Motorrad + Kind

Motorrad + Kind

Dieser Blogbeitrag kann unbezahlte Werbung enthalten. Auf meinen Bildern und Videos trage ich Kleidung und Ausrüstung, deren Brands sichtbar sein können. Ich beschreibe Destinationen namentlich, sonst kann ich nicht über sie berichten. Wer mir Werbung bezahlt, entnimm bitte unter Zusammenarbeit.

Können Kinder auf dem Motorrad mitfahren? Kann das Erwachsenen und Kindern Spaß machen? Ist das nicht zu gefährlich? Diese Fragen beschäftigen jede neue Generation von Motorradfahrern, wenn sie Eltern werden.

Der Beitrag über Lottis und meine vierwöchige Motorradtour nach Dänemark und Schweden zeigt: Motorradfahren mit Kindern ist wunderbar möglich.

Meine Vorbilder für diese und andere Motorradtouren mit meinen Kindern sind Hjalte Tin und Nina Rasmussen. Das dänische Paar hat weltweit große Touren mit ihren zwei Kindern gefahren. Solange sie klein waren (ab etwas über einem Jahr!), saßen sie vor einem Elternteil auf der Sitzbank, sicher umringt von dessen Armen und Beinen. Als sie dafür zu groß waren, haben sie hinter einem Elternteil gesessen, gut umhüllt und geschützt von Packtaschen und Gepäckrollen.

Die Anzahl von Kindern, die bei einem Elternteil auf dem Motorrad mitfahren hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich erhöht. Einerseits liegt das sicherlich daran, das Jahr für Jahr mehr Motorräder zugelassen werden. Andererseits geben viele Motorradfahrer nach Familiengründung ihr Hobby nicht auf. Sondern sie weiten es auf die ganze Familie aus. Da das Budget durch Kinder ohnehin geschmälert ist, wird das in der Garage stehende Motorrad weiter benutzt und nicht von einem Gespann ersetzt.

Wie sicher kann ein Kind auf einem Motorrad mitfahren? Wie bereitet man eine Tour mit einem Kind vor? Wie weit kann man mit einem Kind täglich fahren? Wie sollte die Ausrüstung beschaffen sein? Welche Touren sind zu empfehlen? Diese und andere Fragen wurden unter meiner Leitung in den Jahren 2001 und 2002 bei zwei verlängerten Wochenenden in der Jugendherberge in Bonndorf im Schwarzwald behandelt. Die Veranstaltungen liefen unter dem Namen MiKiMoTo (MitKindernMotorradTouren) und wurden von mir entwickelt. Sie wendeten sich an Motorradfahrende mit älteren Kindern, etwa ab sechs Jahren. Oder mit entsprechender Größe, für die der Platz hinter dem Fahrer gewählt werden muss.

Eine Checkliste mit allen Tipps von dieser Seite habe ich als exklusiven Service für Dich zusammengestellt. Du kannst sie hier kostenlos downloaden. Viel Spaß damit!

Wie sicher kann ein Kind auf einem Motorrad mitfahren?

Eigene Fahrweise

Meiner Meinung nach kann ein Kind auf einem Motorrad ebenso sicher mitfahren, wie in einem Auto. Es kommt auf die eigene Fahrweise an. Ich selbst bin eine äußerst defensive Fahrerin – erst recht mit Kind auf dem Sozius. Ich fahre vorausschauend, ich gehe davon aus, dass mir jeder andere Verkehrsteilnehmer „an den Kragen“ will. Ich fahre immer mit Licht, im Wald, mit Sonne-Schattenwechsel sogar mit Fernlicht. Ich bin immer bremsbereit und bestehe beim Fahren, auch auf Vorfahrtsstraßen, nie auf meinem Recht. So werde ich auch nicht umgefahren. Viele Aufprallunfälle passieren, da Autofahrer beim Abbiegen den Motorradfahrer übersehen. Der Abbieger aus der Seitenstraße, der Einfahrt oder der Entgegenkommende auf der Linksabbiegerspur. Ich rechne damit, nicht gesehen zu werden, verlangsame die Geschwindigkeit und bin bremsbereit. Erst wenn ich Augenkontakt mit dem Fahrer habe, beschleunige ich wieder.

Wer vorhat, mit Kind zu fahren, sollte sein Motorrad beherrschen und ein Sicherheitstraining besuchen, ab besten jährlich. Du trainierst Dein Reaktionsvermögen, lernst Dein Motorrad besser kennen. Ein Sicherheitstraining gibt Dir auch weiteres Handwerkszeug zur Motorradbeherrschung.

Wo sitzt das Kind?

Wichtig für die Sicherheit ist nicht nur die Schutzkleidung (siehe „Wie sollte die Ausrüstung beschaffen sein?“) sondern auch der Sitzplatz des Kindes. Die Fußraste sollte natürlich vom Kinderfuß erreicht oder passend umgebaut werden.

Kleine Touren am Nachmittag mit einem aufmerksamen, wachen Kind, brauchen vielleicht keinen Seitenhalt. Bei einer Tour, die über mehrere Tage oder über längere Strecken geht, sollte das Kind seitlich und am Rücken einen Halt haben. Dies wird, ggf. durch Seitentaschen und darauf aufgeschnallte kleinere Gepäckrollen und Topcase oder Gepäckrolle erreicht.

Ein mit Packtaschen beladenes Motorrad. Ein Kind sitzt auf dem Beifahrersitz, davor ist ein schmaler Platz für die Fahrerin.
Der Beifahrersitz wird mit dem Rucksack verkleinert. Ich habe vor dem Kind noch genug Platz. Rutsche ich ein wenig zurück kann ich das Kind wenn nötig einklemmen

Kindersitz und Haltemöglichkeiten

Ich persönlich halte nichts von Kindersitzen mit Anschnallvorrichtung auf dem Motorrad. Im Falle eines Unfalls ist das Kind unwiderruflich fest mit dem Motorrad verbunden. Das wollte ich nie. Ich selbst möchte auch lieber „vom Motorrad weg“, als mit Motorrad irgendwo gegenprallen, eingeklemmt werden etc.

Um den Kindern die Möglichkeit zu geben, sich festzuhalten, reicht es, wenn Du einen Gürtel anziehst. An dem sollten Schlaufen befestigt sein, an denen sich das Kind mit Motorradhandschuhen auch festhalten kann. Ich hatte immer eine Bauchtasche, an deren Gurt sich Lotti festhalten konnte. Sie saß immer rundum geschützt, hatte Halt durch das Gepäck.

Vorher Abläufe üben für den Fall eines Unfalls

In Sicherheitstrainings habe ich gelernt, dass es besser sein kann „abzufliegen“, statt aufzuprallen. Falls ein Aufprall bevorsteht (z.B. Auto), in den Fußrasten aufstellen und „flugbereit machen“. So kommt man mit Glück über das Auto. Bei der Landung nicht wie ein Sack aufkommen, sondern geschmeidig wie eine Katze. Leicht gesagt, aber wie getan? Üben! Aufstellen in den Fußrasten üben. Körper fit und geschmeidig halten. Sei dir klar über die Kraft der Fliehkräfte! Und natürlich: vorausschauend fahren.

Mit Lotti habe ich geübt:

Aufprall droht: Während langsamen Fahrens: Aufstehen in den Fußrasten – beide, nach Zuruf. Festhalten an Mama. Mama greift nach linkem Kinderarm – im Glücksfall landet das Kind auf mir. Wir haben es nie in der Praxis probiert – ich bremse lieber!

Seitliches ausrutschen: Arme und Beine bleiben am Körper bzw. Motorrad. Da ich mit Packtaschen und Tanktaschen gefahren bin, wären wir auf den Taschen gerutscht, aber nicht auf unseren Gliedmaßen. Schultern und Kopf ragen zwar über dem Motorrad und Gepäck raus, aber die haben (hoffentlich) gute Protektoren und einen guten Helm.

Schlechtes Beispiel

Als Lotti und ich anfingen Motorrad zu fahren, hat ein Motorradfahrer aus einer Nachbargemeinde sein Kind auf der Autobahnauffahrt verloren! Wie das? Nun, er hatte ein sehr hochmotorisiertes Motorrad, mit einem erhöhten Soziussitz. Die Füße des Kindes reichten nicht bis zu den Fußrasten. Der Papa war recht korpulent, die Goretexjacke lag eng am Körper an. Der Siebenjährige hatte Gummistiefel, eine Sommerjacke, Mamas Helm und Winterhandschuhe an! Aber keine Möglichkeit, sich festzuhalten. Er konnte sich nur mit den Schenkeln am Sitz festklemmen.

In der Autobahnauffahrt gab der Papa – so wie immer – richtig Gas, und der Junior rutschte hinten vom Motorrad. Und der Papa hat das noch nicht mal gemerkt! Ein nachfolgender PKW bremste und brachte den Junior zur nächsten Polizeistelle!

Wie sollte die Ausrüstung beschaffen sein?

Schutzkleidung

Ich selbst fahre immer in kompletter Schutzkleidung Motorrad – denn ich habe nur die eine Haut, die ich „zu Markte“ trage und nur einen Kopf auf meinem Hals. Selbst die Motorradstiefel fehlen nicht auf kleinsten Ausflügen. Das, was für mich wichtig ist, ist erst recht für (m)ein Kind wichtig.

Noch in den 1990er Jahren musste man, wollte man für den Sprössling protektierte Schutzkleidung erwerben, auf die Anbieter von Motocross-Bekleidung zurückgreifen. Heutzutage gibt es in einem guten Motorradzubehörladen Kinderbekleidung mit Protektoren ab Größe 110 in allen Stilrichtungen des Motorradfahrens. Da Kinder schnell aus der Ausrüstung herauswachsen hat sich jedoch mittlerweile ein guter Secondhand-Markt im Internet, in den einschlägigen Zeitschriften und bei Motorradclubs etabliert.

Beim Helm würde ich immer auf einen Neuen Helm für das Kind zurückgreifen, einen der Kopf und Gesicht vollständig schützt.

Gegensprechanlage

Ich empfehle eine Gegensprechanlage. So bist Du immer über das Empfinden des Kindes informiert. Du weißt ob es friert, Pipi muss, ein Eis essen will oder sonst was auf dem Herzen hat. Dem Kind wird nicht langweilig, denn ihr könnt in normaler Lautstärke miteinander reden. Deine Aufmerksamkeit bleibt auf der Straßen und bei den anderen Verkehrsteilnehmern.

Gepäck (Achtung, hier folgt Werbung!)

Ich selbst habe nur Packtaschen von Ortlieb. Die passen auf jedes Motorrad. Bei einem seitlichen Sturz, wenn ein Bein zwischen Straße und Gepäck gerät, gibt eine weiche Packtasche anders nach als ein harter Koffer oder eine Alubox.

Auf der weichen Packtasche von Ortlieb lässt sich prima ein Packsack befestigen
Auf der weichen Packtasche von Ortlieb lässt sich prima ein Packsack befestigen

Die Packtaschen werden über die Sitzbank gelegt, durch Klettband lassen sie sich der Breite des Sitzes anpassen. Mit Spanngurten werden sie rechts und links vom Sozius, z.B. an der Fußraste, angebracht. Auf den Packtaschen befestige ich Gepäckrollen, gefüllt z.B. mit den Schlafsäcken.

Ein Motorrad ist von der Seite zu sehen. Auf dem Gepäckträger ist eine rote große Gepäckrolle. Vom Sitz lehnt ein gelber Rucksack dagegen. An den Beifahrersitzen sind schwarze Packtaschen, darauf blaue Gepäckrollen befestigt. Am Tank ist obenauf eine Tanktasche und an der Seite eine rote Packtasche befestigt
So sieht das gepackte Motorrad von der Seite aus

Ist zwischen dem Kind und Topcase oder Gepäckrolle noch Platz, befestige hinter dem Kind mit einem Netz einen Rucksack, den ihr z.B. bei Wanderungen benötigt. Lotti saß immer bequem wie in einem Lehnstuhl mit hohen Armlehnen. Sie hätte nicht seitlich oder hinten vom Motorrad rutschen können.

Ein Motorrad bei der Abfahrt von hinten. Über das Gepäck ragt von einem Kind nur der Helm hinaus
Durch das Gepäck ist das Kind rundum geschützt, bis hinauf zum Nacken

Als Gegengewicht für die Gepäckrolle hatte ich meine Ortlieb-Fahrradtaschen zu Tanktaschen umfunktioniert. Auf meine Befestigungsplatte des Tankrucksacks habe ich ein stabiles Drahtgestell aufgelegt, sozusagen als Fahrradgepäckträgersimulation. Dieses Drahtgestell wurde vom aufgesteckten Tankrucksack gehalten. An das Gestell habe ich die Fahrradtaschen eeingehängt, der Ortliebverschluss hält die Packtaschen am Drahtbügel fest. Zur Redundanz habe ich aber noch einen Gurt unter dem Tankrucksack gespannt, der die beiden Taschen am Verschluss festgehalten hat. Je ein weiterer Gurt spannte nach unten an den Motorradrahmen jede Packtasche ab. Auch bei einem Sturz wären sie nicht davongeflogen, sondern hätten unsere Beine vor der Straße geschützt.

Gurte halten die Fahrradtaschen an Ort und Stelle

Wie bereitet man eine Tour mit einem Kind vor?

Will das Kind überhaupt Motorrad fahren?

Nur wenn das Kind wirklich mitfahren möchte, sollte man überhaupt darüber nachdenken, mit Kind Motorrad zu fahren. Fange mit geliehener Ausrüstung und einem kleinen Ausflug zum übernächsten Spielplatz, Wald, Sportplatz oder Eisdiele an.

Mit dem Kind über die Gefahren beim Motorradfahren reden

Das Kind muss wissen, dass es von einem Motorrad herunterrutschen kann. Das es gefährlicher als beim Auto sein kann, wenn die Eltern abgelenkt werden. Eltern und Kind müssen sich für das Fahren Verhaltensregeln auferlegen. Es darf während der Fahrt kein Streit darüber entstehen. Die miteinander aufgestellten Verhaltensregeln sind bindend!

Pausen

Spätestens nach einer Stunde sollte eine kurze Pause und nach zwei Stunden eine mindestens halbstündige Pause eingeplant werden. Während der Pause sollten sich alle bewegen. Ein Frisbee oder Fußball, ein toller Spielplatz mit Klettermöglichkeiten oder sonstige Bewegung tut allen Reisenden gut!

Motorräder stehen geparkt auf einem Weg. Die Motorradfahrer und Kinder ziehen ihre Jacken aus
MiKiMoTo – Ein schöner Pausenplatz ist gefunden, alle steigen ab

Keine Langeweile für das Kind auf dem Sozius

Über die Gegensprechanlage haben meine Tochter und ich viel gesungen, Matheaufgaben gelöst, Geschichten erzählt, Rätsel geraten und vieles mehr. Während der Fahrt haben beide Zeit für Gespräche miteinander. Bitte darauf achten, dass es keine Streitthemen sind, schließlich wollt ihr positive Zeit miteinander verbringen.

Lotti war immer für die Navigation zuständig. Wir fuhren noch „10 Jahre vor Navi oder Google Maps“. Landkarte und Roadbook lesen war noch dran. Morgens haben Lotti und ich die Tour mit der Landkarte besprochen. Ich habe das Roadbook leserlich geschrieben, weil Lotti es lesen sollte. Die Landkarte hatte ich auf dem Tankrucksack. Das Roadbook hing in einem Wanderkarten-Klarsichtteil auf meinem Rücken. Also vor Lottis Nase. Sie musste Straßenschilder lesen, mit dem Roadbook vergleichen und mir die Richtung angeben. „Mama, an der Kreuzung da vorne nach links, nach Växjö,“ zum Beispiel. Da die angegebene Entfernung kleiner wurde, hat sie gleich noch ausgerechnet, wie weit wir bereits gefahren sind und wie weit wir noch fahren wollen.

Da die Landkarte und das Roadbook immer mal am „Ende der Seite waren“, mussten wir zum Umblättern Pausen machen. Auch diese Plätze hat Lotti angewiesen. Und natürlich die Stellen zur Mittagspause.

Kinder und Erwachsene sitzen auf Holzbänken und essen ihre Vesper
Die Vesper schmeckt – danach Frisbeespiel auf der großen Wiese

Ich hatte natürlich die Tour im Kopf, bin aber Lottis Anweisungen gefolgt, auch wenn sie sich vertan hat. Sie hat es ja kurze Zeit später gemerkt und mich zum Umkehren aufgefordert.

Lotti war am Spätnachmittag auch zuständig, einen Campingplatz zu finden. Da wir meist nicht wussten, wie weit wir an jedem Tag fahren würden, hatten wir diese nicht vorausgeplant. So blieb ihre Aufmerksamkeit bei allen Fahrten hoch und – das ist das Wesentlichste – sie war mit diesen Aufgabenstellungen für das Gelingen der Reise wichtig.

Wie weit kann man mit einem Kind täglich fahren?

Das kommt auf das Kind und die Beschaffenheit der Tour an. Um bei An- und Abreise Strecke zu machen habe ich maximal 400 km pro Tag auf der Autobahn verbracht. Mit zwei kleinen und einer großen Pause. Das haben wir nach Möglichkeit morgens abgespult und uns am Nachmittag was (für Kinder) Tolles angeschaut, waren schwimmen oder haben Freunde besucht.

Diese Autobahnfahrten habe ich vor der Tour oft mit dem Kind besprochen, ihr die Notwendigkeit des langen Stillsitzens, erklärt. Ich habe ihren Einwänden und Fragen zugehört und bin darauf eingegangen. Wir haben uns auch für die Fahrt etwas vorgenommen. Beispielsweise eine Geschichte aus dem aktuellen Lieblingsbuch zu erzählen oder weiterzuspinnen.

Unsere kürzeste Tour auf der Schwedenreise waren 37 km. Nicht geplant, aber voll in Ordnung.

Welche Touren sind zu empfehlen?

Touren mit Kindern sind anders vorzubereiten. Kinder haben andere Bedürfnisse. Ein zufriedenes Kind, das auf seine Kosten kommt, ist der Garant für eine erholsame, spannende, abenteuerreiche Familientour.

Für Kinder ist die schönste kurvenreiche Straße oder der höchste Pass mit der Zeit uninteressant, wenn zwischendurch nicht auch ihre Interessen zur Geltung kommen. Hier ein toller Spielplatz, da eine große Wiese zum Frisbeespielen, dort ein Tierpark oder Schwimmbad. Der kindliche Bewegungsdrang sollte befriedigt werden. Beachte bitte die Hinweisschilder auf der Strecke, sei selbst neugierig, werde wieder Kind!

Im Hintergrund der Rheinfall von Schaffhausen. Im Vordergrund sitzen Motorradfahrer und Kinder auf den Bänken der Uferpromenade und Vespern
Ein lohnendes Ziel ist der tosende Rheinfall in Schaffhausen. Dort machten wir unsere Vesperpause, bevor es mit dem Schiff in das Wasserinferno ging

Große Touren eventuell unter ein Motto stellen und lange vor der Tour mit dem Kind vorbereiten. Wir haben ab Januar über Wikinger gelesen und alle Bücher von Astrid Lindgren. Im Juli haben wir eine Woche in Dänemark alle möglichen Wikingerstätten besucht und in Schweden alles, was mit Astrid Lindgren zu tun hat.

Mit der richtigen Vorbereitung und aufmerksamen Unterwegssein können so für Fahrer und Kind unvergessliche Touren unternommen werden.

Motorräder stehen in einer Reihe, die Fahrer und Kinder stehen dabei. Gruppenfoto der Veranstaltung MiKiMoTo
Die MiKiMoTo Gruppe im Hof der Jugendherberge in Bonndorf

Tipps zum Download

Eine Checkliste mit allen Tipps von dieser Seite habe ich als exklusiven Service für Dich zusammengestellt. Du kannst sie hier kostenlos downloaden. Viel Spaß damit!

Ich wünsche Dir und deinem Kindern wunderbare, erlebnisreiche und abenteuerliche Motorradtouren. Viel Spaß!

Deine

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Astrid Lindgren und die Wikinger

Astrid Lindgren und die Wikinger

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Eine große Motorradtour sollte es sein mit vielen kindgerechten Attraktionen. Bei meiner Tochter waren Astrid-Lindgren-Bücher top angesagt. Die Wikinger hatte sie in einer anderen Buchreihe entdeckt. Und die Protagonisten der Bücher lebten in Dänemark und Schweden – somit war das Ziel klar.

Das Auto vor ihr sortiert sich auf der Linksabbiegerspur ein, sie selbst bleibt auf der Rechtsabbiegerspur. Ein kurzer Seitenblick, von links ist frei, also gibt sie Gas. Rumms, der Linksabbieger hat es sich jetzt doch anders überlegt und Lotti beim rechts abbiegen gerammt. Zum Glück fahren die Autos nicht schnell und haben dicke Gummistoßstangen rundum, es passiert also nichts.

„Jetzt musst du nur noch ein Kindermotorrad kaufen, dann kann ich selbst fahren, Mama“, ruft sie glücklich, als sie mit ihrem Legoland-Führerschein angerannt kommt. Kann ich aber nicht und so muss sie während unserer großen Dänemark-Schweden-Motorradtour bei mir als Sozia mitfahren.

Ein Kind sitzt in einem roten Elektroauto und fährt einen Parcours
Die Fahrprüfung macht große Freude im Legoland

Dänemark liegt eigentlich nicht auf dem direkten Weg nach Schweden, denn durch die verschiedenen Fährverbindungen ist die Anfahrtszeit recht kurz geworden. Aber ich hatte seit zwei Jahren den Besuch von Legoland in Billund versprochen und wir planten daher die Anreise durch Dänemark. Wir hatten bei der Anreise zwei etwa vierstündige Autobahnetappen. Wir hatten über diese „langweiligen“ Etappen gesprochen, Lotti war die Notwendigkeit des langen Stillsitzens klar. Wir haben uns unterwegs Geschichten von Astrid Lindgren erzählt, gesungen und gerechnet. Die Nachmittage verbrachten wir bei Freundinnen mit Kindern, die praktischerweise bei Hannover und bei Flensburg wohnen. Spielen, bewegen, lachen, toben – der richtige Ausgleich für die Achtjährige.

Ein Motorrad steht an einer Tankstelle. Im Vordergrund sitzt ein Mädchen an einem Tisch und packt ein Eis aus. Halme liegen auf dem Tisch davor.
In den Tankpausen unterwegs gab es natürlich ein Eis!

Legoland Billund

Ich mag eigentlich keine Freizeitparks, aber das Legoland in Billund ist faszinierend. Überall, teils unverhofft, stehen Gebäude, Tiere oder Menschen aus Legosteinen. Stadt- oder Landschaftsteile, Flughafen, Bahnhof, Schleusenanlagen und Häfen sind aufgebaut und in Bewegung. Schiffe fahren und schleusen, LKW transportieren Waren, auf einer Ölplattform wird gearbeitet und Züge halten an Bahnhöfen.

Steinböcke und Geier aus Legosteinen gebaut in einer Alpenlandschaft
Die Tiere sind aus Legosteinen

Selbst die Fahrattraktionen sind in die Legowelt integriert. Kann man sich vorstellen, dass bei einigen der Gebilde bis zu 4,5 Mio. Legosteinen verbaut sind? Wir trennen uns abends nur schwer von der Legowelt, aber wir sind bei Freunden auf Langeland angemeldet und müssen noch zwei Stunden fahren.

Wikinger live – nicht nur im Bilderbuch

Unsere nächste Tagesetappe führt uns nur über die Ostküste von Fünen bis zum wunderschön gelegenen Campingplatz von Nyborg. Trotzdem das Meer mit herrlichem Sandstrand lockt, fahren wir nach dem Zeltaufbau ohne Gepäck zur Schiffsetzung nach Ladby, unserer dritten Wikingerstätte. In der Nähe von Schleswig haben wir schon das Museum Haithabu besucht. Die ausgestellten Fundstücke, die die Lebensgewohnheiten der Wikinger veranschaulichen, stammen aus der teilweise ausgegrabenen Handelsstadt aus der Zeit um 900 bis 1100 n. Chr. An der dänischen Nordseeküste, nahe dem schönen Städtchen Ribe ist ein Freilichtmuseum, in dem „Berufswikinger“ den Besuchern das Leben der damaligen Zeit vorführen. Derzeit wird dort mit alten Handwerksmethoden der Stadtkern aus dem Jahre 825 n. Chr. neu errichtet. Lotti half mit, indem sie Holznägel für die Häuser herstellte, die, ganz ohne Eisen, nur aus Holz, Leder, Gras und Schilf gebaut werden. Bei einem Wikingerjungen, der Fladenbrot backte, stärkten wir uns.

Ein Kind schlägt einen kleinen Holzscheid mit einem großen Holzhammer durch ein Metallring und stellt so einen Holznagel her
Die Holznägel werden für den Hausbau benötigt
Ein Junge backt kleine Brotfladen am offenen Feuer, wir dürfen probieren
Ein Junge backt kleine Brotfladen am offenen Feuer, wir dürfen probieren

Hier in Ladby, in der Nähe von Kerteminde, wurde ein altes Schiffsgrab entdeckt und so konserviert, dass man es heute besichtigen kann. Wir haben Glück und erleben eine Ferienfreizeit, die sich mit dem Thema Wikinger beschäftigt. Die verkleideten Kinder und Betreuer, versuchen das Leben von damals nachzuspielen. Die Mädchen spinnen, weben oder sammeln Kräuter, die Jungen schärfen Schwerte oder schauen dem Schmied zu. Auf einem Wiesengelände folgt Kampfausbildung, mit der anschließenden Versorgung von „Verletzten“ und das ist spannend anzuschauen.

Eine Frau in Kleidung der Wikinger gestikuliert mit einem Mann. Kinder in Wikingerkleidung stehen herum, auf dem Boden liegt eine Trage
Die Kinder und Betreuer spielen das Leben der Wikinger nach

Begrenztes Gepäck und trotzdem alles mit

Eine gelbe Strndmuschel steht an einem Sandstrand
Die Strandmuschel schützt vor dem Wind und spendet Schatten

Den Rest des Tages verbringt Lotti in Sichtweite des Zeltes am Strand. Ich habe große Wäsche, denn der Campingplatz ist mit Waschmaschine ausgestattet und unsere Wäschevorräte fast verbraucht.

Unser gepacktes Motorrad mit Sitzplatz für Zwei

Gepäck auf dem Motorrad

Auf dem Motorrad haben wir ja nur begrenzte Mitnahmemöglichkeiten für alle auf der Reise benötigten Dinge: In dem großen Gepäcksack sind das Zelt und die Therm-a-Rest-Matten, die Strandmatten und die Strandmuschel (zugegeben ein Luxusartikel bei unserem Packvolumen), ein Armeeponcho für vielfältige Aufgaben (Tarp, Sitzunterlage, Regenschutz, Motorradgarage etc.), ein Brändi-Grill (ein, an einem in die Erde gerammten Stab befestigter, höhenverstellbarer Rost), ein „Anti-Plattfuß-Spray“ für eine schnelle Reifenreparatur, Lottis Wanderschuhe und Spielrucksack, mit Mandala-Malkarten, Walkman und Kassetten, Lesebuch und Sandspielzeug. Die Schlafsäcke, -anzüge und kleinen Kopfkissen sind in den blauen Packsäcken, die Lotti umgeben. Die Küchentaschen beinhalten den Benzinkocher, Topfset, Pfanne, Teller, Bestecke, Gewürze, Öl, Bouillon, 110 g Beutel mit Basmatireis, Haferflocken, „Allradbecher“ (spezielle Gefäße, in denen man auch kochen kann), Wassersack, Milchpulver, Müsli, usw. Die Schwierigkeit ist, beim Einkaufen unterwegs die Vorräte mit entsprechend kleinen Mengen wieder aufzufüllen. In den schwarzen Ortlieb-Packtaschen sind die Kleidung, T-Shirts, Vliesjacken und Hosen, Unterwäsche und Socken, je eine lange Hose und ein Sweat-Shirt, die erste Hilfe-, Arznei und Kulturbeutel, Handtücher, Seile und Klammern, Filmmaterial und die Motorradersatzteile sowie Öl und Kettenspray untergebracht. Im Tankrucksack sind die Regen- und Fotoausrüstung, Ersatzhandschuhe und die Trinkflaschen. Hinter Lotti steht ein Rucksack, in dem tagsüber eventuell benötigte Dinge (wie Schwimmsachen), die Teva-Sandalen und Wertsachen sind, den wir bei einer Besichtigung oder einem Einkauf einfach mitnehmen. Meine Tipps habe ich für Dich auf einer eigenen Seite zusammengestellt und als Download. Lese auch meinen Artikel zum Thema Mit Kindern Motorrad Touren machen.

Als die Wäsche auf der Leine flattert, gehe ich zu Lotti an den Strand. Ich stürze mich in die kühlen Fluten der Ostsee, der Wellengang ist mäßig, die Erfrischung maximal. Lotti ist zu wasserscheu. Nur ihre Füße, bis Mitte Waden und der Po in der Hocke dürfen das kühle Meer spüren. Wir bauen noch eine tolle Sandburg. Während der Dekorationsarbeiten von Lotti, genieße ich die Aussicht auf die Storebæltbrücke, über die wir morgen nach Seeland fahren. In der Mitte werden wir 60 m über dem Meer sein!

Storebæltbrücke im Abendlicht – das wird eine spannende Überfahrt
Storebæltbrücke im Abendlicht – das wird eine spannende Überfahrt

Diese Fahrt genießen wir am nächsten Tag mit Tempo 60 da nur wenig Verkehr ist. Wider Erwarten ist es fast windstill und wir bedauern, dass kein Ozeanriese unter der Brücke durchfährt. Heute ist noch mal „Wikingertag“ und wir besuchen die Trelleborg bei Slagelse. Von diesen Burgen wurden, wahrscheinlich unter König Harald Blauzahn, einige errichtet. Der hohe, kreisrunde Außenwall war innen symmetrisch in 4 x 4  Häuser eingeteilt, darin konnten etwa 500 Menschen geschützt leben. Das Museum hierzu ist etwa 300 m davon entfernt. Auf dem Gelände dazwischen findet jedes Jahr ein großer Wikingermarkt statt, der gerade von „Hobbywikingern“ aufgebaut wird. Alle möglichen Händler errichten ihre wunderschönen Leinenzelte die teils mit Ornamenten bemalt sind. Hier kann man Pfeil und Bogen erwerben, dort ein neues Gewand, oder die unerlässlichen Tunika-Schließen aus Silber und anderen Schmuck. Plötzlich schreckt uns Kampfeslärm, zwei gestandene Wikinger messen ihre Kräfte mit Schwertern und Schilden. Auch ein Baby, dass im Schatten eines Zeltes auf einem kuscheligen Schaffell schlief, fängt nun an zu schreien und die Männer werden von der Mutter ohne Waffe vertrieben.

Zwei Männer, die Wikinger darstellen, stehen sich mit gezückten Schwertern gegenüber
Die Freizeitwikinger üben mit echten Schwertern

Nachmittags fahren wir nach Roskilde und besuchen dort das Schiffsmuseum, um auch die seefahrerische Seite des Wikingerlebens zu studieren. Es ist schon erstaunlich, mit welchen Booten sie bis nach Neufundland und ins Schwarze Meer kamen. In einem halben Handelsschiff darf Lotti probesitzen ehe es zur Fähre nach Helsingør geht.

Zwei Wikingerboote im Hafen von Roskilde
Zwei Wikingerboote im Hafen von Roskilde

Überfahrt nach Schweden

Wir werden gleich auf die Fähre gewunken. Ich fahre mit unsicherem Gefühl auf das Schiff. Es ist für mich das erste Mal mit Motorrad, ich bin mir unsicher, ob wir es irgendwie festzurren müssen. Es kümmert sich keiner um uns und schon geht die Bugklappe zu. Da der Seitenständer der Honda CB 450 S nur unter Belastung die Maschine hält, kann schon ein leichtes Wackeln der Fähre das Motorrad umkippen lassen, ich will also zumindest auf dem Hauptständer parken. Mitsamt dem Gepäck bekomme ich das aber nicht mehr hin, ein freundlicher Herr hilft jedoch. Ehe wir uns recht besinnen, sind wir schon in Schweden, denn die Überfahrt dauert nur 15 Minuten!

Was für ein Knöpfchen muss ich drücken, um Benzin aus dem Zapfhahn herauszulocken? Entnervt gehe ich zur Kasse und frage auf englisch nach. Ach so, Kassa bedeutet Barzahlung oder, falls möglich, mit Scheckkarte, die anderen Zapfhähne sind für Tankkarteninhaber oder für Geldscheine. Andere Länder, andere Sitten, aber jetzt wissen wir es. Vor dieser Reise haben wir uns ein Sprechfunkgerät für unsere Motorradhelme zugelegt und können uns so während des Fahrens die Arbeit teilen. Ich halte Lotti auf dem Laufenden, wohin die Reise gehen soll, sie sucht dann bei den Abzweigungen die Schilder und weist mir die Richtung, sie hält nach den Campingplätzen Ausschau und ab sofort an den Tankstellen nach den richtigen Zapfsäulen. Wenn wir an Ampeln halten müssen, kann ich entspannen, denn Lotti sagt mir, wenn es grün wird. Auch wenn ich selbst schaue, fahre ich erst nach Lottis Information los, sonst fühlt sie sich nicht ernst genommen. Diese Aufgaben sind deshalb wichtig, da sie dann nicht „nur“ hinten draufsitzt, sondern ebenfalls Verantwortung hat. Sie dirigiert mich nach etwa 30 km auf unseren ersten schwedischen Campingplatz. Heute machen wir uns nur ein dünnes Süppchen und essen Brot dazu. Bei schönem Sonnenuntergang schreiben wir Postkarten und spielen “Mensch-Ärgere-Dich-Nicht”. Erst mit der Dämmerung um 22.30 Uhr krabbeln wir müde in unsere Schlafsäcke.

Postkarten-Schwedenidylle

Kurz vor Kristianstad finden wir den richtigen Abzweig nach Österlöv, dort aber leider nicht das kleine Motorradmuseum. Wir haben uns für heute den Campingplatz Galaxen nordöstlich von Vilshult ausgesucht. Kleine Sträßchen führen uns durch eine „Mama-Muh oder Petterson-Landschaft“. Wälder, von Seen durchbrochen, zwischendrin kleine, rote Bauernhöfe mit Kuhweiden, die mit Felsbrocken übersät sind. Der Zeltplatz liegt an einem wunderschönen See, in dem sich die Hitze herrlich ertragen lässt. Lotti lernt einen älteren Herrn kennen, der sie mit zum Angeln nimmt, zum Abendessen gibt es aber doch Reistopf mit Hackfleisch, da die Fische lieber weiter leben wollen.

Ein Mann rudert im Abendlicht ein Boot auf einem See. Ein kleines Mädchen sitzt im Bug.
Lottis erster Angelausflug auf dem See Galaxen

Blekinge

Wir folgen am nächsten Tag einer Straßenbeschreibung aus der Blekinge-Broschüre: „Von Halahult folgen Sie dem Kulturvägen, einer romantischen Naturstraße, nach Süden. Auf dieser Fahrt können Sie nachvollziehen, was Selma Lagerlöff mit ihrem Begriff „die drei Stufen“, mit denen sie die Provinz Blekinge beschreibt, in ihrem Buch „Nils Holgersson“ meint.“ Diese Naturstraße ginge bei uns höchstens unter „guter Wanderweg“ in die Landkarten ein. Das Schottersträsschen, in der Mitte der Fahrspur grasbewachsen, schlängelt sich ganz unbedarft durch schönsten Mischwald. Als ich anhalte, um zu fotografieren, ist Lotti nach meinem Ausruf „Hier gibt’s jede Menge Heidelbeeren!“ so schnell vom Motorrad, wie sonst auf der ganzen Reise nicht.

Ein Kind sitzt links von einem Motorrad auf dem Waldboden. Um es herum stehen viele Heidelbeersträucher, von denen das Kind genascht hat.
Die Heidelbeeren sind fast kirschgroß und die Lippen trotz Sommerhitze blau

Mit blauen Lippen, trotz Sommerhitze, steigen wir auf zur idyllischen Weiterfahrt. Den Abend verbringen wir am Strand von Ekenäs bei Ronneby, das Wasser der Ostsee wäscht die Heidelbeertatoos davon.

Auf einem Felsen sind zwischen 1500-500 v. Chr. alltägliche Begebenheiten eingraviert worden, die mit roter Farbe nachgezeichnet sind
Wir machen einen Abstecher nach Torhamnslandet, wo Felszeichnungen aus der Zeit um 1500-500 v. Chr. zu bewundern sind.

Småland

Nach der Grenze zu Småland lassen wir uns Zeit zum Schauen und steuern über eine Landstraße mit wenig Verkehr. „Da  steht eine braune Kuh im Wald, Mama“, Lotti deutet nach rechts. Erst nachdem wir ein „Elchwarnschild“ passiert haben realisieren wir, dass sie vielleicht einen Elch gesehen hat. Das irgendwo Leute leben müssen, merkt man nur an den Ortsschildern, aber vor und hinter den Ortschildern sieht der Wald gleich aus.

Briefkästen sind vor einem Busch angebracht
Manchmal sieht man Briefkästen am Straßenrand stehen, vermutlich gibt es dann auch Bewohner…

Begeisterung erweckt bei Lotti der Ortsname Yxnanäs, da sie die Buchstaben Y und X bisher zwar gelernt, aber noch nicht oft gebraucht hat. Der See in Linneryd bietet für den Rest des Tag alles, was wir brauchen. Sonne, Sand, Wasser, Campingplatz und die leider schlechteste Minigolf-Bahn der Welt. Bretter mit Dachpappe benagelt bilden den Parcours, der sicherlich schon etliche Jahre auf den „Buckeln“ hat.

Växjö – Abenteuer Physik im Experimentierhaus

Vorsichtig zieht Lotti die Drähte auseinander und erzeugt eine Riesenseifenblase, die etwa 5 m hoch ist! Später hebt sie sich mit Hebelkraft selbst in die Höhe! Der Besuch des Xperiment Huset in Växjö lohnt sich, da Physik ganz nebenbei „begriffen“ wird, eine deutsche Anleitung der Versuche wird ganz selbstverständlich ausgehändigt.

Auf einer Empore steht ein Kind und zieht Drähte auseinander, die nach unten verlaufen. Zwischen diesen Drähten ist Seifenlauge. Wenn das Kind hin die Lauge Pustet, entsteht eine Riesenseifenblase
Zwischen zwei Drähten bildet sich eine Seifenblase, in die Lotti reinpustet
Ein Kind zeiht mit einem großen Ring Seifenlauge hoch über sich
Lotti zieht die Seifenwand weit nach oben

Astrid-Lindgrens-World

Die 150 km nach Vimmerby sind nach so viel Gelehrsamen die reinste Entspannung. Die Strecke führt uns durch eine Landschaft, die Astrid Lindgren in ihren Büchern so treffend beschreibt. Seit Februar haben wir nur noch ihre Bücher gelesen: Bullerbü, Pippi, Karlsson vom Dach, Lotta aus der Krachmacherstraße, Madita und Michel. In Vimmerby in „Astrid-Lindgrens-Värld“ wollen wir in die Geschichten eintauchen. Im Freiluftpark werden einige der Geschichten über die Sommermonate von Schauspielern in Szene gestellt.

Gleich am Anfang sind wir in der Krachmacherstraße und entdecken Lottas und Tante Bergs Haus. Mit viel Getöse kommt uns ein Mann in blauer Latzhose entgegen, Karlsson, der mal eben einen „Rundflug“ macht, um zu gucken, wieviel Leute heute kommen. Wir folgen ihm in die Stockholmer Straßenzeile bis in sein Häuschen auf dem Dach, das durch eine Rutschbahn verlassen werden muß und landen in der Nähe von Pippis „Nicht-den-Boden-berühren-Parcours“. Dort steht ein Schild das Erwachsenen ausdrücklich erlaubt, den Parcours zu benutzen. Trotzdem bin ich die einzige Mama, die hinter ihrem Kind herturnt.

Während unserer Reise lesen wir das Ronja-Räubertochter-Buch und interessieren uns am meisten für die „Mattisborgen“ im Mattiswald. Ja, da ist sie, sogar mit Höllenschlund.

Mattis schaut nach den Borkaräubern aus, Räuberhauptmann Borka und sein Sohn Birk schleichen sich von der Seite an
Mattis schaut nach den Borkaräubern aus, Räuberhauptmann Borka und sein Sohn Birk schleichen sich von der Seite an

Trotzdem die Schauspieler nur schwedisch reden, können wir der Handlung folgen. Lovis und Ronja, Birk, Mattis, Glatzen-Peer und Knutas kann Lotti später „anfassen“ und mit Ronja sogar ein wenig deutsch reden.

Die Figur Glatzen Peer geht über den Platz
Glatzen-Peer ist unverkennbar
Matthis, der Räuberhauptmann redet mit Lotti
Mattis unterhält sich mit Lotti – so eine Ehre, dass macht sie ganz schüchtern
Ronja Räubertochter und Lotti sitzen auf einer Bank
Mit Ronja kann Lotti auf Deutsch reden und ist ungemein stolz

In der Pause des Stückes auf der Mattisborgen gehen wir nach „Bullerbü“. Auf dem Weg dorthin treten unverhofft Kling und Klang, die Polizisten aus der Pippi-Geschichte, aus dem Wald und erschrecken uns.

Die Polizisten Kling und Klang erschrecken ein Kind auf einem Weg
Die Polizisten Kling und Klang erschrecken uns

Bei der Fortsetzung der Ronja-Geschichte, sind dicke schwarze Wolken und Donnergrollen über uns und wir versuchen rennend, die Astrid-Lindgren-Ausstellung, eines der wenigen festen Häuser des Geländes, zu erreichen, aber auf halbem Weg erwischt uns der Wolkenbruch. Platschnaß, von vielen weinenden Kindern umringt erleben wir im Haus ein schweres Gewitter. Aber wir nutzen die Zeit, um durch die Ausstellung zu gehen und Leben und Werk der Schriftstellerin kennenzulernen. Die Sonne lacht plötzlich wieder, und wir entschließen uns, noch das „Heckenrosental“ zu besichtigen. Dort auf der Bühne sind alle Schauspieler versammelt und singen die Lieder, die in den Filmen vorkommen. Teils sind die Melodien unseren deutschen „Übersetzungen“ ähnlich, teils können wir nur an den Figuren erkennen, welche Geschichten besungen werden.

Eine Zeichnung von Pipi auf dem Kleinen Onkel. Durch ein Loch am Kopf können Menschen Pipi das eigene Gesicht leihen
Lotti leiht Pippi ihr Gesicht

Die Filmschauplätze sind keine Kulissen

Am Vormittag besuchen wir das „richtige Bullerbü“, das Örtchen Sevedstorp. Außer dem Bullerbyn-Express, einer Pferdekutsche mit der es sich Lotti nicht nehmen lässt zu fahren, gibt es noch eine geheimnisvolle Scheune, in der Kinder mit Eltern verschwinden, aber nur Eltern wieder herauskommen. Lotti und ich wollen das Rätsel lösen. Von einer etwa 3 m hohen Empore können die Kinder ins duftende, weiche Heu springen und erst wenn sie genug haben, an der Rückseite der Scheune wieder herauskommen.

Die drei Häuser in Bullerbü sehen aus wie die im Film – sie sind ja auch die Häuser aus dem Film
Die drei Häuser in Bullerbü sehen aus wie die im Film – sie sind ja auch die Häuser aus dem Film
Vom Heuboden springen macht Riesenspaß

Auf unserer Weiterfahrt liegt noch Gibberyd, wo der Katthulthof steht, in dem die Michel-Filme gedreht wurden. Lotti möchte am liebsten im Tischlerschuppen bleiben, denn sie schnitzt so gerne.

Obwohl sie nichts ausgefressen hat, lässt Lotti es sich nicht nehmen, im Holzschuppen von Michel Platz zu nehmen
Obwohl sie nichts ausgefressen hat, lässt Lotti es sich nicht nehmen, im Holzschuppen von Michel Platz zu nehmen

Wir haben aber für heute Gränna als Etappenziel und so folgen wir mal diesem, mal jenem Sträßchen, irgendwie Richtung Westnordwest. Die schmalen Straßen sind teilweise aus Schotter, auf denen ich mich mit dem Fahren immer noch schwer tue. Ich habe immer das Gefühl, im nächsten Moment rutscht die Maschine weg. Theoretisch kann das mit gleichmäßiger Geschwindigkeit nicht passieren, aber Motorradtheorie und meine Psyche passen irgendwie nicht zusammen!

Die Stadt Gränna ist durch die Witwe Amalia Eriksson bekannt geworden, die im vorigen Jahrhundert anfing Polkagris, herrlich schmeckende Zuckerstangen, herzustellen.

Viele Arbeitsschritte sind notwendig, bis Zuckerstangen spiralförmig rot-weiß sind

Auch der Ballonfahrer Salomon August Andrée, der 1897 versuchte den Nordpol mit dem Ballon zu erreichen, stammt aus dieser Stadt am Vätternsee. Am Abend kochen wir in der 4-Sterne Küche des Campingplatzes Kartoffeln mit Rührei und Spinat und genießen danach einen tollen Sonnenuntergang.

Fahrradtour auf Visingsö

Herrgott, da ist ja keine Bremse am Lenker, bis ich mich auf die Rücktrittsbremse besinne, ist es schon zu spät, ich pralle gegen Lottis Leihfahrrad und wir behalten blaue Flecken als Souvenir. Hier auf der Insel Visingsö, die wir als Fußgänger mit der Fähre von Gränna aus erreicht haben, spielt Lotti den ganzen Tag, ihr Fahrrad wäre ein Motorrad. So kommen wir durch Eichenwälder, die 1830 gepflanzt wurden um die Marine mit Bauholz zu versorgen, flott voran. Die Kumlaby-Kirche ist innen mit schönen Wandmalereien versehen und wir genießen den Ausblick, nachdem wir die Stufen des engen Kirchturmes erklommen haben. Vom Braheschloss ist nach einem Brand 1718 bis auf den Südflügel nichts mehr übriggeblieben, aber dessen Ruine lässt die Großartigkeit der Anlage erahnen.

Der Kirchturm der Kumlaby-Kirche kann bestiegen werden
Der Kirchturm der Kumlaby-Kirche kann bestiegen werden
Ein Kind fährt auf einem Fahrrad einen Kiesweg durch eine Alle entlang
Lotti genießt die eigene Fortbewegung

Wir erreichen den Göta-Kanal bei Motala, der uns mit einer Hebebrücke, die uns zum Anhalten zwingt, begrüßt. Die Straße klappt hoch und wir können die obersten Wimpel des durchfahrenden Ausflugsschiffes sehen.

Der Fahrdamm links öffnet sich bereits
Die Fahrbahnen derr Brücke sind vollständig geöffnet. Die Wimpel eines Ausflugsdampfers sind noch zu sehen
Die Wimpel des Ausflugsdampfers sind noch zu sehen

Ansonsten ist die viel befahrene Straße 50 um den Vätternsee, der dreieinhalbmal so groß ist wie der Bodensee, nach Norden sehr langweilig. Spannend wird es erst wieder nach Askersund, als wir einem schmalen, buckligen Asphaltstreifen südwestlich zum Tiveden Nationalpark folgen. Über eine Schotterstraße erreichen wir den See Fagertärn, aber die roten Seerosen, die ihn so berühmt gemacht haben, sind schon zugegangen. Schade!

Wanderung im Tived-Urwald

Den heutigen Sonntag verbringen wir auf einer eindrucksvollen Wanderung durch den Urwald des Tived. In der Tourist Info haben wir eine kleine Routenbeschreibung erhalten. Der Pfad, den man nicht verlassen sollte, ist total verwunschen. Von bunten Moosen und Flechten umgeben führt er über Felsplatten und große Geröllbrocken, vorbei an Baumriesen und auf Stegen über moorigen Untergrund.

Eine typisch schwedische Waldlandschaft mit Nadelbäumen, Felsen und viel Moos
Wir erwarten jeden Moment einen Rumpelwicht der uns fragt „was tust du?“
Mutter und Tochter stehen auf einem Felsen, Heidekraut und Nadelwald sind im Hintergrund zu sehen
Gut ausgerüstet zur Wanderung im Tived-Urwald

Vänersee

Ein kleines Faltblatt belehrt uns über die zu sehenden Besonderheiten. Auf der Rückfahrt stellen wir fest, dass unser Sprechgerät einen Wackelkontakt hat, den wir reparieren müssen. Aber am nächsten Morgen ist die Anlage tot und nicht zu reparieren. Wir vermissen auf der Weiterfahrt die Gespräche und Spiele und meine Nieren müssen unter Lottis Schlägen, wenn sie auf sich aufmerksam machen will, leiden. Weder in Kristinehamn, wo wir die 15 m hohe Picasso-Skulptur bestaunen, noch in Karlstad ist Ersatz für das kaputte Teil zu bekommen. Frustriert, da wir den Tag mit der Suche nach Motorradzubehörläden verplempert haben, fahren wir weiter bis Åmål. Der Campingplatz zieht sich über einen Hügel und wir schlagen unser Zelt mit Blick auf den Vänernsee auf. Beim Abendessen hören wir ein Tuckern auf dem See. Es rührt von einer schwimmenden Terrasse her, die mit einem Außenbordmotor angetrieben wird, auf der zwei Männer in Gartenstühlen vor einem Grill sitzen. Unglaublich, hat uns da der Sandmann einen Streich gespielt und die Traumbilder vor dem Einschlafen geschickt? Aber nach Entwicklung der Fotos bestätigt sich das Gesehene.

Eine Terrasse mit Personen, Picknicktisch und Grill schwimmt, von einem Außenbordmotor angetrieben, auf einem See
Wir trauen unseren Augen nicht – eine schwimmende Terrasse

Morgens besuchen wir das Ronja-Museum, in dem der Aufwand der Dreharbeiten des Filmes durch Fotos veranschaulicht wird. Teile der Requisiten, die Modelle der Mattisburg und auch „Steine“ der im Sörknatten-Nationalpark extra für den Film errichteten Burg sind ausgestellt. 

Abenteuer beim Paddeln

„Lotti paddel links, links!“ Warum um alles in der Welt dreht sich dieses Boot denn nicht nach rechts? Der See Lelång hat an dieser Stelle eine Breite von 2 km, es stürmt, die Wellen kommen von schräg rechts vorne. Nichts zu machen, wir driften nach links ab und paddeln, gezwungen von der Strömung, zurück. Nach einer Stunde Schinderei landen wir wieder an unserem Schlafplatz, einer mit Kiefern bestandenen felsigen Halbinsel, auf dem wir die Nacht im Gewitter verbracht haben. Wir versuchen es nochmals und paddeln nah an der Küstenlinie entlang und erreichen einen Steg, oberhalb dessen einige Häuser stehen. Wir schaffen es nach mehreren Anläufen, das über 5 m lange Aluminiumboot aus dem See zu ziehen und schleppen das Gepäck auf die Anhöhe. Dort bietet uns ein Herr seine Hilfe an und zieht auf der vom Regen sumpfigen, mit Schafskötteln übersäten Wiese das Boot auf dem Bootswagen hinauf. Übers Handy informieren wir den Bootsverleiher, der nach einer halben Stunde in einem heftigen Regenschauer ankommt. Nein, es hat nichts mit mangelnder Erfahrung zu tun, wenn man bei so einem Wetter nicht weiterpaddelt, bestätigt er mir, sondern die auf dem See Gebliebenen handeln unklug. Und wir hatten uns die drei Tage beim Paddeln so schön vorgestellt.

Eine Aluminiumkanu liegt am Seeufer der aus Felsen besteht. ein Kind hält das Kanu fest
Unsere Ortlieb-Packtaschen sind wasser- und staubdicht – super geeignet für die Paddeltour!

Dalsland

Statt dessen gönnen wir uns zwei Tage Rast in Laxsjöns Friluftsgård, wo Lotti die 30 Tage jüngere, fast 8-Jährige Bettina kennenlernt. Sie sind sich sehr ähnlich und daher für zwei Tage ein unzertrennliches Team. Bettina schaut uns, als das Motorrad fertig gepackt ist, ungläubig beim Anziehen zu. Über unsere Radlerhosen ziehen wir die Motorradhosen, dann stehen wir weder beim An- noch Ausziehen in Unterhosen da. Dann folgen die Stiefel, das Halstuch, der Nierengurt, die Jacke der Helm und die Handschuhe. Auf dieser Reise wurden wir oft angeglotzt, was Lotti sehr gestört hat, aber diesmal nervt es nicht. Ein letztes Winken, wir sind wieder auf dem Weg.

Ein Kind schaut zu, wie die Autorin und ihre tochter das Motorrad und sich selbst fahrbereit machen und die vielen Kleidungsstücke anziehen.
Bettina kann nicht fassen, was wir trotz der Sommerhitze anziehen

Håverud

Die Schlucht vor Håverud wird von fünf verschiedenen Verkehrswegen auf fünf verschiedenen Ebenen überquert. Wir stehen 50 m über den Stromschnellen des Upperud Flusses (1), auf der Straßenbrücke (2), über die wir eben den Parkplatz erreicht haben. Etwa 15 m unter uns verläuft die Eisenbahnbrücke (3), unterhalb kreuzt das Aquädukt (4) des Dalslandkanals, gefolgt von drei Schleusen, die Stromschnellen. Diese Fahrrinne aus Stahl wird seit 1868 von Schiffen benutzt. Zuunterst quert eine Fußgängerbrücke (5) den Upperud.

In Haverud sind fünf Brücken für verschiedene Verkehrsmittel übereinander angebracht.
Vier Brücken übereinander – auf der Straßenbrücke stehe ich beim fotografieren

Die Atmosphäre lädt zum Bleiben ein und als Hamfri, ein Dampfschiff, tutet, schaut mich Lotti bittend an. Wir fahren zum kleinen Hafen und erfahren, dass in einer halben Stunde das Dampfschiff für heute zum letzten Mal ablegt. Ja, ein Zeltplatz sei gleich dort drüben am See. Wir fahren schnell hin und bauen in Windeseile alles auf. Mittlerweile sind die Abläufe nach Ankunft klar. Packsack runter, Zelt heraus, Stangen einstecken und aufstellen – das machen wir im Team. Innenzelt einhängen und Schlafplätze einrichten, sind Lottis Aufgaben, während ich die restlichen Taschen abpacke und im großzügen Vorzelt verstaue. Motorrad auf den Hauptständer stellen, Benzinhahn zu, abschließen. Schnell noch raus aus den Klamotten und umziehen, Trinkflaschen in den Rucksack und schon laufen wir fröhlich zum Anleger.

Das Motorrad steht halb abgepackt rechts. Ein Kind steckt Zeltstangen zusammen und das Zelt, das platt auf dem Boden liegt, aufzubauen
Wenn wir fix sind, sind wir in 20 Minuten ausgepackt und aufgebaut
Humfri ist die Verballhornung des Namens Humphry (Bogard), wegen des Dampfschiffs im Film „Africa Queen“

Das Schiffchen liegt noch, und der Kessel wird vom Kapitän mit Holzscheiten gefüttert. Sind nun alle eingestiegen und haben die Dampfmaschine bewundert? Ja, dann geht die Fahrt los.

Eine Dampfmaschine ist auf einem Schiff als Antriebsmotor eingebaut. Eine Kiste mit kleinen Holzscheiten steht daneben, der Käitän stochert gerade den Ofen der Maschine an.
Die blankpolierte Dampfmaschine verträgt nur kleine Holzscheite

Gleichmäßig tuckernd erreichen wir Upperud und wandern entlang der Landstraße zurück. An der unteren Schleuse liegt ein Kanu, in das gerade Eltern mit ihren drei kleinen Töchtern einsteigen. Jetzt haben wir mal etwas zu glotzen. Sie haben Gepäck für drei Wochen mit und es trotzdem gemütlich, versichern die Mädchen.

Zu den Drehorten von Ronja Räubertochter

Unseren heutigen Ausflug machen wir ohne Gepäck, so sparen wir uns auch Ab- und Aufbau. Die Dalsländische Landschaft ist meines Erachtens in Südschweden die spektakulärste, von tollen Felsformationen zerklüftet, unendlich viele Seen und farbenfrohe Wiesen zwischen den Wäldern, unterbrochen von roten Häusertupfen. Über Schotterstraßen, die ohne das Gepäck leichter zu bewältigen sind, erreichen wir den Sörknatten Nationalpark und tauschen mal wieder Wanderschuhe gegen Motorradstiefel. Hier versuchen wir die Stellen herauszufinden, die als Filmkulisse für Ronja Räubertochter gewirkt haben.

Von diesem See starten die Wildtruden in der Gewitternacht – oder etwa nicht? 

Wir steigen hinauf auf die Felsen und versucehn herauszufinden, wo die Mattisborgen gestanden hat. Wir versuchen uns zu erinnern, wie der Blick aus dem Burgfenster ausgesehen hat und vergleichen diese Bilder mit dem Ausblick. Und, war das hier nicht die Stelle, wo Ronja dem verletzten Pferd mit dem Weißmoos das Blut gestillt hat? Nach einer Mittagsrast locken uns die Felszeichnungen von Högsbyn am Nachmittag. Dort wurden unter anderem Salto rückwärts springende Figuren und jede Menge Füße eingeritzt.

Ein Felsen mit Felszeichungen ist in eine Wiese eingebettet
Die Bilder zu interpretieren macht Spaß

Anschließend folgen wir bewusst zum zweiten Mal der schmalen Straße nach Håverud, denn die Geländeform wurde beim Straßenbau bewahrt. Steile Gefälle und Steigungen mit urplötzlichen, teils 120° Kurven und Buckel, die an Achterbahn erinnern, wechseln in rasanter Folge. Fast könnte ich zum Spaß nochmals umdrehen, aber die Sozia streikt, genug gesessen!

Auf der Fahrt an die Westküste wird es so kalt, dass ich die Vliesjacken und warmen Handschuhe rauskrame. Die Festung Bohus in Kungälv begrüßt uns mit Sturm, der uns bei der Besichtigung beinahe von den Zinnen weht.

Trutzig steht die Feste Bohus in Küstennähe
Trutzig steht die Feste Bohus in Küstennähe

Bis Åså wird es etwas wärmer, dort auf dem Campingplatz bekommen wir den Platz, den die Motorradfahrer lieben, denn er ist nur steil bergauf, über Felsen, Geröll und Sand zu erreichen. Ich gebe Gas, das Motorrad schlingert erst vorwärts dann plötzlich nur noch rückwärts. Irgendwas habe ich falsch gemacht, zu wenig Gas oder Kupplung gezogen. Als wir zum Stillstand kommen, ist uns bloß das Herz in die Hose gerutscht, aber die vollgepackte Maschine nicht umgekippt. Das passiert erst später, als sie geparkt auf dem Hauptständer parallel zu einem leichten Abhang steht und der Sand unter der Last einfach nachgibt! Von da an weiß ich, dass ich mein Motorrad nicht alleine hochheben kann, denn ausprobieren konnte ich es noch nie. Der Bremshebel ist geknickt, aber noch funktionstüchtig.

Am Abend ist die Stimmung am Strand mit dicken Regenwolken, durch die Sonnenstrahlen brechen, gespenstisch, ja fast bedrohlich. Am nächsten Morgen jedoch treibt uns die warme Sonne aus dem Zelt. Gestern abend habe ich meinen Brötchenteig mit Hefe angesetzt, er hat in einer Schüssel mit Deckel in meinem Schlafsack die „warme“ Nacht verbracht und ist nun ausgiebig gegangen. Ich forme die Brötchen, die ich in ganz wenig Öl in der Pfanne auf unserem Brändigrill backe – mit etwas Abstand zur Flamme des Benzinkochers.

Ein Mädchen hockt an einer Kochstelle und betrachtet die Brötchen, die in der Pfanne backen. Links steht das Zelt, Kochutensilien und Packtaschen
Frische Brötchen zum Frühstück – sooo lecker!

Heute ist richtiges Strandwetter und das möchte ich bei Schloss Tjolöholm genießen, im Reiseführer als, wie ein englischer Herrensitz wirkend beschrieben. Aber Lotti hat keine Lust auf Schloss, so fahren wir über die landschaftlich reizlose, verkehrsreiche E 6 weiter bis Falkenberg. Kleine Küstenstraßen führen uns zu Haverdals Strand, aber die bis zu 12 m hohen Dünen im Naturreservat locken Lotti auch nicht, sie will nur Sand buddeln und plantschen.

Ein bild zeigt Füße im Meer, von oben herunter fotografiert. Die Gischt umspielt die Füße
Beim planschen sind wir gut – und beim Füße im Meer versinken lassen erst recht
Lotti springt über den Höllenschlund am Strand

Landskrona in Brasilien?

Gegen Ende Juli findet der Karneval „Rio de Landskrona“ statt, eine Veranstaltung, die mit den Abbildungen von Salsa-Tänzerinnen wirbt. So fahren wir voller Erwartungen auf der eng an die Küste geschmiegten, schmalen Straße in die Festungsstadt. Im Zentrum sind etliche Verkaufsstände und ein lärmender Rummelplatz aufgebaut. Auf einem Karussell entdeckt Lotti eine Harley und fährt stolz ihre Runden.

Ein Kind sitzt auf einem Karusell, auf einer Harley und dreht fröhlich Runden
Endlich selbst Motorrad „fahren“

Um dem Lärm zu entfliehen besuchen wir das Museum und tauchen in die örtliche Geschichte ein. Eine Sonderausstellung ist einer Tochter der Stadt, Nell Walden, gewidmet, einer avantgardistischen Künstlerin, die Anfang des 20. Jahrhunderts lebte. Nun ist später Nachmittag und von „Rio“ und Salsa keine Spur zu sehen. So verlagern wir unsere Hoffnungen auf die Eröffnungsfeier in der Zitadelle, einer der besterhaltenen Befestigungsanlagen in Skandinavien. Tatsächlich wird dort eine dunkelhäutige Schöne mit dem Boot „Kristian III“ über den, uns von der „Bühne“ trennenden, Wallgraben gerudert und das ortsansässige Blasorchester intoniert dazu Sambarhythmen.

In einem Boot sitzt eine Frau in einem Sambatanzkostüm, ein Mann rudert das Boot über den See
Die Tänzerin wird zum Schauplatz gerudert
Eine Blaskapelle spielt auf ihren Instrumenten, eine Sambatänzerin in einem knappen weißen Köstum tanz dazu
Die Blaskapelle intoniert den Samba

Nach einigem Redenschwingen tritt, für den Veranstalter selbst überraschend, noch kurz die Sambaschule auf und dann verläuft sich die Zuschauermenge. Das war alles!?

Mädchen in Sambakostümen tanzen vor einer Burgmauer zur Musik
Mit viel Spaß und tollen Kostümen versucht die Gruppe Stimmung zu machen

Morgens beim Zeltabbau entdecke ich direkt unter Lottis Bett Maulwurfsgänge und drei Haufen, die er während wir schliefen gegraben hat. Sie hatte mich deswegen nachts geweckt, aber ich glaubte ihr nicht!

In einem Zelt ist Gras zu sehen und direkt an der Grasnarbe deutlich die Gräben, die eine Mauswurf nachts gegraben hat
Der Maulwurf empfand Lottis Matte als Erdboden und hat seinen Gang direkt darunter gegraben

Skåne

Auf dem Weg nach Trelleborg durchqueren wir Skåne nun gemütlich, passieren die malerischen Städtchen der überwiegend durch Ackerbau geprägten Provinz, die sich in prächtigster Sommerstimmung präsentiert. In der Hafenstadt knüpfen wir an unsere Reiseanfänge an und besichtigen die „Trelleborg” die der Stadt ja den Namen gab. Hier wurde ein Viertel des Burgkreises inmitten eines Wohngebietes rekonstruiert und das Gelände davor mit den damals in der Landschaft üblichen Pflanzen rekultiviert. Ein großes, den Langhäusern nachempfundenes Zelt aus Eichenbalken und Leinenbahnen runden die Stimmung ab.

Eine Wikingerburg, die Trelleborg. Der Eingang ist von starken aufrechtstehenden Baumstämmen gesichert. Darunter ist ein Erdwall. Zwischen den Baumstämmen ist ein Torhaus aus Holz, darunter konnte der Eingang von Fußgängern und Wagen benutzt werden
Der Eingang zur Trelleborg war gut gesichert
Die Rückseite des Eingangtores. Über dem starken Tor ist ein Haus aufgesetzt, vermutlich ein Wächterhaus. der Erdwall erhebt sich langsam aus dem umschlossenen Kreis, so dass die Krieger leicht zur Verteidigung auf den Wall hinauflaufen konnten
Ob das ein Unterstand für die Wächter gewesen ist?
Ein aus handgewebter Leinwand aufgestelltes Zelt ist wie ein Wikingisches Häuptlingshaus geformt. Starke Holzbalken sind schräg in die Erde gerammt, um die Leinwand zu spannen
Das Leinwandzelt ist wie ein Häuptlingshaus geformt

Einen Ausflug nach Ystad über die idyllische Küstenstraße machen wir an unserem letzten „Schwedentag“. Nach einem Stadtbummel gehen wir dort an den Strand, welcher, im Gegensatz zu Trelleborgs, sehr sauber ist. Bei Sonnenaufgang sind wir schon beim Zeltabbau, denn nun geht es auf die Fähre, die uns über Rostock und endlose Autobahnen, nach insgesamt 4500 km wieder nach Hause bringt.

Die Autorin und ihrre Tochter stehen bei ihrem gepackten Motorrad. Im Hintergrund ist die Fähre zu sehen, die sie wieder nach Hause bringen wird
Ein letztes Foto von uns und unserem treuen Motorrad vor der Fähre

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Motorradtour mit Kind am Neckar

Motorradtour mit Kind am Neckar

Dieser Blogbeitrag kann unbezahlte Werbung enthalten. Auf meinen Bildern und Videos trage ich Kleidung und Ausrüstung, deren Brands sichtbar sein können. Ich beschreibe Destinationen namentlich, sonst kann ich nicht über sie berichten. Wer mir Werbung bezahlt, entnimm bitte unter Zusammenarbeit.

Lange schon lag mir meine 7-jährige Tochter in den Ohren, sie bei einer Motorradtour mitzunehmen. Die vier schulfreien Tage über Christi-Himmelfahrt nutzten wir, um die nähere Heimat zu erkunden. Bei einer vier Flüsse Runde, Nagold, Gutach, Wolfach und Neckar, hatten wir viele spannende Erlebnisse.

„Ich würde heute Nacht lieber in der Jugendherberge schlafen.” – „Warum?“ – „Wir sind heute schon mal nass geworden und es sind wieder Regenwolken über uns. Wenn wir auf den Campingplatz gehen, müssen wir morgen bestimmt ein feuchtes Zelt einpacken.“ – „Wir müssen aber im Zelt schlafen, sonst ist es keine richtige Motorradtour. Und so einen Regen kann man doch mal aushalten, oder?“ Nach diesen Worten meiner 7-jährigen Tochter Lotti schimpfe ich mich in Gedanken „Weichei! Weichei!!“ Recht hat sie ja. Also fahren wir an der schön gelegenen Jugendherberge Dillweisenstein vorbei und steuern den Campingplatz in Bad Liebenzell an. Eigentlich sind wir ja im strahlenden Sonnenschein in Mannheim losgefahren, aber schon kurz nach Brühl erwischte uns die erste dicke Wolke. Aber dieser Mai 1999 ist sowieso eher ein April, denn schon im Vogelpark in Oberhausen traute sich die Sonne wieder hervor. Die Störche dort haben vier Küken und einer der freiwilligen Helfer lässt uns sogar auf eine Leiter steigen, um die flaumigen Tierchen besser zu sehen.

Vogelpark Oberhausen

In einem Nest liegen vier Storchenküken
Die vier Storchenküken im Nest

Ein Pfau, dem das Getue um die Klapperstörche nicht gefällt, balzt sodann sehr beeindruckend vor uns zwei Damen herum. Aber wir wollen weiter, das Barockschloss in Bruchsal lockt uns noch mehr. Dieses Hauptwerk des deutschen Barock wurde als Residenz des Fürstbischofs Damian Hugo von Schönborn erbaut mit einem einzigartigen zentralen Treppenhaus von Balthasar Neumann. Wir gönnen uns und unserer altgedienten Honda CB 450 S zuerst die rückwärtige Schlossansicht vom Schlosspark aus, bevor wir im Schlosscafé einen großen Eisbecher mit besonderer Aussicht verputzen.

Eine Frau und ein Kind sitzen im Garten des Barockschlosses Bruchsal auf einer Mauer. Das Schloss ist im Hintergrund zu sehen
Mit Selbstauslöser machen wir ein Foto im Garten von Schloss Bruchsal

Nagold

Durch blühende Rapsfelder fahren wir über Bretten nach Pforzheim, queren die Enz um dann entlang der Nagold bis fast zu ihrer Quelle zu gelangen. Für heute müssen wir allerdings erst mal einen Schlafplatz haben. Auf dem Campingplatz in Bad Liebenzell werden wir sehr herzlich aufgenommen. Der Platzwart sucht mit uns den weichsten Wiesenplatz. Auf den regnet es heute Nacht garantiert nicht, verspricht er. Es nieselt auch nur solange, bis das Außenzelt steht! In der Küche kochen wir uns einen Aufwärmtee und machen es uns an einem Tisch zum Abendessen gemütlich. Lotti gewinnt die erste Runde des „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Turniers“ haushoch. Mit einer Geschichte der Kinder von Bullerbü als Vorbereitung auf unsere schwedische Sommerreise schlafen wir gut ein.

Ein Kind steht auf dem Campingplatz Bad Liebenzell beim Zeltaufbau
Na, gibt es woanders nicht noch einen weicheren Wiesenplatz?

Eigentlich hatten wir auf dem uns bekannten Minigolfplatz in Hirsau ein Spielchen wagen wollen, aber so kurz nach der Abfahrt will ich keine lange Pause machen. Lotti darf also nur auf dem angrenzenden Spielplatz rutschen, klettern und „Motorrad fahren“, bevor wir uns zum Nagoldstausee begeben.

Ein Kind sitzt auf einer Schaukel, die wie ein Motorrad aussieht
Lotti darf auf dem Spielplatz Hirsau selbst Moped fahren, äh schaukeln

Bei Kentheim entdecken wir die Holzbrücke über die Nagold, die nutzen wir gleich für ein Selbstauslöserfoto.

Ein Motorrad fährt über eine Holzbrücke
Eigentlich ist die Nagoldbrücke bei Kentheim für Fussgänger und Radfahrer, aber für ein Foto mit uns wird sie hoffentlich halten!

Kurz hinter Ebhausen lädt uns linkerhand eine tolle Wiese zur Mittagsrast ein. Sogar die Sonne gesellt sich nun zu uns. Hinter Altensteig wird die Straße dann sehr idyllisch, schmal durch Wälder führend, bunte Blumen als Wegbegrenzung, einfach herrlich.

„Guck mal Mama, die surfen!“ Tatsächlich, bunte Segel leuchten auf dem Wasser des Nagoldstausees. Wir schauen eine Weile zu, bevor wir über Erzgrube und Obermusbach nach Freudenstadt weiterfahren. Dort folgen wir der B 28 nur kurz und biegen dann ins Wolfstal ab.

Wolfach

Ab Bad Rippoldsau folgen wir wieder einem Flüsschen, der Wolfach. Lotti hinter mir findet gar nicht genug Ausdrücke, um mir die Schönheit dieses Tals zu beschreiben. Nachdem ich wegen einer rasenden Bochumer Motorrad-Gruppe, die mich in Etappen überholt, zweimal gefährlich bremsen musste, halten wir an, um die Kilometerfresser vorbeizulassen. „Sehen die überhaupt die schönen bunten Blumen, Mama?“ fragt meine Süße mich über die Gegensprechanlage. – „Ich habe keine Ahnung, ich glaube eher nicht. Die sehen ja nicht mal entgegenkommende Autos!“ erwidere ich genervt. Als wir uns weitertrauen entdecken wir Wildwasserpaddler und halten wieder, um sie um eine enge Kurve gleiten zu sehen.

Auf einem schmalen schäumenden Flüsschen sind zwei Wildwasserboote
Lotti hat die Wildwasserpaddler auf der Wolfach entdeckt

Vogtsbauernhof

Kurz nach Wolfach leiten uns Hinweisschilder zum Vogtsbauernhof, einem Freilichtmuseum, das auf unserem Besichtigungsplan steht. Alte Schwarzwaldhöfe, wurden an anderen Stellen abgebaut, um hier restauriert in altem Glanz zu erstrahlen. Diese Höfe sind sehr beeindruckend. Die Einrichtungen in den einzelnen Höfen sind nach Themen geordnet, hier mal Kleidung, da Korbflechterei, Holzschnitzerei oder Weberei. Durch die anschaulichen Erklärungen und alten Fotos ist für Lotti und mich nachvollziehbar, wie die Leute früher gelebt haben. Die Riesendachstühle sind heutzutage bestimmt ein El Dorado für Zimmerleute. Schon allein das Zusammenfügen der Scheunentore nur mit Holznägeln, ohne irgendein Metallstück ist beachtlich.

Ein Kind sitzt vor einem Wollkorb
Lotti sitzt müde von den Tageseindrücken vor einem Wollkorb Schafstall des Vogtsbauernhofmuseums

Müde vom Schauen fahren wir zurück Richtung Wolfach, denn dort war ein Campingplatz ausgeschildert. Durch die Erlebnisse des Freilichtmuseums geprägt, ergötzen wir uns an den tollen Häusern und Gärten in Kirnbach und sind am Ortsende, ohne den Campingplatz gesehen zu haben. „Lotti, war der woanders?“ frage ich ratlos. Lotti ist nämlich zuständig für das Auffinden der blauen, mit Wohnwagen und Zelt versehenen, Schilder und das Hinlotsen auf den Platz. „Nee, da stand Kirnbach“ kommt die ebenso ratlose Antwort zurück. Ich kehre um und auf dem Rückweg stellen wir fest, dass wir vor lauter Gucken am Campingplatz zur Mühle, der sich steil einen Hang heraufzieht, vorbeigefahren sind.

Ein Zelt steht auf einem Campingplatz, ein Kind steht dahinter
Nasses Wetter, nasses Zelt, aber drinnen ist es gemütlich und trocken!

Nach dem Spagettimahl gibt es für mich ein erfrischendes Weizenbier zum „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht“ Spiel. Die Regentropfen wiegen uns heute in den Schlaf und wecken uns am Morgen auch wieder. So kuscheln und dösen wir noch etwas, bevor wir uns entschließen, doch ein nasses Zelt einzupacken. „Schau, die Hasen kochen auch Kaffee!“, ruft Lotti. Aus den Wäldern steigen nach dem vielen Regen Wolkenfetzen hoch, die wie Kochfeuer aussehen.

1. Größte Kuckucksuhr in Schonach

Die Fahrt zur größten Kuckucksuhr der Welt in Schonach gestaltet sich verwirrend, denn wir sind auf so viele „größte“ Kuckucksuhren, die sich auf dem Weg dorthin aneinanderreihen, nicht gefasst. Am Ziel stellen wir dann fest, dass die Schonacher Uhr die 1. Weltgrößte war. Wir erreichen sie um kurz vor 12.00 Uhr. Gespannt auf den Kuckuck verharren wir im Nieselregen und werden mit 12 sonoren Kuckucks des ehrwürdig aussehenden Vogels belohnt.

Ein Kind steht vor einem kleinen Haus. Das ist die 1. Weltgrößte Kuckucksuhr der Welt. Aus dem Fensterchen im Giebel kommt zu jeder vollen Stunde ein Kuckuck und kuckuckt die Uhrzeit
Kurz nach zwölf posiert Lotti vor der 1. Weltgrößten Kuckucksuhr in Schonach, noch ganz beeindruckt von dem Kuckuck, der 12 mal Kuckuck rufen musste

Quellstein des Neckar

Den Wasserfall in Titisee lassen wir ausfallen, da wir schon gut mit Wasser von oben eingedeckt sind. Wir machen uns auf dem schnellsten Weg, über die B 33, an Villingen vorbei nach Schwenningen. Dort finden wir nach kurzer Suche im Stadtpark Möglingshöhe einen Spielplatz und nahebei den Quellstein des Neckar.

Rechts und links des Quellsteins des Neckars sitzen eine Frau und ein Mädchen
Hier nun ist der Anfang unserer Neckartour – der Quellstein des Neckar

Von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein bei Mannheim ist der Neckar der eigentliche Grund für unsere Reise. Aber zuerst versteckt er sich unter den Straßen von Schwenningen, erst als wir nach dem Luftfahrtmuseum nach Deißlingen abbiegen, sehen wir ihn zum ersten Mal in seinem Bett. Wir fahren das, in der Landkarte gelb eingezeichnete, Sträßchen über Lauffen nach Rottweil, wo wir in schöner Atmosphäre Rast machen.

Ein Mädchen sitzt vor dem sechseckigen Stadtbrunnen in Rottweil, vor einem prächtigen Bürgerhaus
Der Stadtbrunnen in Rottweil vor einem prächtigen Bürgerhaus

„Mama, du wolltest doch auf die Straße 14, nicht auf die 27!“ sagt mein aufmerksames Kind kurz hinter den Rottweil-Serpentinen zu mir. Ich halte und studiere die Landkarte. Tja, da habe ich mich von dem Hinweis Tübingen an der Nase herumführen lassen. Der Weg über Dietingen und Irslingen nach Talhausen an den Neckar zurück ist jedoch sehr viel beschaulicher als die B 27 oberhalb Rottweils.

Ein Mädchen sitzt an einem Brunnen. Die Figuren des Brunnens sind Fasnetfiguren
So ein schöner Brunnen in Irslingen, wohl der Faßnet gewidmet

Burgruine Ahlbeck und Mammutbäume

In Sulz wollen wir die Burgruine Albeck besichtigen und im Naturschutzgebiet Eichwald die mehr als 100jährigen über 40 m hohen Mammutbäume. Wir folgen erst dem Waldlehrpfad der uns zur, im Sonnenschein liegenden Burg, führt. Derzeit ist ein Ruinenverein mit der Restauration befasst, um der Nachwelt die Ruine zu erhalten.

Ein Mädchen sitzt im Fensterrahmen einer alten Burganlage
Jungfer Lotti auf Burg Albeck, Sulz

Über einen Kilometer soll es noch bis zu den Mammutbäumen sein, wir haben jetzt schon keine Lust mehr auf die Helme und Tankrucksackschlepperei. „Sie können ihre Sachen ruhig in unser Auto legen, da kommt nichts weg“, bietet uns der freundliche Helfer des Vereins an. Er beschreibt uns auch die Stämme der Mammutbäume als von 4-5 Männern kaum zu umfassen. Na prima! Wir folgen dem beschilderten Weg, aber kaum sind wir im Wald fängt es an zu schütten. Einige Zeit folgen wir noch dem aufgeweichten Weg mehr rutschend als wandernd, bevor wir in einer Fichtenschonung Schutz vor der ausgebrochenen Sintflut suchen. Unsere Halstücher tragen wir längst als Kopftücher. Wir sind froh, dass uns niemand sieht, denn sonst wäre die Mär der neuen Waldhexen im Eichwald geboren. Als der Regen nachlässt folgen wir noch zwei Kurven und kehren dann um, denn die Mammutbäume sind nirgends zu entdecken. Lotti hat Fussweh in ihren Motorradstiefeln und meine, erst 20 Jahre alten Stiefel, lassen doch tatsächlich Wasser durch. So ist der Rückmarsch recht beschwerlich. Auf der Karte am Wanderparkplatz stellen wir fest, dass uns drei Kurven oder maximal 200 m von den Mammutbäumen getrennt haben. Sehr schade!

Wasserschloss Glatt

Wir queren in Sulz die B 14 und fahren auf einem schmalen kurvigen Sträßchen nach Glatt zu einem sehr schönen, malerischen Wasserschlösschen.  „Ich dachte, das ist im Wasser,“ sagt Lotti  zu mir. – „Ist es doch auch.“ – „Nein, ich dachte richtig im Wasser. Ich dachte der Nöck wohnt da im Schloss unter Wasser!“ Jetzt erst verstehe ich Lottis Befürchtungen, das Wasserschloss zu besuchen. Sie hat ein Kinderbuch vom schwarzen Nöck, der im Teich wohnt und ein junges Menschenmädchen zur Hochzeit zu sich in Wasser lockt.

Das Wasserschloss in Glatt
Lotti sitzt auf der Mauer vor dem Wasserschloss in Glatt

„Da geht’s links ab zum Campingplatz Horb, Mama!“ kommt die Anweisung von hinten. – „Wollen wir hier in Horb schon bleiben?“ Schon ist gut, immerhin ist es bald sieben Uhr. Als wir glauben, dass mit den blauen Campingschildern Schabernack getrieben wurde, entdecken wir weit außerhalb Horbs endlich den Zeltplatz, absolut ruhig gelegen inmitten des Nichts. Zum Abendessen gibt es Reiseintopf und die Fortsetzung unseres Turniers. Warum gewinnt meistens Lotti?

Eine Frau und ein Mädchen hocken in einer Wiese vor einem Zelt und kochen auf einem Gaskocher
Unsere Campingküche versorgt uns großartig

Morgens werden wir von der Sonne geweckt, wenn dass kein gutes Zeichen ist! Wir folgen dem Neckar auf kleinen Sträßchen über Mühlen und Börstingen und fahren zur Burg Weitenau hinauf. Die entpuppt sich als Nobelhotel und Restaurant, die unterhalb am Neckar einen eigenen Golfplatz unterhält. So schauen wir nur das schöne Gebäude von außen an.

Ein Motorrad mit einem Kind steht an einer Landstraße, die von Löwenzahnwiesen gesäumt ist. Im Hintergrund auf einem Hügel liegt Burg Weitenau
Wie schön die Burg Weitenau oberhalb des Neckars liegt

Schwäbische Weinstraße

Ab Rottenburg begleiten uns Weinberge am Neckar, die Schwäbische Weinstraße beginnt allerdings erst wesentlich später. Wir verweilen in Tübingen nicht, obwohl uns das Spielzeugmuseum reizt, denn wir haben Anderes vor. Das Ballungsgebiet bis Stuttgart befahren wir auf Bundesstraßen, bleiben aber dem Neckar treu. Kurz vor Pliezhausen entdeckt Lotti „Zeltbäume“, Bäume von Kletterpflanzen überwuchert, die um den Stamm herum sehr geräumig sind. „Da muss man gar kein Zelt aufbauen, wenn man hier schlafen will.“ Manchmal wäre das tatsächlich schön, obwohl wir zwei schon ein eingespieltes Team sind. Das Außenzelt bauen wir zusammen auf, ich lade das restliche Gepäck ab, während Lotti das Innenzelt aufbaut und mit mir einrichtet, binnen 20 Minuten sind wir mit Aufbau und Einzug fertig.

Rankpflanzen haben Bäume überwuchert, so dass sie wie Zelte wirken
Lotti würde hier am Liebsten übernachten

Urmensch Museum Steinheim

Ab Bad Cannstatt fahren wir wieder „gelbe“ Sträßchen und verlassen kurz hinter Marbach den Neckar, um bis Steinheim der Murr zu folgen. Dort ist direkt hinter dem Rathaus das „Urmensch-Museum“ unser Ziel. In den Kiesablagerungen der Pleidelsheimer Senke wurden eine Vielzahl von Gebiss- und Skelettresten gefunden. Nicht nur das eines Waldelefanten, sondern auch der Schädel eines Urmenschen. Die Ausstellung ist sehr anschaulich, sogar mit einer Ton-Bild-Schau ausgestattet.

Das Skelett eines Waldelefanten ist im Museum in Steinheim/Murr aufgebaut
So ganz geheuer ist Lotti das Skelett des Waldelefanten nicht

Nach so viel Bildung erholen wir uns auf einer Wiese vor Benningen mit einer Brotzeit. Dann ist Frisbee spielen angesagt. Weiter folgen wir der Schwäbischen Weinstraße, entlang der beeindruckenden Felsengärten von Mundelsheim und Hessigheim. In Besigheim verführt uns die Sonne in eine Eisdiele. Wir gönnen uns zwei große Eisbecher und während der anschließenden Stadtbesichtigung können wir die Helme in der Eisdiele „unterstellen“. Das römische Museum in Walheim müssen wir zu meinem Bedauern auslassen, da es schon geschlossen hat. „Über die Römer weiß ich doch schon alles aus den Asterix-Filmen“, tröstet mich Lotti. Direkt neben einem Hühnerpferch werden die „Einmalübernachter“ auf dem Zeltplatz in Neckarsulm untergebracht. Lotti entdeckt gleich, dass die Hühner keine Kinder bekommen können, denn sie haben keinen Gockel. Leider legen sie uns auch kein Frühstücksei.

Ein Kind steht an einem Hühnerpferch
Lotti füttert die Hühner mit frischem Gras

Zweiradmuseum Neckarsulm

Wieder lockt uns die Sonne morgens aus den Federn. Sprichwörtlich, denn bei meinem Schlafsack ist eine Naht geplatzt. Für heute steht das Zweiradmuseum hier in Neckarsulm auf dem Programm. Die Straße dorthin ist gesperrt. Wir lassen uns davon nicht beeindrucken und parken direkt vor dem Eingang. Auch für nicht Technikversierte ist die Ausstellung sehr interessant gemacht. Im Erdgeschoß kann ich Lotti auf einem Hochrad ablichten, zu unserem Bedauern ist das bei den Motorrädern nicht möglich. In der Sonderausstellung „Roller“ finden wir unser Idealgefährt, einen Roller mit Anhänger. Beim Weiterschauen ein Weltumrundermotorrad mit Beiwagen. Das wäre, im Gegensatz zu einer Goldwing, für mich vom Gewicht her auch zu bewältigen. Aber wir wollen mal mit unserem Moped zufrieden sein. Weil wir das Gepäck um Lotti herum bauen, sitzt sie sicher wie in einem Sessel.

Ein Motorrad mit Beiwagen. Eine Landkarte mit der Reiseroute ist auf dem Beiwagen aufgemalt
Das Motorrad wäre für Motorradtouren mit Kind auch nicht schlecht

Als ich mir andächtig ein Video der Rallye Paris – Dakar anschaue, fragt mich ein Besucher, ob ich auch mit der Rallye gekommen bin. Ich bestätige, dass auch Frauen auf dem Motorrad an der Rallye teilgenommen haben, ich jedoch leider nicht dazu zähle. Er lacht. „Ich meine die Rallye heute, vom Technikmuseum Sinsheim nach Neckarsulm.“ Tatsächlich, als wir aus dem Museum kommen, steht der Parkplatz voll mit alten Motorrädern, unser erst 10jähriger Youngster unschön mittendrin. Auf der gesperrten Straße parken die Oldtimer-Autos. Jetzt haben wir doch noch die Gelegenheit, die 7-jährige Lotti auf einer 70-jährigen NSU abzulichten. „Mein Opa ist aber vier Jahre älter“, klärt Lotti den Besitzer auf.

Ein Mädchen sitzt auf einem Oldtimermotorrad
Lotti darf eine NSU 501 T von 1929 besteigen

Das Besucherbergwerk in Bad Friedrichshall, in dem auch eine Saurierausstellung untergebracht ist, muss aus Zeitgründen für heute unterbleiben. Wir touren weiter nach Bad Wimpfen, einem weiteren mittelalterlichen Städtchen auf dieser Neckartour. Dort findet heute das 5. Drehleierfestival statt. So ein Glück. Überall in den mittelalterlichen Gassen sind Drehorgelspieler aus aller Welt in historischen Kostümen unterwegs.

Drehleiern stehen in den Altstadtgassen von Bad Wimpfen, eine Frau und ein Mann in historischen Kostümen stehen dabei
Haben wir ein Glück, so viele Drehleierspieler auf einem Fleck

Burg Guttenberg

Ab Bad Wimpfen folgen wir der „Burgenstraße“ bis zur aus dem 12. Jahrhundert stammenden, unzerstörten Burg Guttenberg, die zwei Attraktionen bietet. Einmal im Burgmuseum Geschichten vom „Leben auf der Ritterburg“ und zum Zweiten ist dort die Deutsche Greifenwarte von Claus Fentzloff untergebracht. Wegen der haben wir Neckarmühlbach angesteuert. Wir kommen gerade recht zur Flugschau um 15.00 Uhr. Anschaulich wird das Leben der Uhus, Adler und Geier vorgeführt und erklärt, denn die Greifenwarte züchtet seit vielen Jahren Greifvögel um sie an ursprünglichen Standorten wieder auszuwildern. Beim Rundgang lernen wir viel über diese Vögel, aber auch über die Zerstörung ihrer Lebensräume und direkte Verfolgung von Menschen.

Auf einem Hügel liegt B Burg Guttenberg
Auf Burg Guttenberg erwarten und zwei Attraktionen

Heidelberg

Wegen der fortgeschritten Zeit müssen wir ohne weiteren Stopp der Burgenstraße nach Heidelberg folgen und halten dort nur für das obligatorische Foto vom Schloss.

Eine Motorradfahrerin steht am Neckar in Heidelberg, im Hintergrund die Altstadt mit dem Schloss
In der Abendsonne beleuchtet das Heidelberger Schloss über dem Neckar

Mit der Fähre setzen wir von Neckarhausen nach Ladenburg über. Dort findet endlich das versprochene Minigolfspiel statt.

Die Fähre von Ladenburg am Neckar legt an
Schnell ein Foto und dann mit dem Motorrad auf die Fähre in Ladenburg

Neckarmündung

Nun ist der Neckar bald am Ziel, über Ilvesheim, Feudenheim nach Mannheim-Neckarstadt begleiten wir ihn auf seinen letzten Kilometern und nach der Hebebrücke im Industriehafen folgen wir einem Anliegersträßchen zur Gaststätte Orderstation, um dort die Mündung des Neckar in den Rhein, bei einem herrlichen Sonnenuntergang, zu passieren.

Ein Motorrad steht vor der Neckarmündung. Eine Frau und ein Kind hocken rechts davon. Im Hintergrund die Industrieanlagen der BASF
Die Neckarmündung ist sehr versteckt – gegenüber liegen die Industrieanlagen der BASF

Die vier schulfreien Tage waren für diese schöne Tour eigentlich zu kurz, eine Ferienwoche hätten wir einplanen müssen, um mehr von dieser geschichtsträchtigen Gegend zu sehen.

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AnfängerkulTour Elsass mit Motorrad

AnfängerkulTour Elsass mit Motorrad

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Motorradfahren und Kultur, dass lohnt sich besonders im Elsass. Um die Fahrpraxis nach der Führerscheinprüfung von Karen zu erhöhen, nahmen wir uns eine AnfängerkulTour vor. Kurvige Strecken, pittoreske Dörfchen, Burgruinen, französische Lebensart und leckeres Essen machten die Reise perfekt.

Als Karen an der letzten roten Ampel vor der Autobahn das Visier öffnen will, ist die Bewegung zu ruckartig, sie rutscht von der Stiefelspitze und kippt mitsamt dem erst 264 km gefahrenen neuen Moped um. Mist! Ich fahre zur Seite und stelle die Honda Vigor ab. Zusammen heben wir die kleine Honda, XLR 125 hoch und rollen sie auf den Randstreifen. Es ist ein wenig Benzin ausgelaufen, der Handprotektor ist etwas zerkratzt und der rechte Blinker schielt ab jetzt. Wir lassen die Maschine wieder an, sie kommt sofort.

Wir verlassen die Autobahn nach 60 km wieder, denn wir haben das Rhein-Neckar-Dreieck bereits hinter uns und kommen auf der B 38 auch gut voran. Mein Adrenalinspiegel erhöht sich zwei mal schlagartig, als Autofahrer jeweils sehr knapp vor Karen einscheren, einer sie sogar auf dieser nieselfeuchten Straße zum Abbremsen zwingt.

Deutsches Weintor Schweigen-Rechtenbach

Am Deutschen Weintor in Schweigen-Rechtenbach machen wir einen Stopp.

Ein großes Gemauertes Tor ist das Deutsche Weintor in Schweigen-Rechtenbach
Das Deutsche Weintor in Schweigern, kurz vor der deutsch-französischen Grenze

Drei leichte Kurven hinter dem deutschen Weintor finden wir uns auf französischem Boden in Wissembourg wieder. Einen Bummel durch diese 1179 erstmals erwähnten Stadt mit ihren malerischen Fachwerkhäusern beschließen wir typisch französisch vor einem kleinen Café.

Wissembourg

Eine schmale Brücke führt vor einem alten Fachwerkhaus über den Fluss Lauter in Wissembourg
In Wissembourg, Brückchen über die Lauter
Ein Haus mit einem sehr hohen, breiten Dach beherbergte früher die Gerber
Wissembourg, Maison du Tanneur, das Gerberhaus unter dessem großen Dach früher die Häute getrocknet wurden

Outre-Forêt

Die kleine D 244  bringt uns mit sanften Kurven durch schön restaurierte Fachwerkdörfchen. Hier im „Outre-Forêt“ ist die Landschaft nur von Hügelchen unterbrochen. Auch Lauterbourg, das schon zu Römerzeiten besiedelt war, sieht uns flanieren. Vor dem Rathaus werden wir vom Vorsitzenden des Fremdenverkehrsverbandes höchstpersönlich angesprochen und auf die Sehenswürdigkeiten der Stadt hingewiesen. Stolz präsentiert er uns im Rathaus den römischen, dem Jupiter geweihten Altar, der bei Ausgrabungen am Schloss gefunden wurde. Wir finden im Anschluss eine Crêperie, Kultur macht hungrig.

Karen hinter mir wird immer langsamer, als wir nur noch 40 fahren stoppe ich, um die Ursache zu erfragen. Sie hat ein total unsicheres Gefühl, denn die Stollenreifen der XLR schwimmen auf dem Straßenbelag aus bitumierten runden Kieseln. Die Fahrschule hat sie auf einer Suzuki GN 125, natürlich mit Straßenreifen, absolviert. So ist ihr vieles an ihrem eigenen, neuen Moped noch ungewohnt. Erst als wir von der D 248 auf die D 28 abbiegen erreichen wir wieder unsere Höchstgeschwindigkeit von fast 80 km/h. In Esch sehen wir unsere erste Casemate, eine Bunkeranlage der Maginot-Linie, aber das Gelände ist umzäunt und mit einem Tor verschlossen, ebenso wie das Museum zum Thema in Hatten, das nur an Wochenenden Besichtigungen erlaubt, schade!

Betschdorf – Töpferdorf

Die Töpfereien in Betschdorf haben im Gegensatz dazu immer geöffnet. Wie gut, dass wir auf den Mopeds nicht viel mitnehmen können, denn es werden wunderschöne Dinge hergestellt, von Töpfer zu Töpfer in Form und Farben unterschiedlich. Wir folgen jetzt wieder einer kleinen „D“ nach Surbourg. Auch hier schöne Fachwerkhäuser mit Inschriften, die auf Bauherren und Baujahr hinweisen. Ein Haus hat eine hebräische Inschrift und erinnert an die einst bedeutende jüdische Gemeinde. Nach wenigen Kilometern haben wir unser heutiges Tagesziel, das Motorradfahrer-Hotel Beau-Sejour in Morsbronn, mit 168 km mehr Routine auf dem Tacho, erreicht. Nach einem ausgezeichneten Abendessen, Benzingesprächen in denen wir die heutigen schönen und schwierigen Fahrsituationen Revue passieren lassen und einigen Kartenspielen, schlafen nicht nur die Hondas gut unter diesem Dach.

Auf einem weißen Teller ist ein Gericht mit Spargel angerichtet
Hotel-Restaurant Beau-Sejour in Morsbronn-les-Bains, Hauptgang beim Abendessen

Morsbronn-les-Bains

Durch den Straßenlärm der direkt vor unserem Fenster verlaufenden D 27 werden wir schon früh geweckt. Nach einem französischen Frühstück packen wir nur Tagesgepäck für die heutige Rundtour auf unsere Mopeds. Zum Eingewöhnen soll es erst noch ein wenig durch den flachen „Outre-Forêt“ und später dann in die bergigen Nordvogesen gehen. Beim ersten Stopp in Woerth entdecken wir ein altes Wasch„haus“, überdachte Planken, die durch eine Höhenregelung immer dem Wasserstand des Flüsschens Sauer angepasst wurden. Allein beim Betrachten der schwankenden, harten Bretter und der Kälte des Wassers fühlen wir Schmerzen in Knien und Händen und danken dem Erfinder der Waschmaschine.

Auf einem Platz steht ein Motorrad. Im Vordergrund ein alter Brunnen mit zwei Pumpen und zwei Brunnentrögen. Im Hintergrund die Überdachung des alten Waschhauses
Karen parkt vor dem Dach des alten Waschplatzes

Erdölmuseum in Merkwiller-Pechelbronn

In Merkwiller-Pechelbronn gibt es ein „Musée de Pétrol“ und zwar deshalb, weil der Ort (wer hätte das gedacht?) ein reiches Mineralölvorkommen hat. Mitten im Dorf wird auf einer Häuserwand schematisch die Erdölförderung dargestellt, davor ist eine elektrische Pumpe installiert.

An einer Hausfassade ist die Erdölförderung im Elsass aufgemalt
Die Erdölpumpe kam uns erst mal ungewöhnlich für die Landschaft vor

Auf der Weiterfahrt haben wir auch an unserer zweiten Möglichkeit, etwas genaueres über die Maginot-Linie zu erfahren, Pech. Auch das Artilleriewerk Schoenenbourg ist ab Oktober nur noch am Wochenende für Besucher geöffnet.

Eine junge Frau betrachtet die Oberirdischen Bauwerke des Artilleriewerk Schoenenbourg
Karen betrachtet die oberirdischen Bunkerausgänge des B Artilleriewerks Schoenenbourg

Cleebourg

Die besonders malerischen Orte Hunspach und Seebach durchfahren wir im Schritttempo bevor wir uns dem Weinanbaugebiet des nördlichen Elsass nähern. In der Winzergenossenschaft in Cleebourg werden die Fässer im dreistöckigen Keller, die 16.000 l fassen, jetzt im Oktober wieder mit Tokayer, Auxerrois und Gewürztraminer gefüllt. Schweren Herzens verzichten wir auf eine Weinprobe, denn allein der Duft des „Neuen Weines“, der uns schon auf dem Parkplatz empfängt, macht uns beschwippst.

Col du Pigeonnier

Ich schalte runter, noch mal, bremse leicht an und betrachte den Kurvenverlauf, noch einen Gang runter und schön reingelegt. Im Spiegel beobachte ich Karen hinter mir. Super, die erste Serpentine ist geschafft, und zwar runder als meine! Cool passiert Karen ihren ersten Pass, den Col du Pigeonnier mit stolzen 432 Höhenmetern über dem Meeresspiegel. Mit schöner Aussicht ins Tal auf die sich verfärbenden Wälder, folgen wir der D 3 bis Climbach und biegen dort scharf rechts nach Petit Wingen ab. Nun gibt es nur noch schmalste Sträßchen mit Kurven und Ruinen von unzähligen Châteaus. Es sind fast keine Autos unterwegs, wir können uns ganz dem Fahren mit den beiden wendigen Motorrädern hingeben. Am Ausflugslokal Gimbelhof angekommen, dessen Wirtsleute Montags und Dienstags leider ausruhen, genießen wir den Blick auf die Reste von Fleckenstein, Hohenbourg und Loewenstein.

Hinter Glas steht ein geschnitztes Modell der Burg Fleckenstein
So wird die Burg Fleckenstein früher mal ausgesehen haben

Nach Col de Litschhof (337 m) passieren wir nach einem kleinen Abstecher nach Deutschland den Col du Gœtzenberg (400 m) und die Ruinen der Châteaus Blumenstein, Wasigenstein und Lutzelhardt. Zum Relaxen folgen wir der D 35 westlich und dann der D 87 südöstlich durch eine traumhafte Allee. Wir müssen fast zeitgleich auf Reserve umschalten und wissen nun nicht genau, wie weit wir noch mit Motorkraft kommen, denn ich habe die Vigor nur geliehen und Karens XLR ist neu, es gibt keine Erfahrungswerte! So konzentrieren wir uns nun auf Tankstellensuche, statt die Ruinen Schœneck, Neuf und Windstein anzusteuern. Die Casemate von Dambach interessiert uns nun genauso wenig wie die Reste der Schmiede in Jaegerthal aus dem 17. Jahrhundert. In Niederbronn spreche ich mit meinem schlechten Französisch einige Jugendliche an, zeige auf den Tank und radebreche was von Benzin. Als die Jungs auf sächsisch antworten, sie wären nicht von hier, fällt Karen fast vor Lachen von der XLR.

Nach bangem Suchen finden wir in Reichshoffen eine uralte Werkstatt mit Zapfsäulen für Diesel und Superbenzin und erstehen für 44 D-Mark 20 l Sprit für die beiden Spielzeugtanks. In einem Café in Niederbronn verdauen wir die französischen Benzinpreise, bevor wir uns auf die höchste Erhebung, den Grand Wintersberg mit immerhin 580 Höhenmetern stürzen.

Grand Wintersberg

Die Fahrstraße hinauf ist ohne jegliche Absicherung teilweise eng an den Berg geschmiegt. Links fällt der Wald steil bergab, rechts steigt er über Felsen ebenso bergan, durch enge Kurven winden wir uns hinauf. Karen ist von dieser Art zu wandern völlig begeistert, endlich nicht mehr laufen müssen! Ich erklimme aus einer sportlichen Anwandlung heraus die 144 Stufen des 25 m hohen Aussichtsturms oben auf dem Plateau und genieße die Aussicht in Richtung der Nordvogesen, wo wir ab morgen die Passhöhen steigern wollen. Wir kommen auf der N 62 aus dem Wald, schlagen uns aber gleich nach Niederbronn wieder auf unseren kleinen, von wenigen Autos frequentierten, „D´s“ zurück nach Morsbronn.

Nach den ersten zwei trüben Tagen empfängt uns heute Morgen die Sonne mit hellen Strahlen. In Oberbronn staunen wir über schmale Gassen.

Vor eine alten Fachwerkhaus ist ein Brunnen, eine Frau mit Motorrad parkt dazwischen
Oberbronn, uraltes Haus vor einem plätschernden Brunnen, von denen die Frauen früher das Wasserr nach Hause schleppten
Schmale Gassen durchteilen den Fachwerkort Oberbronn
Oberbronn, durch diese hohle Gasse muss Karen kommen

Eine Gasse, links am Rathaus, führt steil hinauf in den Wald zur Ruine des Châteaus Wasenbourg. Erst als wir nach dieser neuerlichen Kurvenorgie, durch noch dicht belaubte Wälder, am Rand der Ebene, durch Zinswiller, Offwiller und Rothbach fahren, wärmt uns die Sonne wieder. Aber gleich geht es erneut auf kleinen Straßen in die Wälder. Völlig unerwartet kommt mir in einer Rechtskurve ein Auto auf meiner Seite entgegen, nur dadurch, dass ich sowieso ganz rechts fahre kann ich ausweichen. Nach einem Adrenalinstoß  blicke ich in die Rückspiegel, Karen kommt, weit in der Mitte der Fahrbahn, gemütlich um die Kurve getuckert und hat von der Situation gar nichts mitgekriegt. Ob es bei ihrer Fahrweise auch so glatt ausgegangen wäre? Die aus dem 13. Jh. stammende Burg Lichtenberg erreichen wir genau vor der Mittagspause, ja machen die extra alles zu, wenn wir kommen??

Wir beschließen den zarten weißen Linien auf der Landkarte, über Reipertswiller, Melch und Mouterhouse nach Bitche, einer Stadt in Lothringen, zu folgen. Als wir Schwangerbach passieren, postiert sich Karen vor das Ortsschild, ich hoffe auf keine schreienden Ergebnisse nach neun Monaten.

Eine Frau auf einem Motorrad steht vor dem Ortsschild Schwangerbach
Schwangerbach, das Ortschild hat es Karen angetan. Wo mag der Ortsname wohl herkommen?

Bitche Festung

Der Anblick der Zitadelle von Bitche, die die Stadt überragt, ist imposant. Dies ist keine der bisher gesehenen Festungsanlagen, sondern wurde Mitte des 18. Jahrhunderts ausschließlich für militärische Zwecke auf einem Sandsteinfelsen, inmitten einer weiten Talmulde in die fünf bedeutende Straßen münden, errichtet. Die Zitadelle ist nicht nur oberirdisch angelegt, sondern Gänge und Säle sind auch unterirdisch in die Felsen hineingearbeitet. Diese Informationen erhalten wir in der Tourist-Information ebenso, wie einen Hinweis auf die Maginot-Anlage „Fort Casso“ in Rohrbach.

Die Zitadelle von Bitche steht auf einem Hügel und überragt die ganze Stadt
Bitche, Blick zur Zitadelle, die die Stadt überragt

Linie Maginot

Beide Besichtigungen dauern ca. 2 Stunden, wir entscheiden uns für die jüngere Geschichte und folgen der N 62 nach Rohrbach. Diesmal haben wir tatsächlich Glück, gleich soll außerplanmäßig eine Führung stattfinden. Die Linie Maginot, eine Verteidigungslinie, benannt nach dem Kriegsminister André Maginot, sollte, nach den Erfahrungen des ersten Weltkriegs, die Deutschen an einem Einmarsch nach Frankreich hindern. Geplant war eine Befestigungsanlage von Dünnkirchen bis nach Nizza, bestehend aus unterirdischen Festungen mit dazwischen liegenden Kasematten (Bunkern), die untereinander nur oberirdisch zu erreichen waren. Dass der Plan nicht aufging und die deutschen Kriegstreiber im zweiten Weltkrieg über Belgien Frankreich überrannten, hat nichts mit der Genialität des Vorhabens zu tun. Einige Stellungen, darunter auch „Fort Casso“, haben sich erst auf Befehl der Regierung den Deutschen ergeben. Die Besatzung der Festungen war in der Lage, ohne Kontakt zur Außenwelt, zwei Monate zu überleben und die Grenze zu verteidigen. Nach über zwei gelehrsamen Stunden, die jedoch eher die Unsinnigkeit von kriegerischen Auseinandersetzungen betonten, kommen wir bei Sonnenuntergang wieder ans Tageslicht.

Eine junge Frau überquert den Platz vor der Bunkeranlage Rohrbach Fort Casso
Rohrbach Fort Casso der Maginot-Linie, Eingang zu Block II, dem Besuchereingang

Die heutige Motorrad-Tour, die eigentlich durch den „krummen Elsass“ führen sollte, wird auf Grund der fortgeschrittenen Zeit drastisch gekürzt. Die D 36, 37 und ein schnuckliges kleines kurviges Gässchen mit Nummer 256 bringen uns zur Familie Bergmann in Wingen sur Moder und ihrer Motorradpension. Wir schieben die Motorräder in den Schuppen hinten im Garten, wo mehrere Guzzis in verschiedenen Zusammenbaustadien ihr Dasein fristen. Im Garten gibt es einen kleinen Pool, schade, dass es schon so spät im Jahr ist. Monsieur Bergmann, der eine Guzzi-Werkstatt betreibt, gibt uns am Abend etliche Tourenvorschläge. Unsere Tour ist aber schon vorbereitet und er staunt nicht schlecht, dass mein Roadbook die Highlights, die er uns nennt, fast alle aufführt.

Während wir am Morgen Kettenspannung, -schmierung und Ölstand kontrollieren, korrigiert Herr Bergmann bei Karens XLR die Kupplung. Sie kam immer erst spät und das steigerte Karens Unsicherheit. Heute ist Karen die Führende, hat das Roadbook auf dem Tankrucksack und fährt vor mir her. Das gehört zu dem Training, dass ich mit dieser Motorradtour auch beabsichtige. Sie soll lernen, mit Blick auf Landkarte und Roadbook, den Blick auf die Straße nicht zu verlieren. Heute ist außerdem Kurventraining angesagt. Wir bekommen einen kleinen Vorgeschmack auf der Strecke nach La Petite Pierre, wo wir kurz Burg Lützelstein einen Besuch abstatten.

La Petite Pierre

Ein hohes Schlösschen, das Château de Lützelstein in La Petite Pierre, die Weinranken haben grüne und rote Blätter
La Petite Pierre, Außenansicht von Château de Lützelstein, Sitz der Verwaltung des Parc Régional des Vosges du Nord

Ganz romantisch ist die Fahrt nach Graufthal. Sonnige Wälder, durch die Nebelschwaden wabbern, kleine Seen, die das Herbstaquarell der Wälder spiegeln, unterbrochen von tauglänzenden Wiesen begleiten uns auf der schmalen D 178. Die Besonderheit in Graufthal sind die, noch bis 1958 bewohnten, Höhlenhäuser – Grotten in den Buntsandsteinfelsen.

In den Fels gehauen sind einige Wohnhäuserr zu erkennen
Höhlenwohnungen in Graufthal

Aber wir wollen nicht schon wieder unter die Erde und machen uns auf den Weg zum Schiffshebewerk nach St. Louis-Arzwiller. Wir tangieren Saverne und folgen der D 138. Rechts von uns bewegt sich plötzlich eine Jacht auf der Wiese vorwärts, ein zweiter Blick entdeckt den Rhein-Marne-Kanal, der sich unbedarft durch die Landschaft schlängelt.

Schiffshebewerk St. Louis-Arzwiller

Im Schiffshebewerk überwindet der Kanal mit dem Schrägaufzug die Höhe von 44,55 m, Freizeitkapitäne sparen dabei 4 km Fahrt und 17 Schleusen! Wir beobachten dieses technische Schauspiel auch im Maschinenraum, wo zwei Elektromotoren mit 120 PS die große „Badewanne“ auf- und abwärts bewegen.

Im Schiffshebewerk in St. Louis-Arzweiler werden in großen Wannen die Schiffe mit einer Zahnradvorrichtung 44,5 m in die Höhe befördert
Schiffshebewerk in St. Louis-Arzweiler am Rhein-Marne-Kanal

Wir biegen von der D 98 auf die D 45 ab und nun geht’s richtig rauf! In schönen, weit geschwungenen Kurven folgen wir dem Schild nach Dabo. In einer Rechtskurve stockt mir beim Blick nach links der Atem, ich halte an. Was ist denn das für ein Ding? Durchs Zoom vom Fotoapparat erkenne ich, dass auf einem steilen Felsvorsprung eine Kirche steht, quasi als Zeigefinger Gottes! Ich krame im Fremdenführer. Da habe ich tatsächlich überlesen, das auf dem 664 m hohen Rocher de Dabo die Leokapelle steht, die an Pabst Leo erinnert, dessen Mutter aus Dabo stammte. Irre, wie unwirklich das Gebilde über dem immer noch dunstigen Tal thront! Karen kommt mir auf der Weiterfahrt entgegen, sie hatte erst in Dabo bemerkt, dass ich nicht mehr hinter ihr bin und sich Sorgen gemacht. Als ich ihr in einer Kurve den unbeschreiblichen Anblick zeige, kann sie es genauso wenig fassen wie ich. Trotzdem ist sie nicht zu einer Besichtigung zu bewegen, sondern will jetzt endlich Kurven fahren!! Ist ja gut, will ich ja eigentlich auch.

Eine Motorradfahrerin fährt über eine kurvenreiche Waldstrecke bergauf. Unter ihr liegt ein bewohntes Tal
Kurven fahren, brmmmm

In Serpentinen schrauben wir uns weiter hoch über den Col de Valsberg mit 652 m, wieder herunter und halten uns an der Kreuzung zur D 218 rechts. Ich beobachte, wie Karen die Kurven immer runder, souveräner nimmt, längst nicht mehr so eierig wie anfänglich, doch in den Linkskurven noch zu weit in der Mitte, problematisch bei Gegenverkehr. Wir genießen die Kehren gegen die tiefstehende Sonne noch bis zum Aussichtsparkplatz vom Château de Nideck. Dort beschließen wir die Rückfahrt durch Saverne, mit einem Caféstopp. Nun, mit der Sonne im Rücken, lassen sich die kurz aufeinanderfolgenden Serpentinen der D 218 besser nehmen. Gemächlich, mit schönem Blick auf das „Auge des Elsass“ – das Château du Haut-Barr, rollen wir in die Ebene. Ein Stau wegen eines Unfalls lässt uns über die Unbillen des Straßenverkehrs diskutieren.

Über kleine, verschwiegene „D´s“, durch tiefe Wälder und beschauliche Ortschaften kommen wir mit der Dämmerung zu unserem Quartier zurück. Ein Abendspaziergang führt uns zur Flammkuchenwirtschaft „Au Tilleul“. Diese Spezialität wird auf einem großen Brett serviert, ist hauchdünn und knusprig, dazu schmeckt das Elsässer Bier herrlich.

Zum Abschied ist heute morgen wieder Herbstnebel aufgezogen, doch die Sonne versucht ihr Bestes. Monsieur Bergmann zeigt uns noch Fotos von ihm auf Mopedtour mit seinem 17-jährigen Sohn, in Karens Augen kann ich lesen: Schade, dass der nicht hier war! Bei der Abfahrt ist es noch empfindlich kalt, die Sonnenstrahlen, die durch die Bäume auf die Straße scheinen, erzeugen Discoatmosphäre wie Strobolicht.

In den Strahlen derr Morgensonne fährt ein Motorrad auf einer schmalen, einsamen Landstraße
Die Sonnenstrahlen wirken wie Strobolichtund erschweren das Fahren – aber schön sieht es aus

Hanauer Ländchen

Wir freuen uns, die Wälder zu verlassen und über offenes Land in der wärmenden Sonne zu fahren. Zwar ist die Strecke nun nicht mehr so spannend aber wir machen ja eine Kultour. Letzter Stopp in Frankreich ist das Städtchen Bouxwiller im „Hanauer Ländchen“. Auch hier, wie übrigens überall im Elsass, sieht man die vielfältige Geschichte in den Gebäuden dokumentiert.

Ein sehr schmales Fachwerkhaus, das in sich sehr schief ist, jede Ebene hat eine andere Neigung, aber es ist bewohnt
Bouxwiller, krummes, bewohntes Fachwerkhaus

In einer Patisserie erstehen wir noch Mitbringsel für Karens kleine Schwester und ihre Tante, meine Schwester, die aufeinander aufpassen, während wir unterwegs sind. Über verschiedene größere „D´s“ erreichen wir nach insgesamt 578 km wieder unseren Ausgangspunkt Wissembourg. Karen, die mal wieder vorne fährt, biegt kurz hinter der Grenze auf die Autobahn ab, statt noch länger der Bundesstraße zu folgen. Ich halte ihr hinter ihr fahrend die LKW´s vom Leib, die relativ genervt unsere Bemühungen, die XLR-Schallgrenze von 80 km/h zu durchbrechen, beobachten. Plötzlich zappelt Karen vor mir auf dem Moped, aber erst zu Hause ergibt sich die Gelegenheit zu fragen, was für eine Bedeutung das hatte. Die 1000 km auf dem Tacho waren erreicht, ach so! Aber genau diese Fahrpraxis und unsere Gespräche über das gemeinsam Erlebte haben in den fünf Tagen Karens Fahrsicherheit enorm erhöht. Und ganz sicher ist: der Elsass hat uns nicht zum letzten Mal gesehen.

Eine junge Frau putzt eines von zwei Motorrädern, die in einer Einfahrt stehen
Nach der Rückkehr werden die Mopeds geputzt

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