starten wir zu unserer Expedition zum Marmolejo. Ana fährt uns noch etwa 3 km und setzt uns am Anfang des Pfades in Richtung des Volcáno San José, auf 2.255 m Höhe ab. Die Brücke über den Rio Volcáno sieht nicht vertrauenserweckend aus, aber den Lastwagen, der uns entgegenkommt, hält sie auch aus.

Die Rucksäcke haben um die 28 kg, gut, dass die Landschaft nur allmählich ansteigt. Die heutige Schwierigkeit besteht darin, sich Wege über die zahllosen Wasserläufe zu suchen. Sie führen aufgrund der Schneeschmelze viel Wasser. Das ist am breitesten Bach recht schwierig, denn die Brücke ist nicht mehr da. Hans findet einen großen, fast runden Stein im Bach. Auf diesen Klotz muss man springen, und von dort ans andere Ufer. Manfred wäre um ein Haar abgerutscht, aber Hans hilft. Ich traue mir den Sprung mit dem schweren Rucksack nicht zu. Also lasse ich mich der Länge nach, mit ausgestreckten Armen, über den Bach auf den Stein fallen. Meine Arme brechen fast unter dem Gewicht ein. Die Füße hole ich mit Hans Hilfe, der den Rucksack durch Zug ein wenig entlastet, nach und springe dann ans andere Ufer.

Ein dicker Felsbrocken liegt in einem Bach. Ein Bergsteiger versucht mit seiner Hilfe den Bach zu queren
Manfred steigt auf den Stein zur Überquerung des Rio Estero la Engorda. Mit beinahe 28 kg Zusatzgewicht nicht ganz einfach

Der nächste Bachlauf ist noch ungemütlicher, wir laufen daran entlang, immer nach Osten in Richtung des Volcano, um eine geeignete Stelle zum Überqueren zu finden. Später gehen wir nach links in Tal, nun nach Norden.

Drei Bergsteiger laufen in einem von hohen Bergen umgebenen Tal
Hier müssen wir nun nach Norden abbiegen, ins Tal von Rio Estero la Engorda

Wir sind nun schon bis in den Schnee gekommen, aber alle Schneebrücken über den Bach sehen mir persönlich zu gefährlich aus. Endlich finden wir eine Stelle, die uns leicht passieren lässt.

Ein Mann läuft an einem Bach entlang. Der Bach wird von Altschnee großteils bedeckt, eine Schneebrücke ist gebrochen
Die Schneebrücken über den Bach sind sehr fragil, wir müssen lange nach einer Querungsstelle suchen

Mein Körper sehnt sich nach der langen Wanderung durch das ganze Tal nach Ruhe. Gerne würde ich hier das Lager aufschlagen, aber die beiden Hansens haben einen bestimmten Lagerplatz im Sinn. So geht es noch über 500 Höhenmeter durch steile, sulzige, schwer zu gehende Schneefelder aufwärts. Manchmal auch durch Geröllfelder, dann wieder über Schnee.

Über Schuttgeröll sieht man im Hintergrund eine Bergkette. Der Marmolejo ist in Bildmitte im Hintergrund
Nach dem Aufstieg über die Geröllhalde sehen wir den Marmolejo zum ersten Mal. Er ist der weitentfernteste Gipfel im Hintergrund
Über weite schneebedeckte Flächen ist im Hintergrund eine Bergkette
Nun wandern wie auf relativ gleicher Höhe im Schnee weiter ins Tal. Unser Gipfel ist der rechte Berg im Hintergrund, unter dem roten Pfeil. Wir müssen bis hinten ins Tal (orangener Pfeil) und dort die Scharte hinauf und von hinten den langen Weg zum Gipfel

Lager 1 am Marmolejo

Endlich haben wir den Lagerplatz 1 auf etwa 2.800 m erreicht. Noch den Schnee ebnen und die Zelte aufbauen. Den Kochplatz richten wir auf einem Felsen ein. Gleich den Topf mit Schnee aufstellen für das Tee- und Bouillonwasser.

Eine Zeltplane liegt im Schnee. Ein Mann hält eine Zeltstange in der Hand, ein anderer eine Schneeschaufel
Unser einziges Schneelager war Lager 1
Eine Frau hebt einen großen Topf mit Schnee auf den Benzinkocher
Ich habe den großen Topf mit Schnee gefüllt, daraus wird Teewasser. Foto: Manfred Jäckel

Als die Sonne hinter einem spitzen Berg untergeht, wird es gleich sehr ungemütlich kalt. Die Daunenjacken halten warm und die Schlafsäcke erst recht.

Die Sonne geht hinter einem spitzen Berg unter
Diesen Sonnenuntergang konnten wir von Lager 1 beobachten

Wir frühstücken im Sonnenschein, lassen vier Tüten Nudelgerichte und eine Brennstoffflasche in einer stabilen Plastiktüte unter dem Felsen zurück. Die werden wir bei der Rückkehr an der Stelle benötigen. Gemütlich wandern wir weiter das Tal hinauf. 

Ein weites schneebedecktes Tal öffnet sich
Bis weit hinten im Tal wollen wir laufen. In der letzten Senke rechts wird Lager 2 stehen, dort geht der Aufstieg rechts die von Wolken bedeckte Flanke hinauf

Heute machen wir hauptsächlich Strecke, steigen mählich bergauf und bergab. Das ist für unsere Akklimatisation gut. Der Körper gewöhnt sich nur langsam an den anderen Luftdruck in der Höhe. Lager 2 richten wir auf einer von der Sonne gewärmten Schuttmoräne auf ca. 3.100 m ein.

Lager 2 am Marmolejo

Eine apere Geröllhalde wird als Lager zwei erwählt
Auf diesem Geröllfeld erstellen wir Lager 2. Die Flanke am linken Bildrand werden wir hinaufsteigen, im Firn und auf dem Geröllgrad bis ins Joch oben

Heute wollen wir eine Akklimatisationstour zu Lager 3 unternehmen. Wir nehmen die Nahrung für die nächsten Tage und Brennstoff mit. Wir steigen in schön angelegten Serpentinen mit den Steigeisen den harten Firn hinauf. Es ist bewölkt, Nebelfetzen ziehen immer wieder an uns vorbei. Nach einem Felsen wird der Firn zu steil und wir queren in den Schuttgrat. Später wird es wieder steiler Firn, der sich bis zum Joch hinaufzieht.

Über einen steilen Schuttgrat steigen Bergsteiger hinauf
Wir wechseln von der Firnflanke in den Schuttgrad. Er ist noch sehr lang und steil
Zwei Bergsteiger ruhen am steilen Schneehang aus
Im harten Firnschnee greifen die Steigeisen, aber die Steilheit strengt an

Auf dem Joch machen wir eine Pause und genießen die erste Aussicht nach Osten, nach Argentinien.

Drei Bergsteiger sind auf dem Joch eines Schuttgrates und machen Pause
Das Joch des Grates ist erreicht. Wir machen eine Pause vor der Lagerplatzsuche. Der Marmolejo-Gipfel hüllt sich in Wolken.

Wir suchen einen schönen geschützten Lagerplatz, da wir auf Lager 3 auch zwei Nächte verbringen werden. Zwei „Berggeister“ besprechen, was sie mit uns anfangen sollen.

In Nebelfetzen erkennt man Felsen, die wie alte Männer aussehen, die sich unterhalten
Die Berggeister in den Nebelfetzen besprechen die Invasion von uns Vieren

Wir deponieren an einer markanten Stelle auf 4.175 m unsere Ausrüstung und steigen und rutschen dann zum Lager 2 zurück. Steige hoch, schlafe tief – dass ist die Zauberformel der Akklimatisation.

Drei Bergsteiger sitzen im Schnee und rutschen ein langes Schneefeld hinunter
Beim Abstieg von unserer Vortour zu Lager 3 rutschen wir auf dem Schneefeld bergab

Mit der ersten Dämmerung starten wir am Morgen. Wir wollen durch das Firnfeld, bevor es zu warm wird. Mit dem Restgepäck sind die Rucksäcke schwerer als gestern, obwohl wir hier auch ein Depot für den Rückweg anlegen. Keine Wolke und kein Nebelfetzen bieten heute Schutz vor der Sonne. Der Firn wird schnell sulzig und schwer zu gehen.

Bergsteiger stehen im Schatten eines Felsens in steilen Firngelände
Der Aufstieg mit dem Restgepäck durch den Firn ist kräfteraubend. Die Sonne tut mit ihrer Wärme und dem gleißenden Licht ein Übriges. Foto: Manfred Jäckel

Auf dem Joch angekommen, bin ich völlig erschöpft. In tiefen Zügen trinke ich Tee und esse einen Riegel. Dann schleppe ich mich zum Lager 3 und bewache das Teewasser, während die Männer das Lager einrichten. Heute will ich nur Tagebuch schreiben und schlafen. Ja, und schauen. Selten habe ich von meinem Bett so spektakuläre Aussichten. Kaum zu glauben, dass es bis zum Gipfel immer noch 2.000 Höhenmeter sind.

Lager 3 am Marmolejo

Eine Bergsteigerin liegt erschöpft im Zelt
Ich bin völlig platt und habe mich ins Zelt gelegt. Foto: Manfred Jäckel
Aus dem Zelteingang geht der Blick auf Bergpanorama
Der Blick aus dem linken Zelteingang geht Richtung Nordost
Aus dem Zelteingang geht der Blick hinauf zum Gipfel des Marmolejo
Mein Blick aus dem Zelt hinauf zum Gipfel, der noch etwa 2.000 Höhenmeter und einige Entfernungskilometer weg ist
Über dem Marmolejogipfel geht die Sonne unter
Am Abend verabschiedet sich die Sonne hinter den Marmolejogipfel

Heute ist Ruhetag. Jeder erkundet für sich das Plateau und genießt die absolute Stille in diesem Andenteil.

Auf einer flachen Geröllebene stehen versteckt Zelte
Gut hinter Felsen vom Wind geschützt können wir in Lager 3 einen Ruhetag machen

Am Nikolaustag steigen wir wieder mit einem Teil der Ausrüstung weiter hinauf, wir wollen Lager 4 ausfindig machen. Heute haben wir die ersten Felder mit Büßerschnee. Das ist eine Schnee-Besonderheit, die es nur auf der Südhalbkugel gibt. Vor zwei Jahren mussten die beiden Hans an dieser Stelle umkehren, weil durch die tiefen Rinnen kein vorankommen war und das Wetter auch schlechter wurde. Wir haben nun Schneereifen mit, mit denen wir die Schuhfläche verbreitern können. So hoffen wir, besser voran zu kommen.

Büßerschnee ist eine besondere Schneeform, mit tiefen Kluften oder Rinnen
Büßerschnee ist eine besondere Schneeform, mit tiefen Kluften oder Rinnen
An den Füßen eines Bergsteigers sind Schneereifen befestigt
Mit den Schneereifen lässt es sich im Büßerschnee besser vorwärtskommen als mit Steigeisen

Wir finden einen windgeschützten Lagerplatz auf 4.695 m, den auch schon andere genutzt haben. Steine sind als Windschutzmäuerchen aufgesetzt. Wir machen unsere Akklimatisationsrast in der Sonne und deponieren unser Material.

Vier Bergsteiger sitzen in einer Mulde. Im Hintergrund das Bergpanorama
An diesem Lagerplatz, mit einem aus Steinen errichteten Windschutz, sind wir nicht die ersten

Nach dem Abstieg in Lager 3 gehen alle Männer gleichzeitig nach der Ankunft pinkeln. So hat die Nikoläusin Gelegenheit, Schokonikoläuse und Plätzchen in den Wanderschuhen zu verstecken. Sie haben den weiten Weg von Deutschland und hinauf auf Lager 3 unbeschadet überstanden. Na, so eine Überraschung!

Heute macht uns das Balancieren auf dem Büserschnee noch mehr Spaß und die Rucksäcke sind auch leichter geworden, weil wir auch in Lager 3 wieder ein kleines Depot zurückgelassen haben. Nach Zeltaufbau und Bouillon und Tee kochen steigen wir ohne Gepäck noch weiter bergan. Wir erkunden, wie wir morgen zu Lager 5 aufsteigen wollen. Nach dem Abendessen genießen wir die Aussicht, auch wenn es hier oben nun ohne Daunenjacke nicht mehr geht.

Lager 4 am Marmolejo

Bei einem Zelt sitzen Bergsteiger und schauen ins Tal
Akklimatisieren durch Ausruhen in Lager 4. Foto: Manfred Jäckel

Wieder ist das Wetter schön und wir alles Restgepäck mit hinauf zum Lagerplatz 5. Das wird auch unser Gipfellager sein. D.h. von hier wollen wir morgen, eigentlich heute Nacht, zum Gipfel starten. Die Aussicht wird immer spektakulärer. Ein Teil der Berge, deren Fuß wir passiert haben, liegen nun mit ihren Gipfeln schon deutlich unter uns.

Drei Bergsteiger auf einer Hochebene im Schnee, im Hintergrund Bergpanorama
Beim Aufstieg zu Lager 5 ist die erreichte Höhe anhand der dahinter liegenden Berge schon gut zu erkennen

Die Höhe ist immer deutlicher zu spüren. Ein aperes Geröllfeld wird als Lager 5 bestimmt, wir sind auf 5.065 m Höhe. Erschöpft sinken wir auf die warmen Steine und schlafen alle ein. Hans ruft plötzlich „Raus aus der Sonne. Los Zelte aufbauen und Schneewasser schmelzen.“ Oje, da hat er recht. Die Sonne und dünne Luft trocknen den Körper schnell aus. Trinken wollen wir gerne, aber Essen? Nee, Hunger haben wir nicht, aber wir kochen trotzdem zwei Portionen Tütennudeln, denn der Körper sollte Nahrung bekommen.

Lager 5 am Marmolejo

Auf einem aperen Geröllfeld liegen Bergsteiger und ruhen aus
Wir haben wieder ein aperes Geröllfeld für Lager 5, ausruhen vor dem Aufbau
In einem Blechkochtopf ist ein Nudelgericht
Je höher wir kamen, umso schwerer fiel uns das Essen, umso weniger wurde gekocht

Gipfeltag Marmolejo

Wir gingen früh schlafen. Um Mitternacht klingelte der Wecker. Teewasser kochen, warm anziehen, Frühstücken und am 9. Dezember um 1 Uhr in der Nacht starteten wir zum Gipfelaufstieg. Wir benötigten die Stirnlampen nicht, denn der Vollmond schien hell auf die Schneefläche. In der Ferne konnte man den Lichterschein von Santiago de Chile erkennen. Ich fühlte mich schlecht und schlechter. Bei einer Pinkelpause entdeckte ich, dass ich meine Periode bekam. Auch das noch! Zusätzlich also auch noch Bauchweh. Ich sagte, dass ich zurückgehen würde, gleich würde es dämmern, die Männer sollten allein auf den Gipfel gehen. Als Antwort wurde mir mitgeteilt, dass man mich, wenn ich mich nicht wohlfühlte, nicht allein zum Lager zurückgehen lassen würde. Alle würden zurück gehen! Und in der nächsten Nacht würden die Männer von neuem starten, während ich im Lager warten würde.

Und dann sprach mein persönlicher Held Manfred die Worte, die mich motivierten und mit denen ich mich mit meinen Gedanken motivieren konnte. Just als ich verkündete, dass ich heute mit auf den Gipfel gehen würde, schickte die Sonne ihr erstes Licht.

Die Sonne zaubert über Berggipfeln orangene und graue Streifen an den Himmel
Es dämmert, die Sonne schickt die ersten Strahlen

Trotzdem ging es nur zäh weiter. Der Marmolejo war – damals zumindest – kein bergsteigerisch anspruchsvoller Berg. Es ist ein Berg der weiten Wege, die nur allmählich ansteigen. Der komplette obere Teil besteht nur aus kleinem Steinschutt, teilweise mit Schnee bedeckt, tiefgründig oder hartem Firn. Manchmal machten wir einen Schritt von 30 cm nach vorne und rutschten 20 cm zurück. Manchmal klebte Permafrost den Schutt zusammen und die Steigeisen konnten greifen. Manchmal musste einer vorgehen und im Schnee spuren. Oft machten wir Pausen, es fehlte so an Atemluft mit Sauerstoff!

Eine Bergsteigerin hält erschöpft inne
Zwei Schritte sind zwei Atemzüge, aber Luft fehlt trotzdem. Ich bin soo erschöpft. Foto: Manfred Jäckel
Bergsteiger sitzen erschöpft im Geröll und ruhen aus
Aber auch die anderen benötigen Erholung, der Gipfel ist noch so weit entfernt. Foto: Hans Münch

Ich schaute gar nicht mehr hinauf, sondern nur noch vor mich. Manfred sprach liebe oder barsche Worte, je nachdem, wie er sich selbst gerade fühlte und das half mir sehr. Ich sprach viel mit meinen Kindern, mit meiner vor vier Jahren mit erst 60 Jahren verstorbenen Mutter, lenkte mich so von den Gedanken an den nächsten Schritt immer wieder ab. Plötzlich gingen die Männer schneller und ich blickte auf. Nur noch eine kleine Erhebung, dann ging es auf allen Seiten bergab, der Gipfel war erreicht. Ein eisiger Wind fegte von Nordosten über den Gipfel, es war saukalt und äußerst ungemütlich, trotz des Sonnenscheins. Nach Umarmungen, Berg Heil Wünschen und Fotoshootings versuchten beide Hans zusammen unsere Gipfelfahne irgendwie im Boden zu befestigen.

Drei Bergsteiger stehen auf dem Gipfel des Marmolejo, 6.108 m
Es ist vollbracht. Wir stehen auf dem Gipfel des Marmolejo, 6.108 m. Foto: Hans Münch
Zwei Bergsteiger halten eine Gipfelfahne in den starken Wind
Hans und Hans mühen sich bei dem starken Wind mit der Gipfelfahne
Blick vom Marmolejo Gipfel nach Westen Richtung Maipotal und Santiago
Blick vom Marmolejo Gipfel nach Westen Richtung Maipotal und Santiago
Blick vom Marmolejo Gipfel nach Süden
Blick vom Marmolejo Gipfel nach Süden
Blick nach Osten vom Marmolejo Gipfel
Blick nach Osten vom Marmolejo Gipfel
Blick nach Norden vom Marmolejo Gipfel
Blick nach Norden vom Marmolejo Gipfel

Nach nur kurzem Aufenthalt stiegen wir bergab. Da der Gipfelaufbau nicht steil ist, war die Wegstrecke lang und wir verloren nicht sehr schnell an Höhe. Und es war immer noch sehr kalt.

Drei Bergsteiger steigen durch ein Schneefeld vom Gipfel ab
Noch ist es bitterkalt beim Abstieg vom Gipfel

Als wir die Zelte sahen, macht Manfred einen Purzelbaum im Schnee. Gerne würden wir noch weiter absteigen, in Lager 4, aber wir sind zu platt. Schnell Teewasser gekocht, etwas getrunken und dann schlafe ich 13 Stunden am Stück.

Abstieg vom Marmolejo

In der Dämmerung stehen wir auf, packen ohne Frühstück zusammen, wir wollen aus der Kälte und dünnen Luft raus. Bei Lager 4 machen wir unser Frühstück und gehen bald weiter nach unten. Noch greifen die Steigeisen im harten Firn.

Der Büßerschnee ist tiefgründiger zwei Bergsteiger sinken tief in den Zacken ein und stützen sich mit Pickeln ab
Durch die starke Sonneneinstrahlung ist der Büßerschnee beim Abstieg tiefgründiger

In Lager drei packen wir unsere Depotstücke ein, laufen weiter zum Joch und rutschen auf dem Hosenboden und mit lauten Hallo das Firnfeld hinunter. In Lager 2 halten wir erst wieder richtig an. Hier ist es beinahe angenehm warm und wir machen große Wäsche.

Ein Mann steht barfuß in einem Bach rundherum Felsgeröll, im Hintergrund Schnee
Manfred lässt Luft an die Unterwäsche und Wasser an die Füße. Später liegt er der Länge nach im kalten Gletscherwasser und wäscht sich und die Wäsche gleichzeitig

Ich liege rücklings in der Sonne, tanke die Wärme und entdecke über mir einen Condor. Ein wenig Thermik und er steigt und steigt und steigt. Er hat mit Höhe und Akklimatisation kein Problem.

Rechts eines rötlichen Felsens fliegt mit ausgebreiteten Schwingen ein Condor
Ein Condor – wie schnell der in der Höhe ist, im Gegensatz zu uns

Wieder gehen wir sehr früh am Morgen los. Die Landschaft hat sich in den vergangenen Tagen stark verändert. Die Sonneneinstrahlung hat den Schnee tauen lassen und die Bäche führen noch mehr Schmelzwasser.

Ein schäumender Bergbach in der Schneeschmelze, ein großes Altschneestück ist abgebrochen
In den Tagen, die wir für den Gipfel benötigt haben, hat es mächtig getaut. Der Bach brodelt und die Schneebrücken brechen zuhauf

Wir kommen gut voran und lösen an Lager 1 das Depot auf. An einer Engstelle sind wir froh, dass sie noch im Schatten liegt.

Eine Bergwand liegt im Schatten, davor liegen im Schnee viele Geröllbrocken, zwei Bergsteiger stehen in der Schlucht
Gut, dass wir diese Stelle frühmorgens passieren, nachmittags wäre hier absolute Steinschlaggefahr

Wenig später treffen wir auf die Tatzenabdrücke eines Pumas. Ich gehe davon aus, dass er keine vier Menschen angreift, die noch dazu mit Trekkingstöcken und Eispickeln bewaffnet sind. Die Männer sind sich da nicht so sicher. Aber zumindest stimmen sie mir nun zu, dass wir nicht noch mal ein Lager aufschlagen, sondern bis zur Hütte Lo Valdes weitergehen.

Ein Bergsteiger zeigt mit seinem Trekkingstock auf die Pumaspuren im Schnee
Wir entdecken Pumaspuren im Schnee – hoffentlich mag der keine stinkenden Bergsteiger zum Mittagessen

Es wird immer grüner und wärmer, längst hängen alle Jacken an den Rucksäcken.

Ein Bergbach breitet sich im Hochtal weit aus
Der Bach ist durch die Schneeschmelze breit gefächert, nach der Kante geht es nochmal steil bergab

Am letzten Abhang liegt noch Schnee und wir rutschen wieder etwa 200 Höhenmeter auf dem Hosenboden ab. Unter uns ist die Ebene von vielen neuen Bächen durchzogen.

Das Tal des Rio Volcano gleicht teilweise einer Sumpflandschaft. Ein Bergsteiger sprngt über einen flachen Bachlauf
Das Tal des Rio Volcano gleicht teilweise einer Sumpflandschaft. Hans schaut Hans beim Springen über den flachen Bachlauf zu

Wir passieren die Stelle, an der Ana uns herausgelassen hat, wir können nach der nächsten Kurve bereits die Andenvereinshütte sehen. Ich bilde mir sogar ein, dass ich bereits das Bier rieche. Die Brücke, die uns beim Beginn unserer Tour bereits so fragil vorkam, ist der Schneeschmelze zum Opfer gefallen. Die Bauarbeiter, die herumstehen erklären, dass wir einen Umweg machen müssen. Auf der rechten Flussseite 6 km weiter laufen, beim Mienendorf über die Brücke gehen und dann wieder 4 km bergauf zur Hütte. Aber die beiden Hans haben eine andere Idee. Wir haben jetzt 11 Tage Kletterseile und Gurte mitgetragen, dann können wir die doch auch benutzen! Und nasse Schuhe sind 2 km vor dem Ziel auch egal! Mir ist die Sache nicht ganz geheuer, denn der Fluss hat eine wirklich starke Strömung.

Ein Bergsteiger seilt sich in den Klettergurt. Er will einen reißenden Fluss gesichert zu Fuß durchqueren
Die Brücke über den Rio Vocáno ist weggerissen. Hans seilt sich an, wir wollen zu Fuß durch den reißenden Fluss

Hans sichert Hans, der ohne Probleme durch den Fluss marschiert und das Seil auf der anderen Seite fixiert. Ich gehe als nächste. Meine Fototasche habe ich ganz oben, zwischen Kinn und Brust befestigt. Ich klinke meinen Karabiner ins Seil und laufe los. Leider trete ich in ein Loch und kann aus eigener Kraft nicht wieder hochkommen. Hans eilt zur Hilfe und schon bin ich drüben, ziemlich nass, aber mit trockener Fototasche.

Eine Bergsteigerin quert einen reisenden Fluss, ein anderer Bergsteiger hilft
Ich gerate in ein Loch bei der Flussquerung und Hans eilt mir zur Hilfe. Foto: Manfred Jäckel

Manfred geht es ähnlich wie mir, er flucht laut. Das Wasser brodelt nach der Kante wirklich ziemlich stark.

Ein Mann sitzt mit großem Rucksack auf dem Rücken in einem schäumenden Fluss und hält sich an einem Seil fest
Manfred ist bei der Querung des Rio Volcano in ein Loch getreten und gestürzt, so wie ich zuvor schon

Lo Valdes – Rückkehr in die Hütte

Plitsch, platsch und quitsch, quatsch macht unsere Kleidung und unsere Schuhe auf den letzten zwei Kilometern. Aber endlich ist es geschafft. Völlig dreckig, aber fröhlich postieren wir uns zum Erfolgsfoto vor der Lo Valdes Hütte. Ein Gipfel ist immer erst bezwungen, wenn Du wieder im Tal bist. Und das haben wir geschafft!

Vier Bergsteiger stehen vor einer aus Bruchstein gemauerten Hütte. In den Fenstern stehen bunte Blumen. Die Bergsteiger sehen fröhlich aber sehr erschöpft aus
Ankunft an der DAV-Hütte Lo Valdes nach der Marmolejobesteigung

Wir ziehen die nasse Oberbekleidung aus, setzen uns in den Schatten und werden erst mit Bier und anschließend mit Kaffee und Kuchen verwöhnt, während wir darauf warten, dass der Warmwasserboiler das Duschwasser erwärmt.

Vier Bergsteiger sitzen fröhlich in schmutziger Wäsche am Picknicktisch der Hütte Lo Valdes und genießen ein Bier
Dreckig, stinkig und fröhlich warten wir auf die warme Dusche

Zum Abendessen bekommen wir frische Salate und Gemüse und zum Nachtisch frisches Obst. Wie gut das Schmeckt. Hans hat auf den Gipfel und wieder hinunter vier Zigarren getragen. Nach dem Abendessen müssen wir Gipfelbezwinger diese Gipfelzigarren anzünden.

Eine Frau sitzt an einem Tisch und zieht an einer Zigarre
Ich passionierte Nichtraucherin muss Gipfelzigarre rauchen

Ich als Nichtraucherin stelle fest, dass die Zigarre stärker qualmt, wenn ich hinein blase, statt daran zu ziehen. Schnell nimmt mir Hans die Zigarre weg, dazu ist sie zu schade, sagt er. Ich grinse, und habe mein Ziel erreicht, ich muss nicht rauchen!

Ich bleibe nicht lange auf, sondern ziehe mich zurück. Endlich allein in einem Zimmer sein, meine Gedanken schweifen lassen. Ich liege in einem richtigen Bett und bin dankbar. Dankbar dafür, die Möglichkeit gehabt zu haben, diesen Berg zu besteigen. Hans hat mich dazu eingeladen, herzlichen Dank. Ich hatte die finanziellen Mittel und die Kondition. Meine Kinder haben mir frei gegeben, danke auch euch. Ich bin unendlich dankbar, unbeschadet einen 6000er bezwungen zu haben. Und sehr sicher, dass ich nie wieder einen hohen Berg besteigen werde. Nein, diese Tortour war an meinen Grenzen, fast über meinen Grenzen.

Fünf Monate später, im Mai, fragte mich mein Bergkamerad Klaus, ob ich mit ihm in den Kaukasus reise? Er möchte den Elbrus, mit 5.642 m Europas höchster Gipfel, besteigen. Nach meiner 6000er Erfahrung würde er mir das zutrauen. Tja, alle guten Vorsätze vergessen – natürlich fahre ich mit.

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