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Noch ein hoher Berg und sogar einer der Seven Summits. Als mein Bergkamerad Klaus mir die Frage stellte, ob ich ihn zum Elbrus im Kaukasus begleite, sagte ich spontan zu. Trotz der Erfahrung am Marmolejo oder gerade deshalb? Gespannt war ich, ob ich die Anstrengung diesmal besser meistern könnte.

„So ein wahnsinniger Sonnenaufgang.“ Mit diesen Worten drehe ich mich zu den anderen um. Alle stapfen unverdrossen weiter, mit Blick vor die eigenen Füße.

Ich trete aus der Reihe und hole meine Kamera raus. Damit die Batterie funktionstüchtig bleibt, trage ich sie unter der Daunenjacke. Ich habe sie in einem Gefrierbeutel verstaut, dass mein Körperdampf der Kamera nicht schadet oder die Diafilme beschädigt.
Gerade als die Sonne hinter der Flanke des Elbrus hervorlugt, drücke ich auf den Auslöser.

Jeden Morgen dasselbe Schauspiel der aufgehenden Sonne. Und immer wieder anders spektakulär. Ein solcher Genuss. Und an wie vielen Stellen ich schon einen Sonnenaufgang betrachtet habe. Viele dieser Gedanken gehen mir durch den Kopf. Aber vor allem einer: ‚Ich mache mir hier beim Gipfelanstieg keine Hektik. Ich möchte die Aussicht, das Steigen, die Anstrengung, meinen Körper genießen. Oh Gott, ist das schön!‘

Links an der Bergkante geht die Sonne auf. Die Gletscher- und Berglandschaft liegt noch im Schatten
Die Sonne kommt über die Bergkante – beeindruckend schön

Der Elbrus ist einer der Seven Summits

Der Elbrus ist Europas höchster Gipfel, wenn man der Definition folgt, wonach der Hauptkamm des Großen Kaukasus, der von Ost nach West verläuft, die innereurasische Grenze zwischen Europa und Asien bildet. Der Elbrus liegt etwas nördlich dieses Hauptkamms und somit in Europa. Für die meisten Bergsteiger gilt diese Definition und der Elbrus gehört somit zu den Seven Summit, den jeweils höchsten Gipfeln der sieben Kontinente der Erde.

Bergsteigerische Schwierigkeiten am Elbrus

Technisch ist der Elbrus mit 5.642 m Höhe ein leichter Berg. Mit Steigeisen gehen zu können ist die einzige Bergsteigertechnik, die er verlangt. Denn 22 Gletscher bedecken um die 145 km² Fläche mit Eis. Und diese sind oftmals, so wie heute, mit Neuschnee bedeckt.

Elbrus Gletscherlandschaft

Seine Lage zum Schwarzen Meer macht den Berg so schwierig. Es liegt nur 140 km westlich des Elbrus. Allerdings liegt das Kaspische Meer auch nur 385 km östlich. Beide Meere bauen mit der Sonneneinstrahlung viel „Wetter“, also Wolken auf. Je nach Windrichtung müssen diese Wolken von Westen oder Osten über diesen exponiert stehenden Elbrusgipfel hinüber und regnen, besser gesagt schneien, sich ab. Die Wetterbedingungen sind jeden Tag anders, immer unberechenbar. Die Temperaturen steigen oder fallen innerhalb von Stunden um 50 bis 70 Grad, von minus 40° auf plus 30° und umgekehrt. Wer beim Auf- oder Abstieg in einen dieser Schneestürme oder einen Temperatursturz gerät, kommt in Gefahr, das Basislager nicht mehr zu erreichen.

In Neuschnee steht eine Bretterhütte in Felsen. Im Hintergrund der Ostgipfel des Elbrus
So mit Schnee verzuckert hat selbst ein Bretterverschlag was Anheimelndes. Der Ostgipfel ist noch von Wolken umhüllt

Nie wieder hoher Gipfel

Ich hatte mir beim Gipfelaufstieg zum Marmolejo, 6.108 m, am 9. Dezember 2000 geschworen, nie wieder auf einen hohen Berg zu steigen. Der innere Kampf ums Weitergehen, die Last des Atemholens, die Anstrengung, es war mir einfach zu viel. Als mich mein Bergkamerad Klaus im Frühjahr 2001 fragte, ob ich mit ihm zum Elbrus mitkommen wollte, waren alle Schwüre sofort vergessen. Gleich hat mich wieder der Höhenrausch gepackt! Klaus unternimmt seine Bergsteigertouren immer mit dem Wiener Bergreiseveranstalter „Verkehrsbüro“. Da ich mitwollte, buchte ich meine erste und einzigen Pauschalreise. (Achtung unbezahlte Werbung: www.verkehrsbuero.com).

Klaus und ich flogen am 9. August 2001 von Frankfurt nach Wien und stießen dort zum Rest der zehnköpfigen Gruppe. Über Moskau, mit einer Hotelübernachtung in der Nähe des Roten Platzes, ging es am 10. August mit einer kleinen Maschine der Linie „KMV“ weiter nach Mineralnyje Wody, dem nächsten Flughafen zum Elbrus.

Akklimatisation

Nikolaj Kadoschnikow und Tatjana Wassiljenko, unsere Bergführer, empfingen uns mit einem längeren Kleinbus, in dem Gepäck, Lebensmittel für den Elbrus, zehn Teilnehmer und auf der Fahrerbank zwei Bergführer und ein Fahrer Platz fanden.

Die Fahrt durch die Städte und Dörfer des südlichen Russlands lassen mich in eine neue Welt eintauchen, in eine andere Mentalität. Plattenbauten und monumentale Bauten in den Städten, Pferdefuhrwerke mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen, kleine Gehöfte in einsamer Landschaft oder Verkaufsstände mit Produkten aus dem eigenen Garten an staubigen Dorfstraßen wechseln sich auf dem Weg nach Itkol im Baksantal ab.

Im Vordergrund eine Pontonbrücke, dahinter Hochhäuser vor schroffer Bergkulisse
Wir rumpeln über eine Pontonbrücke. Die Plattenbauten stehen vor schöner Bergkulisse
Ein Pferdefuhrwerk mit Heu beladen
Aus dem Bus fotografiere ich ein mit Heu beladenes Pferdefuhrwerk

Unser auf 1.970 m gelegenes Hotel ist ideal für Akklimatisierungstouren. Der Körper muss langsam an eine Höhe über 3.000 m gewöhnt werden. Der Sauerstoffpartialdruck sinkt mit zunehmender Höhe, das macht dem menschlichen Körper Schwierigkeiten. Ein schneller Aufstieg – zum Beispiel mit einer Seilbahn – wirkt sich nicht nur negativ auf die Hirnfunktion aus, sondern beeinträchtigt Atmung, Kreislauf, Sehvermögen und Bewegung. Langsames Steigen, hoch Steigen und zum Schlafen wieder etwas hinuntergehen, ist die richtige Taktik, um den Körper einzugewöhnen (Steige hoch, schlafe tief). Da alle Teilnehmer auf circa 200 m Seehöhe wohnen, ist ein Hotel bei knapp 2.000 m ein wunderbarer Ort zum Akklimatisieren.

Die Bloggerin steht auf Felsen. Unter ihr ist ein Hotelgebäude im Hintergrund Wald
Unser Hotel im Baksantal

Ich hatte die 10 Tage vor der Reise zum Elbrus mit meiner jüngsten Tochter Lotti im Tauferer Ahrntal verbracht und bereits zwei über 3.000 m Gipfel bestiegen. Diese Akklimatisationstouren hatte sich mein Körper bereits gemerkt.

Baksan Tal

Der Tscheget (Cheget) ist unser erstes Ziel und hier haben wir auch den ersten guten Blick auf den Elbrus, den Berg unserer Begierde. Mich beeindrucken die Gletscher, die wie zu dick aufgetragener Zuckerguss den Berg bedecken, mächtige Hängegletscher kleben an den Flanken. Mit leichtem Gepäck, eher einer Sommerwanderung gleich, laufen wir bergauf zum Gipfel des Cupola. Lange bleiben wir auf 3.800 m sitzen, mit guter Aussicht auf scheinbar unberührte Natur – der Körper macht seine Akklimatisationsarbeit ganz alleine.

Die Bloggerin Anne-Bärbel steht auf einer Wiese im Bergwald, im Hintergrund steht das Massiv des Elbrus
Ich stehe in einer Blumenwiese und genieße den ersten Anblick des Elbrus. Foto: Klaus Friedrich

Weiter oben, kurz vor dem Tscheget Gipfel ist der Aussicht auf den Elbrus spektakulär. Dicke Glescher schieben sich wie Zuckerguss auf einem Gugelhupf zu Tal.

Ein Doppelgipfel, sanft gerundet, erhebt sich aus einer Gletscherlandschaft gegen dunkelblauen Himmel. Die Felshänge unter den Gletschern sind steil, von Furchen durchzogen und mit nur wenig Bewuchs
Der Elbrus – Doppelgipfel mit einer beeindruckenden Gletschervielfalt

Während des Schlafs in der Nacht, verarbeitet der Körper dieses „in der Höhe gewesen sein“. Er erzeugt vermehrt rote Blutkörperchen, die dem Körper in der Höhe helfen, besser mit dem niedrigeren Luftdruck und dem wenigen Sauerstoff in der Luft zurecht zu kommen.

Adyl-Su-Tal

Nun wollen unsere Bergführer noch sehen, wie wir mit den Steigeisen zurechtkommen. Zu einer geführten Bergtour kann sich jede und jeder anmelden. Es gibt immer wieder Menschen, die sich völlig überschätzen, die Ausschreibung nicht lesen oder anders interpretieren. Wer aber keine Techniken beherrscht oder zu wenig Kondition hat, kann unterwegs eine ganze Gruppe in Gefahr bringen. Um dem Vorzubeugen, werden die Teilnehmer, bevor es auf die eigentliche Tour geht, auf ihre „Tauglichkeit“ getestet.
Unser Fahrer bringt uns über steile Passstraßen ins Adyl-Su-Tal. Die vielen Panzerabwehrstellungen und militärischen Geräte zeigen mir, dass Georgien nicht weit ist und die Gegend alles andere als friedlich.

Eine Geschützstellung steht bei der Anfahrt ins Adyl-Su-Tal auf einer Kurve oberhalb eines Taleinschnitts
Eine Geschützstellung steht bei der Anfahrt ins Adyl-Su-Tal auf einer Kurve oberhalb eines Taleinschnitts

Wieder mit kleinem Gepäck, trotz großer Rucksäcke, marschierten wir an einem reißenden Bergbach entlang in Richtung des Gumatschi-Gletschers. Die Brücken sind sicherlich nicht TÜV geprüft, erfüllen aber ihre Aufgabe, trockenen Fußes den Bach zu überqueren.

Querung einer Brücke beim Anmarsch zum Gumatschi-Gletscher. Auf großen Felsbrocken liegen verwitterte, kaputte Holzbrückenreste. Die Autorin q
Querung einer Brücke beim Anmarsch zum Gumatschi-Gletscher. Foto: Klaus Friedrichs

Stetig geht es bergauf und nach einigen Kurven erblicken wir erstmals den „Übungs“-Gletscher. Ein beeindruckender Anblick, auch wegen des Gipfels, der rechts davon aufragt.

Ein mächtiger dreieckiger Berg ist von Gletschern durchzogen
Dieser Berg wäre eine bergsteigerische Herausforderung

Lange laufen wir ins Tal hinein, kletterten die Gletschermoränen hoch, bevor wir die Steigeisen anlegen können und die Pickel in die Hand nehmen. Jede und jeder läuft im eigenem Tempo, eine Seilschaft wird nicht gebildet. Die Bergführer beobachten uns, unser Können und unsere Kondition, denn am Elbrus sollen alle mithalten können.

Bergsteiger sind mit Steigeisen auf einem Gletscher im Aufstieg
Wir laufen zur weiteren Akklimatisation den Gletscher hinauf. Die Bergführer wollen wohl auch das Können und die Kondition abschätzen

Diese eisgepanzerte Gletscherwelt begeistert mich. Der Gumatschi ist ein beeindruckentder Berg.

Recht in wie ein Dreieck geformtes Bergmassiv, ein gewaltiger Gletscher links davon
Der Gumatschigipfel fasziniert mich wegen der Form. Ein mächtiger Gletscher liegt in der Scharte

Bei einer Höhe von 3.800 m drehen wir um. Ich nutze meine Chile-Erfahrung vom Marmolejo und mache den Abstieg größtenteils mit dem Hintern und der Pickelbremse. Meine Überhose hat eine Verstärkung aus Kevelar, die lange dichthält und sich nicht abnutzt. Wieder am Kleinbus angekommen, genießen einige Teilnehmer ein Schaschlik, während ich mich mit Kartoffeln zufrieden gebe. Zumindest bekomme ich die Übersetzung, dass der Wodka, zu dem ich von einem Einheimischen eingeladen werde, ein Kartoffelbrand sei.

Die Bloggerin steht mit einem Mann, der ihr Wodka in einen Becher einschenkt im Arm da. Im Hintergrund ist eine Hütte, vor Wald und Berglandschaft
Statt Essen lieber einen Wodka? Nette Einladungen lehne ich nicht ab!

Fröhlich und beschwingt fahren wir zurück ins Hotel, ich machte einen Abendspaziergang den blühenden Hang hinauf. Klaus hatte mir vom Pflanzen-Gigantismus im Kaukasus erzählt. Durch die Wetterbedingungen und den vielen Niederschlag gedeihen die uns bekannten Alpenpflanzen wesentlich besser und werden sehr viel höher und größer als in den Alpen.

Blauer Enzian, Klee und Arnika stehen auf einer Wiese
Die Pflanzen sind größer als in den Alpen. Blauer Enzian, Klee und Arnika stehen auf einer Wiese

Basislager am Elbrus

Unsere Elbrus-Besteigung starten wir mit der Seilbahn. Sie bringt uns in die Nähe der Prijut-11-Hütte. Die ursprüngliche Hütte wurde 1909 von elf Alpinisten errichtet. Prijut heißt übersetzt Zuflucht – also: Zuflucht der Elf. 1929 wurde die Hütte zuerst erweitert, in den 1930er Jahren als höchstgelegenes Hotel Russlands umgebaut und 1940 eingeweiht. Vermutlich unabsichtlich durch einen Touristen verursacht, brannte das Hotel am 16. August 1998 ab.

Aus Felsgestein ragt die Ruine der Prijus-11-Hütte hervor. Der runde Anbau ist mit Fensteröffnungen versehen
Ein trauriger Anblick: Die Ruine der Prijus-11-Hütte

Seither stehen oberhalb der Ruine, auf circa 3.800 m, große tonnenähnliche Gebilde, in denen immer Platz für vier Personen ist.

Bergsteiger mit Gepäck halten sich vor runden, tonnenähnlichen Bauten auf, die als Übernachtungsmöglichkeiten am Elbrus genutzt werden. Die Tonnen haben an der Stirnseite jeweils eine Tür und ein kleines viergeteiltes Fenster
Die Übernachtungstonnen am Elbrus muss man vorbuchen

Da wir mit unseren Wanderungen bereits zwei Tage auf 3.800 m waren, steigen wir weiter auf. Unsere Hütte, in der wir alle zusammen übernachten sollen, liegt auf 4.100 m. So steigen wir in der vergletscherten Welt weiter hinauf. Bergsteigern aus vielen Nationen wimmeln herum. Wir passieren mehrere Zeltlager, denn der Elbrus ist ein begehrter Gipfel. Abwechselnd tragen wir außer unseren Rucksäcken auch unsere Lebensmittel, die wir für die geplanten drei Tage am Elbrus benötigen werden. Nikolaj und Nadine betreuen uns nicht nur am Berg, sondern werden uns auch kulinarisch verwöhnen.
Als wir aus dem größten Gewimmel heraus sind, sehen wir einen windschiefen Holzschuppen auf einer Geröllrippe stehen. Das ist unser Quartier, unser Basislager.

Im Hintergrund der West- und Ostgipfel des Elbrus. Im Vordergrund stehen Bergsteiger vor einem Bretterverschlag, der als Basisquartier dient. Er steht auf Felsgestein, an exponierter Stelle
Unser Basisquartier am Elbrus – eine windschiefe Hütte – die Gipfel des Elbrus thronen darüber

Hinein können wir leider noch nicht, denn die Gruppe, die es noch bewohnt, ist heute erst zum Gipfel unterwegs und noch nicht zurück. Die nächste Nacht werden wir zusammenrücken müssen.
Stattdessen heißt es weiter akklimatisieren. Wir wandern weiter den Berg hinauf und sollen uns auf 4.400 m verweilen und erst in sechs Stunden wieder zurück sein. So laufen wir in Kleingruppen los, dem Strom der Gipfelbesteiger entgegen, die bereits auf dem Weg vom Gipfel hinunter ins Lager sind.

Eine Truppe läuft im Laufschritt bergab und schleift bei diesem halsbrecherischem Tempo einen Sack hinter sich her, in dem ein Mensch liegt. Ein paar Sätze auf Russisch fliegen zwischen Tatjana und einem Begleiter der Gruppe hin und her. Der Mann im „Sack“ ist höhenkrank geworden, kann selbst nicht mehr gehen und muss schnellstmöglich hinunter. Später erfahren wir, dass in einem der Zeltlager ein Arzt, ein Höhenmediziner, dem Mann helfen konnte. Er solle sechs Wochen zuvor auf dem Manaslu, einem 8.163 m hohen Gipfel in Nepal gewesen sein.
Mir führt das vor Augen, wie unberechenbar die Höhe ist und dass man selbst mit guter Akklimatisation nicht vor der Höhenkrankheit gefeit ist, wenn der Körper nicht will. Jahre später, am Kilimanjaro, erkannte ich bei einer Teilnehmerin die Anfänge von Höhenkrankheit früh genug. Fast selbständig konnte sie aus der Höhe hinabsteigen.

Immer wenn ich Bilder von Gletschern sehe oder auf Gletschern stehe, fällt mir die Ähnlichkeit von Gletscherstrukturen mit der Haut von Elefanten auf. Kann sein, dass ich spinne, aber je nach Lichteinfall erscheint der Gletscher wie mit einer runzeligen Haut versehen. Ich könnte Stunden mit dem Betrachten verbringen und dazu haben wir bei der Akklimatisation ja Zeit.

Ein Gletscher zieht sich auf dem Bild entlang bis in den Hintergrund, in dem spitze Berggipfel stehen. Die Struktur des Gletschers ist ähnlich runzelig, wie die Haut von Elefanten
Gletscherstrukturen erinnern mich an Falten, Runzeln und Senken einer Elefantenhaut – oder spinne ich?

Am Nachmittag können wir in die Hütte, die ein Grundmaß von vier auf vier Metern hat. Durch grob genagelte Bretter sieht man auf die darunterliegenden Felsen. Auch die Wände lassen jeden Windhauch durch. Der Aufenthaltsbereich nimmt die Hälfte der Hütte auf der Vorderseite ein, die Rückseite besteht aus zwei doppelstöckigen Kammern, in der jeweils drei Menschen auf Matratzen Platz haben sollen. Allerdings müssen wir uns mit 20 Menschen zurechtfinden, denn die andere Gruppe würde erst am nächsten Morgen absteigen. Nun sollen vier Personen in einer Kammer schlafen (also 50 cm Platz pro Person), die restlichen würden auf dem Boden nächtigen. Ich meldete mich gleich für den Boden, denn meine Isomatte und mein Schlafsack hatten mich am Marmolejo, wo ich auf dem Gletscher im Zelt schlief, nie im Stich gelassen. Den Rest des Nachmittags verbringe ich auf der Terrasse oder in der Umgebung, lasse die Seele baumeln und schaue diese umwerfend wilde, eisige und felsige Landschaft an.

Bald war es zu kalt, um draußen nur herumzusitzen. Wolken ziehen auf und Tatjana sucht Freiwillige, die Schnee zum Schmelzen für das Essen und für Tee holen. Damit kenne ich mich aus, denn am Marmolejo kamen wir auch nur so zu Trinkwasser. Allerdings war es dort leichter, sauberen Schnee zu finden, denn außer unserer Vierergruppe war kein anderer Mensch in der Nähe. Ich schwärme mit Klaus und Thomas aus, von unserer Felsrippe nach Westen. „Don’t eat yellow snow“ lautet ein Spruch dazu, über den wir wieder laut lachen. Kurz darauf gibt es jede Menge heißen Tee. Der wirkt wirklich Wunder, es wird schnell warm von innen, aber der hier immer kreisende Wodka wirkt ebenso.

Ein Mann und eine Frau bereiten an einem Holztisch in einer Bretterhütte Essen zu
Tatjana und Nikolaj bereiten unser Abendessen zu

Schon bald nach dem Abendessen ist Ruhe in der Hütte. Im Schlafsack ist es am Wärmsten und für die Akklimatisation ist Schlaf nötig. Mein Schlafsack ist meine Höhle, mein Nest, mein Zuhause, egal, wo ich auf der Welt bin, ich fühle mich immer angekommen, wenn ich darin schlafe.

„Bergbadezimmer“

Die Katzenwäsche findet bei solchen Touren draußen statt, wenn es Wasser gibt. Wasser gibt es und ich lasse mir meinen Topf, den ich als Essnapf nutze, mit heißem Wasser füllen. Draußen suche ich mir „dreimal um die Ecke“ auf der Geröllhalde ein einsames Plätzchen, und mache eine Notwaschung mit meinem Waschlappen. Die harten Männer stehen am Wasserlauf, haben mit dem Eispickel ein Loch geschlagen und benetzen sich mit den eisigen Tropfen.

Zwischen Felsen im Schnee versuchen Bergsteiger Wasser zum Waschen zu finden
Die Männer sind beinhart und waschen sich mit dem Eiswasser der Pfützen

Das Wetter ist wolkenverhangen, lausig kalt und stürmisch. Das erste Abenteuer des Tages ist der Toilettengang. Unterhalb der Hütte steht ein notdürftig gezimmerter Verschlag mit einem Loch im Boden. Das Geschäft wird im Hocken verrichtet und das Ergebnis landet unterhalb des Verschlags auf den Felsen. Ich lasse mein benutztes Papier ebenfalls durch das Loch fallen, innerhalb Sekunden ist es wieder hereingeweht vom Sturm und fliegt mir um die Ohren. Ich fange es ein, und versuche es zum zweiten Mal, jetzt klappt es. Als ich die Toilette verlasse und mich umschaue, bemerke ich erstmals, dass sich das benutztes Papier über dem ganzen Gelände verbreitet hat. Wie doof. Ich mache in der Hütte den Vorschlag, dass ich eine Plastiktüte in den Verschlag hänge für das Papier und ich diese am letzten Tag mit ins Tal in einen Mülleimer nehme.

Am Felsrand steht vor dem Gletscher ein Verschlag, der als Toilette dient. Er ist mit Seilen gesichert, dass der Sturm ihn nicht wegbläst
Das Toilettenhäuschen bot nur Sichtschutz

Pastuchov-Felsen

Heute sollen wir uns zum letzten Mal akklimatisieren und zu den Pastuchov-Felsen auf 4.700 m aufsteigen und uns dort wieder verweilen. (Steige hoch – schlafe tief). Weit über uns können wir die Karawane der Gipfelstürmer sehen, die sich wie Ameisen auf ihrer Straße den verschneiten Hang über den Sattel bewegen. Zum Verweilen ist es bei den Felsen viel zu kalt, so gehe ich auf Höhe der Felsen hin und her, bemüht, nicht auf die Gletscher links und rechts der Aufstiegsspur zu kommen, um nicht in eine Spalte zu stürzen. Nachmittags kommt die Sonne hervor und wir genießen die Wärme uns auf unserer Aussichtsterrasse. Die andere Gruppe ist abgereist, und wir haben nun die Hütte für uns allein. Ich beziehe mit zwei Männern den oberen rechten Verschlag, bekomme den Platz in der Mitte. Somit weht zumindest von unten kein Wind mehr hoch.

Schneesturm

Um zwei Uhr werden wir geweckt, Gipfeltag.

Aber noch bevor wir richtig munter sind, hören wir den Sturm an den Brettern der Hütte zerren. Im Licht von Nikolajs Stirnlampe leuchtet der schneebedeckte Hüttenboden. Auch unsere Rucksäcke, die an den Innenwänden der Hütten stehen, sind dick verschneit. „Jetzt loszugehen ist zu gefährlich“, sagt Nikolaj. Diese Meinung teile ich sofort und lasse mich zurücksinken. Oh, wie angenehm ist ein warmer Schlafsack!

Am Vormittag hat das Schneetreiben nachgelassen. Nikolaj war bereits unterwegs und hat herausgefunden, dass morgen ein wettermäßig besserer Tag sein soll. So werden wir morgen den Elbrusgipfel besteigen, teilt er uns mit. Da wir aber somit einen Tag länger bleiben, würde das Essen nun rationiert. Er legt jedem nur zwei Scheiben Brot auf den Teller. Der größte Anteil der Gruppe sind Österreicher, die nun zu murren anfangen. Es wird in den Rucksäcken gekramt und Speck, Käse, Schüttelbrot, gutes Roggenbauernbrot und Würste landen auf dem gemeinsamen Tisch. Tatjana und Nikolaj fangen an zu grinsen, und wir Deutschen holen ebenfalls unser Notfutter hervor. So schmausen wir reichlich und erfahren, dass wir den Tag zur freien Verfügung haben. Wir sollen uns nach eigenem Gutdünken akklimatisieren, aber mitteilen, wohin wir gehen wollen. Klaus und ich marschieren nochmal zu den Pastuchov-Felsen. Oben angekommen machen wir mit den Steigeisen Experimente. Bei welcher Steilheit kann man noch gut auf dem ganzen Fuß stehen, wann muss man auf die Zehenspitzen oder Außenzacken wechseln. Andere aus der Gruppe kommen dazu und wir haben viel Spaß beim Üben.

Eine Bergsteigerin mit Steigeisen und Trekkingstöcken steht in eisiger, mit Steinen übersäter, Gletscherlandschaft. Hinter ihr die Gipfel anderer Bergketten
Steige hoch – Schlafe tief – so hilft man dem Körper bei der Akklimatisation. Foto: Klaus Friedrichs

Beim Abendessen erzählen drei unserer Teilnehmer beiläufig, dass sie heute auf eigene Faust den Ostgipfels (5.621m) bestiegen haben! Nikolaj und Tatjana fallen aus allen Wolken, auch der Rest der Gruppe weiß nicht, ob wir die drei bewundern sollen oder eher ausschimpfen. Nikolaj erklärt ihnen das Unverantwortliche ihres Tuns. Er und Tatjana als Bergführer sind nach dem Gesetz für die Gruppe verantwortlich. Sie hätten, wenn den dreien unterwegs etwas zugestoßen wäre, nicht mal die Möglichkeit gehabt, zu reagieren, weil sie an der Stelle gesucht hätten, wohin sie sich abgemeldet haben. Außerdem würden sie dann uns andere „um den Gipfel“ gebracht haben, denn nach einer Suchaktion würde keinem mehr der Sinn nach dem Gipfel stehen. Es herrscht eine angespannte Stimmung in der Gruppe. Wolfgang, einer der Gipfelstürmer, ein ruhiger Typ, Mitte 50, drahtig, sehr bergerfahren, ergreift das Wort. In ruhigen Sätzen beschreibt er, dass sie schnell an den Pastuchov-Felsen waren. Dort bewegte sich die Karawane, in der die sich befanden, weiter und sie bekamen mit, dass viele Bergführer erst nach dem Schneesturm mit ihren Gruppen zum Gipfel gestartet waren. So sind sie einfach mit den Gruppen weiter gegangen. Sie seien eine eingeschworene Dreiergruppe und hätten schon mannigfaltig Berge bestiegen. Sie hätten aufeinander aufgepasst, weil sie sich eben kennen und auch einschätzen können. Sie hätten gewusst, dass es für sie gut machbar sein würde. Und, es waren viele Leute unterwegs, sie waren nie allein. Aber er sehe ein, dass Nikolaj und Tatjana hätten informiert werden müssen. Dann zog er einen Obstler aus seiner Rucksacktasche, entschuldigte sich bei uns allen und wir stießen, in gelöster Stimmung, auf den Gipfelerfolg der drei an.

Gipfeltag am 16. August 2001

Nun waren wir unterwegs. Der Himmel ist klar, der Mond scheint, und wir benötigen keine Stirnlampe. Der Schnee reflektiert das Mondlicht, das reicht zum Aufsteigen. Es ist recht still, man hört nur den Atem der anderen, mal ein Räuspern und das knarrende Geräusch der Steigeisen, die in den harten Firn greifen. Nikolaj gibt vorne ein langsames Tempo vor, der Kreislauf muss langsam auf Touren kommen. Ich merke, dass ich leichter laufe als die letzten zwei Tage. Ich fühle mich kräftiger, stärker. So geht es über eine Stunde dahin. Dann merke ich, wie sich das Licht ändert, blauer wird. Nach Osten bekommen die Umrisse einen weichen Glanz ins gelborangene. Die Luft fühlt sich anders an, weicher. Dann trete ich aus der Reihe, denn ich weiß, dass ich hier nie mehr in meinem Leben hinkommen werde. Den Sonnenaufgang möchte ich genießen. Beim Sonnenaufgang meinem Gott danken, dass er mir die Kraft und die finanziellen Mittel gibt, so eine Reise zu machen, solch einen Berg zu besteigen. Ich verharre in kurzer Andacht und krame dann meinen Foto unter der Daunenjacke hervor.

Langsam drehe ich mich um die eigene Achse um die Veränderung des Lichts wahrzunehmen, den der Sonnenaufgang bewirkt. Klaus steht etwas oberhalb von mir, auch mit dem Fotoapparat in der Hand.

Links an der Bergkante geht die Sonne auf. Die Gletscher- und Berglandschaft liegt noch im Schatten
Die Sonne kommt über die Bergkante – beeindruckend schön

Gegenüber ist wieder eine Lichtbrechung zu sehen, die mir so ungeheuer imponiert und mir bisher nur am Marmolejo aufgefallen ist.

Im Vordergrund ist ein Gletscher noch im Schatten. Im Hintergrund links werden Berge bereits von der Sonne erleuchtet. In Bildmitte ist die Lichtbrechung der Sonne festgehalten
Lichtbrechung beim Sonnenaufgang am Elbrus

Nun müssen wir uns sputen. Die anderen Teilnehmer sind weit über uns, machen aber gerade Pause. (Das nachfolgende Bild ist von Wolfgang, dessen Nachname mir nicht bekannt ist. Er hat es mir später geschickt, danke dir!)

Schroffe Berggipfel in der Morgendämmerung im Hintergrund. In den Tälern zwischen den Bergmassiven liegen Wolken. Zwei Bergsteiger gehen auf einem Gletscher bergauf
Ich steige vor Klaus hinauf. Wir sind beim Aufstieg bereits oberhalb der Pastuchov-Felsen. Eine grandiose Landschaft breitet sich unter uns aus. Foto: Wolfgang Nachname unbekannt

Langsam gehen wir aufwärts und erreichen die stehende Gruppe, als alle gerade die Rucksäcke aufsetzen. Gesprochen wird nichts, dazu fehlt der Atem, langsam geht es voran.
Ich merke, dass ich mein eigenes Tempo gehen muss. Immer langsam und sehr gleichmäßig. Schnell gehen und dann stehen bleiben, um eine Atempause zu machen und dann wieder schnell gehen, das mag mein Körper nicht, zumindest nicht über 4.200 Höhenmetern. Langsam und kontinuierlich komme ich auf die hohen Bergen hinauf. Stetig steigen mit immer genug Luft, um keine Pause einzulegen.

Steil geht es hinauf, meine Steigeisen greifen gut und ich bin froh, Anti-Stoll-Platten drunter zu haben. Diese schütteln festgesetzten Schnee wieder ab, damit die Zacken der Steigeisen noch greifen können. Die Gletscherbrille schützt mich vor der gleisenden Sonne auf dem Schnee. Blöderweise bemerkte ich allerdings nicht, dass ich keine Sonnencreme aufgetragen habe. Die Gruppe hatte das getan, während ich den Sonnenaufgang fotografierte.

Die Sonne steigt schnell höher und es wird richtig warm. Gestern war es nach dem Neuschnee und unter der Wolkendecke tagsüber gerade mal plus 2°. Ich bleibe stehen und ziehe mir die Daunenjacke aus. Mein langärmeliges Fleecehemd reicht völlig.

Es wird immer steiler. Einatmen, rechten Fuß heben, ausatmen, rechten Fuß voranstellen. Einatmen, linken Fuß heben, ausatmen, linken Fuß voranstellen. So gehe ich 10 Schritte und muss dann, ohne Schritte zu machen, zweimal Atem holen. Dann geht es 10 Schritte weiter.

Ein steiles schneebedecktes Bergstück. Oben im Bild steigen Bergsteiger auf einem Pfad hinauf
Immer steiler wird der Aufstieg – im Hintergrund der Westgipfel

Ich bilde mit Klaus und Tatjana den Abschluss der Gruppe, die sich nun weit über uns verteilt. Die ersten sind mittlerweile aus unserem Sichtfeld verschwunden, wohl schon über den Sattel. Wie gesagt, es ist nicht schwierig, steil zwar, aber anstrengend ist das Luftholen, bzw. das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. So empfinde ich das, dabei ist es der Sauerstoff, der meinem Stoffwechsel fehlt und in dieser Höhe einfach vermindert in der Luft vorkommt. Nikolaj wartet im Sattel auf uns und wir machen eine Pause. Nach einem kurzen Blick in mein Gesicht, fragt er, ob ich eingecremt sei? Upps, jetzt fällt es mir auf, dass ich das versäumt habe, schnell hole ich das nach. Ich zwinge mich, einen Riegel zu essen und zu trinken. Der Körper braucht Energie, rede ich mir beim Kauen gut zu. Hier im Sattel stand wohl mal eine Notunterkunft, die Giebel der Hütte sind noch deutlich zu erkennen. Nicolaj zeigt zum Ostgipfel, an dessen Flanke zwei Gestalten hinaufsteigen. Thomas und Klaus II (also der andere Klaus) wollen erst hinauf zum Ostgipfel und danach den Westgipfel besteigen, erzählt Nicolaj uns auf unsere Frage.

In den Fragmenten eines Hausdaches machen Bergsteiger Pause. Zwei sitzen und essen, zwei stehen
Wir brauchen eine kurze Pause. Die Holzteile sind die Ruine der Hütte, die ehemals im Sattel des Elbrus stand

Wir wandern erst durch die Senke des Elbrussattels. Der Anstieg zum Westgipfel beginnt allmählich. Hier bin ich wieder fit und kann gut steigen. ‚Vielleicht ist es die Steilheit, die mich langsam macht?‘, überlege ich. Die Österreicher, die gestern auf dem Ostgipfel waren, kommen uns schon wieder entgegen. Nikolaj spricht mit ihnen, unsinniges Zeug, wie ich meine, aber er will nur testen, ob die Denkfähigkeit noch in Ordnung ist. Alles ist gut, er und Tatjana begleiten mich und Klaus weiter zum Gipfel, es wird wieder steil. Als wir denken, jetzt ist es geschafft, kommt immer noch eine Bodenwelle und wir müssen quasi links herum weiter hinauf. Klaus liegt mit Tatjana etwas zurück.

Der Elbrusgipfel

Nikolaj und ich warten auf die beiden, bevor wir vier gemeinsam das 5.642 m hohe, minikleine Gipfelplateau betreten.

Vier Bergsteiger am Gipfel des Elbrus. Ein Bergsteiger hat kniend eine Fahne in der Hand
Wir vier am Gipfel. Es ist irre warm, anders als am Marmolejo. Nur vor Sonnenbrand müssen wir uns schützen

Ein Stein und einige Metallplatten mit Inschriften markieren den Gipfel des Elbrus. Klaus zieht seine DAV Sektion Weinheim Flagge hervor, die wir am Pickel befestigen. Mit Selbstauslöser machen wir Fotos und noch von jedem Einzelaufnahmen.

Eine Bergsteigerin steht am Elbrusgipfel. Sie hält ihren Pickel in der Hand. Der Gipfel wird durch einen Felsen markiert
Am Elbrusgipfel kann ich mich richtig freuen. Foto: Klaus Friedrichs

Wir schauen uns um und sehen nicht viel, denn von Norden sind Wolken herangezogen, die die Sicht nach Russland versperren. Ohne Wolken könnten wir bis zum Schwarzen Meer sehen, erklärt mir Tatjana – aber leider sind Wolken da. Und die kochen gewaltig, so machen wir uns schnellstmöglich an den Rückweg.

Bergab bin ich einfach schnell. Ich nutze den Schwung jeden Schrittes für den nächsten und stoppe nicht ab. Ich gehe weich in den Knien, so das die Muskeln der Ober- und Unterschenkel die Arbeit machen. Und ich mache große Schritte, das hat mir Papa schon als Kind beim Gehertraining beigebracht. „Mache bergab die Schritte länger, die Schwerkraft unterstützt dich – jeder so gewonnene Zentimeter bringt dich schneller ans Ziel.“ Das solche Worte so lange im Kopf und im Tun bleiben.

Im Sattel bei der Hüttenruine stehen die drei Österreicher, die gestern am Ostgipfel waren und Thomas und Klaus II sitzen bei ihren Rucksäcken. Sie schauen uns entgegen, erscheinen unruhig. Die drei haben Thomas an der Flanke zum Ostgipfel sitzen sehen und sind dorthin geeilt, denn sie vermuteten, dass etwas nicht stimmt. Thomas saß fast nackt bei seinem Rucksack und Klaus II hätte apathisch dabei gestanden. Sie hätten Thomas überreden müssen, sich anziehen zu lassen, denn er wäre nicht mehr in der Lage gewesen, es zu tun. Sie haben gesehen, dass wir beim Abstieg vom Westgipfel waren und haben hier im Sattel auf Nikolaj und Tatjana gewartet. Die sprechen die Beiden an und merken sofort, wie desorientiert sie sind. Thomas fängt an, seine Schuhe auszuziehen. Nikolaj spricht ein Machtwort, beide müssen nochmal trinken und werden dann jeweils rechts und links am Arm genommen und den Berg in schnellem Tempo, mehr rutschend als gehend, hinabbegleitet. Die drei Österreicher helfen mit und spielen dabei ihre Bergerfahrenheit aus.

Klaus und ich gehen gemeinsam hinterher, der Schnee ist jetzt sehr sulzig, ungeheuer schwer und die Anti-Stoll-Platten helfen nicht mehr. Alle paar Meter schlagen wir mit den Stöcken gegen die Steigeisen, um die Schneemassen unter den Steigeisen zu lösen.

Es bewölkt sich Zusehens und die umliegenden Gipfel verschwinden in den Wolken. Wie schade, denn gerade nun hätten wir beim Bergabgehen einen schönen Ausblick verdient. Als wir unterhalb der Pastuchov Felsen sind, reist plötzlich in der Wolkenwand ein Fenster auf. Wie ein von Wolken gerahmtes Bild erblicken wir die Gipfellandschaft im Hintergrund. 

Steile Gletscherlandschaft zieht sich in dichten Wolken bergab. Die Wolkendecke ist als Quadrat aufgerissen, die Berge im Hintergrund sind zu erkennen
Himmelsfenster beim Abstieg

Als wir an der Hütte ankommen, geht es Thomas und Klaus II bereits besser. Abstieg ist der einzige Ausweg aus der Höhenkrankheit. Sie sind am Teetrinken und finden es schade, keinen Gipfel erklommen zu haben. Klaus II gibt selbstkritisch zu, dass er die Akklimatisierung wohl nicht ernst genug genommen hat. Er wäre an keinem Tag bis zu den Pastuchov Felsen aufgestiegen, sondern hätte sich im Zeltlager mit den Bergsteigern unterhalten. „Und, ich bin heute viel zu schnell losgegangen. Ich hätte mein eigenes Tempo gehen müssen, statt mich an die schnellen Bergfexe dranzuhängen.“

Trotzdem trinken wir Wodka auf den Gipfel- und Heilungserfolg, dann sinke ich müde auf mein Lager. Für die 1.500 Höhenmeter und ca. 8 Entfernungskilometer habe ich hinauf 8 Stunden gebraucht. Ich fühlte mich am Gipfel lange nicht so erschöpft wie am Marmolejo, trotzdem mir die Höhe zu schaffen machte. Für den Abstieg habe ich noch mal 4 Stunden benötigt. Ich lasse das Abendessen aus und schlafe die nächsten 13 Stunden!

Die Bloggerin sitzt in einem Bretterverschlag im oberen Abteil in ihrem Schlafsack. Rechts und links ist jeweils ein weiterer Schlafsack. Auch unter ihr sind noch drei Schlafsäcke im unteren Abteil zu erkennen. Die Bloggerin sieht müde aus
Müde von der Gipfelbesteigung sitze ich in meinen Schlafsack

Nach dem Abstieg zur Seilbahn, bei dem wir uns mit dem Mülltragen abwechseln, werden wir in der Ebene wieder von unserem Kleinbus erwartet und fahren in einen Pension. Nach ausführlichem Duschen und einem Mittagschlaf finden wir uns zur abendlichen Feier zusammen. Ich schaffe es, nicht bei jedem Gipfeldankspruch ein volles Glas Wodka trinken zu müssen und trinke auch nur ein Bier. so bin ich die fitteste am nächsten Tag, auf der Rückfahrt zum Flughafen.

Die Bloggerin rechts - mit Sonnenbrand im Gesicht - aber strahlendem Lächeln, prostet einem Mann mit einem Wodkaglas zu. Im Vordergrund stehen Teller und Bierflaschen
Glücklich beim Feiern – mein Sonnenbrand im Gesicht ist deutlich zu sehen. Foto: Klaus Friedrichs

Als wir schon über eine Woche wieder zu Hause waren, war mein Gesichtssonnenbrand so weit abgeklungen, dass sich die Haut als Ganzes löste, wie eine Maske. Seither muss ich mein Gesicht immer besonders gut eincremen – und vergesse das auch nicht mehr.

Mir aber ließ meine Leistungsfähigkeit keine Ruhe, bzw. meine Leistungsunfähigkeit. Das ich so lange gebraucht habe für 1.500 Höhenmeter! Liegt das an der Höhe über 4.200 m oder habe ich einfach nichts drauf? Diese Frage kreiste mir im Kopf. Als Mitte September der Wetterbericht für das kommende Wochenende im Berchtesgadener Land als sonnig, beständig und warm gemeldet wurde, machte ich mich zur Leistungsprobe auf zum Watzmann.

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