Watzmann und Hochkalterer

Watzmann und Hochkalterer

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Am Elbrus war es mir wieder so ergangen, dass ich sehr langsam am Berg war. Ich wusste durch das viele Bergtraining, dass ich starke Muskeln hatte, die mich schnell bergauf und bergab tragen können. Meine Kondition war top – ich war superleistungsfähig. Aber immer am hohen Berg wurde ich langsam.

Um herauszufinden, ob ein körperliches Problem vorlag, beschloss ich am Wochenende nach der Elbrus Reise, also vom 24.-26.8.2001 nicht nur die Watzmannüberschreitung zu machen, sondern auch noch die Hochkalterüberschreitung.

An Material nahm ich Brust- und Hüftgurt, Klettersteigset, Helm und einige Karabiner, Express- und Bandschlingen und Prusikschnüre mit. Ansonsten Essen, einen Wasserbeutel mit Trinkschlauch, den Schlafsack und die Ridge-Rest-Isomatte, Erste-Hilfe-Beutel, Kamera und Ersatzfilm, Karte und Kompass, Stirnlampe, Vlies- und Goretexjacke. Außerdem noch die Wanderstöcke, Nickituch, Sonnencreme, Waschutensilien und Klopapier.

Ich hatte mir den Parkplatz „Kreisstraße“ in Ramsau, kurz vorm Parkplatz „Seeklaus“ als Zielort ausgesucht. Ich lief abends noch ein wenig den Weg in den Wald hoch, um sicher zu sein, dass ich dort hinauf musste, um Weg 482 zu erreichen. Dann aß ich was und machte es mir in meinem kleinen Kombi bequem. Die Fläche bei umgelegten Rücksitzen war genau so groß, dass ich ausgestreckt drin liegen konnte. Den Wecker am Höhenmesser stellte ich auf 4.15 Uhr.

Hochkalter

Als ich nach gutem, etwas unruhigem Schlaf wach wurde, war es noch stockfinster, also gönnte ich mir noch eine halbe Stunde dösen. Um 5.15 Uhr lief ich los. Die Stirnlampe konnte ich aber recht schnell ausmachen, denn die Dämmerung zog rasch auf. Ich fand schnell einen guten Rhythmus, in dem ich 500 Höhenmeter die Stunde schaffte. Als ich nach dem Anstieg nach der Schärtenalm auf dem Weg scharf nach Süd abbog, bot sich mir der erste grandiose, von der Sonne beschienene, Blick auf den Hochkalter.

Im Schatten liegt ein Weg, der bergauf führt. Im Hintergrund sind Berggipfel
Noch bewege ich mich im kühlen Schatten, bergauf zur Blaueishütte, der spitze Gipfel, zweiter von rechts, ist der Hochkaltergipfel

Unmittelbar danach kam eine Bank, auf der ich vorzüglich frühstückte. Die Blaueishütte passierte ich ohne Einkehr und folgte dem gerölligen Steig in die Wand. In der Karte ist die Linie ab dem Wandfuß als Klettersteig eingezeichnet. So hatte ich die komplette Ausrüstung dabei. Mit einigen Wanderern aus Vilsbiburg (vom örtlichen Musikverein) wechselte ich mich immer wieder in der Führung ab. Das Panorama zurückblickend war zu großartig. Oben am Grat machte ich eine ausgedehnte Rundschau-Pause, bevor ich den Vilsbiburgern folgte. Überall waren Kletterpassagen im I und II Grat, aber nirgends ein Seil zum Einhängen. Steinschlag war auch nie zu befürchten, denn der Fels war fest. Die Markierungen waren teils schlecht zu finden, aber man musste ja immer in der Nähe des Grates bleiben. Erstaunt war ich vor der ersten, steilen Wand, an der sich die Markierung kerzengerade nach oben zog. Wirklich nichts zum Sichern! Zwar auch keine schwierige Kletterei, aber angst- und schwindelfrei sollte man sein. Um keine Schwierigkeiten aufkommen zu lassen, sollte man auch bis in den III., IV Grad klettern können. Andere Wanderer, die ich überholte, halfen sich gegenseitig bei der Tritt- und Griffsuche, bei einem älteren Paar lief die Frau „am langen Seil“, das der Seilpartner immer wieder um Blöcke wand bei brenzligen Stellen.

Beim Gipfel des Kleinkalter kann man den schwindenden Blaueisgletscher sehen und hinüber zum Watzmannmassiv schauen.

In einem schattigen Berghang liegt der Rest des Blaueisgletschers
Der Blaueisgletscher nimmt immer mehr ab
Bergmassive, das vordere ist der Watzmann
Vom Hochkalter kann ich zum Watzmann hinüberschauen

Ab dem Kleinkaltergipfel überschaut man den Weg weiter zum Hauptgipfel recht gut. Es geht mal links, mal rechts um große Blöcke, auf- und manchmal auch wieder abwärts.

Eine Bergsteigerin steht auf dem Gipfelkreuz des Hochkalter
Noch bin ich nicht belehrt über den Unsinn auf Gipfelkreuze zu steigen. Aber der Hochkaltergipfel ist mehr als erreicht

Am Hochkaltergipfel machten wir eine, von den Bergdohlen gut besuchte, Essensrast. Es war wunderschönstes, heißes Sommersonnenwetter mit grandioser Aussicht, kaum diesig. Ach, wenn man doch all die Massive und Berge mit Namen kennen würde, die in so weiter Ferne zu sehen waren!

Wir stiegen durch das Ofental ab, der Name machte sich bei diesen heißen Witterungsbedingungen alle Ehre. Das Ofental ist hauptsächlich eine Geröllhalde, erst in der Vegetationszone ließ es sich angenehmer laufen.

Ein Schutttal liegt zwischen den Bergen
Das Ofental macht seinem Namen alle Ehre, es ist unglaublich heiß und die Steine strahlen die Sonnenhitze zurück

Kurz nach 14.00 Uhr waren wir am Hintersee. Um Schweiß und Staub abzuwaschen, gingen wir schwimmen. Schwimmen ist eigentlich zu viel gesagt, denn das Wasser hatte sicherlich nicht mehr als 10°. Kurzes Untertauchen mit heftigem Luftschnappen ist wohl die bessere Bezeichnung. Am Kiosk tranken wir noch was zusammen und gingen dann zu den Autos. Die Vilsbiburger machten sich auf den Heimweg, ich fuhr zum Parkplatz Wimbachtal und wartete auf meinen Südtiroler Bergkamerad Hans Gamper, der dort gegen 17.00 Uhr mit noch zwei Freundinnen aus München eintreffen wollte. Wir hatten die Watzmannüberschreitung schon im Juni ausgemacht. Toll dass es nun dieses Wochenende mit so schönem Wetter klappte. Ich döste etwas im Auto und sprach mit Leuten, die von der Watzmannüberschreitung zurückkamen. Es waren Leute Anfang 50, die um 5:30 Uhr am Watzmannhaus losgelaufen und um 14:30 am Parkplatz im Gasthaus waren, also nur 9 Stunden benötigten. Wenn ich es genauso schaffen könnte, dachte ich mir, wäre ich am Sonntag Abend zur normalen Schlafenszeit in meinem Bett. Helme und sonstige Kletterausrüstung habe ich bei den Wanderern nicht gesehen, obwohl eine Frau auf der Suche nach irgendwas den Rucksack komplett auspackte.

Watzmann

Da über den Watzmann der Klettersteig so wie beim Hochkalter eingezeichnet war, entschloss ich mich, nur Bandschlingen und Karabiner mitzunehmen, um mir provisorisch, falls es nötig würde, mit meinem Rucksack eine Sicherung zu bauen. Da wir nicht drauf hoffen konnten, bei solchem Kaiserwetter im eigentlichen Watzmannhaus noch Platz zu finden, nahm ich Schlafsack und Isomatte in den Rucksack. Den Helm, Gurt und das Eisenzeug ließ ich im Auto.

Um 17.30 Uhr kam Hans mit Maruja und Sabine und wir marschierten los zum Watzmannhaus. Hans ging es langsam an, denn die drei wollten sich erst warmlaufen. Ich trennte mich nach einiger Zeit von ihnen, denn ich war gut im Schritt vom Hochkalter und wollte am Ziel ankommen. Nach 3 Stunden war ich völlig erschöpft, genau bei Sonnenuntergang am Watzmannhaus. Ich hatte an diesem einen Tag über 3.300 Höhenmeter im Aufstieg und ca. 2.000 m im Abstieg geschafft. Ich war zufrieden. Meine „schlechte“ Leistung am Elbrus hatte also nichts mit körperlichen Problemen zu tun, sondern mit schlechter Akklimatisation. Oder damit, dass ich über 4.100 Höhenmetern einfach weniger leistungsfähig bin.

Aber ich sehnte mich nun nach einer Radlermaß. Die Hütte war völlig überfüllt. Wir rückten ganz eng mit anderen am Tisch zusammen und tranken und redeten. Später wurden wir zum Schlafen in ein Nebengebäude eingewiesen. Als ich im Schlafsack lag, schlief ich sofort ein, Hans und die Frauen tranken noch eine Flasche Südtiroler Rotwein und aßen noch Südtiroler Brot und Speck und Käse. Die drei hatten beim Wecken um 4.30 Uhr dann auch Kopfschmerzen, entsprechend langsam kamen wir los, es dämmerte bereits.

Die Dämmerung steigt in der Dunkelheit auf. Ein Bergmassiv im Hintergrund
Aufstehen und losgehen bevor es voll wird am Watzmann. Die Langzeitbelichtung verwackelt die Morgendämmerung allerdings

Viele waren unterwegs, doch die meisten standen spät auf und frühstückten in der Hütte. Ich merkte die Anstrengung des Vortages. Nein, heute lief es nicht so gut wie gestern. Wir frühstückten kurz unterhalb des Hockecks, der Gipfel war vor Menschen nicht zu sehen.

Drei Bergsteigerinnen frühstücken in Felsen sitzend
Nun lassen wir uns das Frühstück schmecken. Foto: Hans Gamper
Von der Höhe sieht man die Felsen, die Watzmannkinder genannt werden. Im Hintergrund Bergpanorama
Ich schaue hinab zu den Watzmannkindern und genieße die Aussicht ins Bergpanorama nach Westen
Der Blick schweift zum Massiv des Hochkalter
Da bin ich gestern drüber geflitzt. Der Hochkalter in gesamter Pracht und Länge

Am Hocheck kehren viele um, denn die Überschreitung ist hochalpin. Da ich mich nicht richtig erkundigt hatte, wusste ich das nicht! Ich bereute sofort, die Ausrüstung im Auto gelassen zu haben. Bei uns in der Sektion Weinheim vom DAV wird viel Ausbildungsarbeit in Sicherungstechnik gesteckt. Aber was nutzt die beste Sicherungstechnik und Ausbildung, wenn die Ausrüstung im Auto liegt? Mit schlechtem Gewissen gegenüber meinen Ausbildern, baute ich mir eine provisorische Sicherung. Zwei Bandschlingen befestigte ich am Hüftgurt des Rucksacks und legte sie mir von hinten zwischen den Beinen durch. Eine weitere zog ich unter den Rucksackträgern und deren aufgenähten Schlaufen durch. Meine Bandschlinge zog ich durch die „Beinschlaufen“, machte meinen Sackstich am Anseilpunkt und verband den „Brustgurt“ ebenfalls mit einem Sackstich. Die zwei anderen 120er Bandschlingen zog ich mit einem Ankerstich durch den Anseilpunkt und befestigte die Karabiner. So hatte ich zwar nicht viel Bewegungsfreiheit, aber auch keine Falltiefe falls ich abrutschen würde. Leichtsinnig! – schoss es mir durch den Kopf. Die meisten Leute gingen allerdings frei, ganz ohne Sicherung. Von den ca. 300 Menschen, die an diesem Tag unterwegs waren, traf ich nur ein Pärchen, dass mit kompletter Klettersteigausrüstung unterwegs war. Aber nur die Frau benutzte es, den Mann sah ich nie die Karabiner einhängen.

Direkt nach dem Hocheck ist eigentlich auch alles frei zu gehen, wenn man die Hochkaltermaßstäbe zu Grunde legt. Dort hatte es ja nix zum Einhängen gegeben. Der Fels ist durch die vielen Menschen, die über den Watzmann gehen, vielfach sehr speckig und rund abgelaufen. An manchen, einfachen Stellen gab es ein Drahtseil, an anderen, teils von mir als schwieriger empfundenen Kletterstellen, war keines. An ein paar pikanten Stellen nutze ich mein Provisorium. Diese Art von Tourengehen macht mir ungeheuer viel Spaß. Großartige Aussichten, leichtes Klettern und manchmal nur wandern. Ich verweilte mich oft und genoss die Aussicht, mal runter zum Königsee, mal wieder erfreute ich mich am Anblick des Hochkalter. Trotzdem kam ich schneller voran als die drei anderen und lief manchmal in einer Gruppe von Münchnern mit, mit denen ich Unterhaltungen anfing. Auf der Mittelspitze wartete ich auf meine drei eigenlichen Begleiter.

Drei Bergsteigerinnen sitzen vor dem Mittelgipfel des Watzmann
Der Watzmann Mittelgipfel

Von Bartholomä her dröhnten Böllerschüsse, auf dem Königsee sah man Schiffe fahren. Tja, das da unten hatte ich mir noch gar nicht angeschaut. Eigentlich hatte ich die Überschreitung über zwei Tagen machen wollen. Ab der Wimbachgrieshütte hätte ich nach „links“ abbiegen und mit dem Schiff ab Bartholomä nach Königsee fahren wollen. Da Hans und seine Freundinnen aber erst ab Samstag spätnachmittags konnten, wählten wir den Sonntag für die Watzmannüberschreitung mit dem rückweg über das Wimbachgries und ich machte die Hochkalterüberschreitung am Samstag.

Von der Mittelspitze aus hat man einen herrlichen Ausblick auf die Watzmannkinder und die Watzmannfrau. Die Ostwand, die zur Südspitze hinaufführt, kann man teilweise auch einsehen, ebenso den weiteren Verlauf bis zum Südgipfel.

Vom Mittelgipfel geht der Blick zu den Felsen der Watzmannkinder, im Tal ist die Wallfahrtskapelle Bartholomä zu erkennen
Die Watzmannkinder vom Mittelfgipfel aus. Im Tal ist die Wallfahrtskapelle Bartholomä zu erkennen
Vom Mittelgipfel des Watzmanns kann man den Weg zum Südgipfel über den Grat sehen
Der Weg zum Südgipfel geht es weiter ausgesetzt über den Watzmanngrat

Es waren Unmengen von Leuten unterwegs, wie ruhig war es doch gestern am Hochkalter! Nach einer Fotorast liefen die Münchner wieder gleichzeitig mit uns los. An manchen Stellen führte der Pfad offensichtlich in eine Richtung weiter, aber die Markierungen fehlten. So mussten wir öfter nach ein paar Schritten umdrehen, um der Markierung zu folgen, die irgendwo versteckt angebracht war und schräg nach oben über festen Fels weiterführte. Es ging immer wieder steil aufwärts, auf noch ein Gipfelchen und immer wieder genau so steil abwärts in eine Senke, ein Stückchen eben und dann wieder steil hinauf. Die Ausblicke und Einsichten, die Wandabstürze und der Blick ins Voralpenland und weit, weit, vielleicht bis ins Stubai und die Zillertaler – einfach irre.

Der Grad zum Südgipfel geht hinab und steil hinauf
Der Südgipfel kommt näher, am Kreuz sind schon Bergsteiger zu sehen

Hans, als Bergsteiger von Kindesbeinen an, hatte die Schwierigkeiten mit der Wegfindung nicht, so war der Abstand zwischen dieser Dreiergruppe und mir in der Münchner Gruppe nicht sehr groß. Nun sahen wir schon Leute in kurzer Entfernung auf der Südspitze sitzen.

Steil geht es durch die Felsen zum Südgipfel hinauf
Steil geht es durch die Felsen zum Südgipfel hinauf. Irgendwo da oben steigen wir fälschlicherweise nach rechts, statt der Markierung zu folgen

Der Weg zog sich rechts um einen steilen Fels herum und endete abrupt an einer steilen, ca. 10 m hohen Rinne und einem viele hundert Meter tiefen Abgrund. Tja, mal wieder umkehren, diskutierten wir. Aber auch, na, die Rinne ist gut zu klettern, da waren heute schon schwierigere Stellen.

Martin stieg als erster ein, er musste gleich ziemlich ausspreizen, dann ging es einfacher. Sofort stieg ich auch ein, denn die Kletterstelle erschien mir für mein Können leicht. Die etwas schwierigere Stelle hatte ich passiert und konnte an großen Griffen und Tritten sicher steigen, als Martin plötzlich „Achtung“ schrie. Instinktiv drückte ich mich an die Wand und senkte den Kopf. Ich spürte einen Schlag auf den Kopf und ein Wanderschuhpaar-Großer Stein rutsche nach vorn zwischen meinen Armen durch auf die Füße. Im gleichen Augenblick lief mir Blut auf mein rechtes Brillenglas. „Au, au, au,“ schrie ich und schaute nach oben. Es war nur noch eine Körperlänge bis zum Ausstieg, an dem Martin den Stein unabsichtlich losgetreten hatte und nun hilflos stand.

Von unten kamen erschrockene Rufe, Martin rief, ich solle abklettern. Aber dazu erschien mir die Einstiegsstelle zu schwierig, es gab nur den Weg hinauf. Ich blutete furchtbar. Mit wenigen Griffen und Tritten, unter Anweisungen von Martin, denn ich war ziemlich blind mit dem Blut auf den Brillengläsern, stieg ich schnell zu ihm. Wir packten mein Erste-Hilfe-Päckchen aus. Mist, den meisten Mull und die Binden hatte ich ja schon verbraucht und nicht ergänzt!!

Aber Hans und seine Freundinnen hatten den vernünftigen Weg außen herum gewählt und kamen uns von oben zu Hilfe. Wir waren nur mehr 10 m vom Gipfelkreuz entfernt. Hans half mir hinauf und übergab mich Maruja und Sabine. Sie sind beide Ärztinnen, also hatte ich Glück im Unglück. Wie groß die Platzwunde, bzw. ob es mehrere waren, versuchten wir gar nicht herauszufinden. Sie desinfizierten die Stelle am Hinterkopf großzügig und machten einen sehr guten Druckverband vom Hinterkopf zum Kinn.

Zwei Bergsteigerinnen legen einer Bergsteigerin einen Druckverband am Kopf an. Im Hintergrund das Gipfelkreuz des Watzmann-Südgipfels und weitere Bergsteiger
Die zwei Ärztinnen legen einen festen Kopf-Druckverband an – Glück im Unglück, dass sie da waren! Foto: Hans Gamper

Schmerzen hatte ich nur von der Wunde, aber keine Kopfschmerzen. Kreislaufprobleme hatte ich auch keine und schlecht wurde mir auch nicht, eher das Gegenteil. Ich hatte Riesenhunger und wollte eigentlich auf der Südspitze Mittagrast mit Essen und Trinken machen. Aber auf Grund des Druckverbandes bekam ich die Zähne nur ca. einen Zentimeter auseinander. So schob ich mir sprichwörtlich meine Bioladen-Amaranthriegel zwischen die Zähne und war froh um meinen Trinkschlauch, der auch zwischen die Lippen passte. Ich versuchte, erst mal nur die Umgebung zu genießen, denn diese Aussicht würde sich mir wahrscheinlich nicht mehr bieten.

Der Blick vom Berg geht hinab zur Wallfahrtskapelle Bartholomä
Hier irgendwo kommt der Weg durch die Ostwand heraus. Der Startpunkt ist hinter Bartholomä an der Felswand

Die umhersitzenden Bergsteiger waren alle sehr besorgt und ich wurde von vielen beobachtet, denn so ein Stein hätte ja eine Gehirnerschütterung mit allen Folgen verursachen können. Aber in mir gärte nur der Ärger über mein unvernünftiges Verhalten. Da wird man so gut ausgebildet und im Zweifelsfall verhält man sich aus Unvernunft doch anders. Einige Helme kamen nun aus den Rucksäcken zum Vorschein, die ob der Hitze beim Abstieg schnell wieder abgesetzt wurden.

Außer meinem Ärger machte mir auch die Sonne zu schaffen. Mein Sonnenhut und mein Nickituch waren voll Blut, als Sonnenschutz wand ich mein Trekkinghandtuch um den Kopf. Nach einer halben Stunde, als die anderen Beteiligten „sicher“ waren, dass ich wahrscheinlich fit sei, machten wir die Gipfelfotos und packten zusammen.

Drei Bergsteigerinnen und ein Bergsteiger stehen am Südgipfel des Watzmann. Eine Bergsteigerin hat einen Kopfverband
Gipfelglück am Südgipfel des Watzmann. Der Münchner Martin steht neben mir. Den Sonnenhut brauche ich wohl nicht mehr. Foto: Hans Gamper
Drei Bergsteigerinnen und ein Bergsteiger am Südgipfel des Watzmann. Eine Bergsteigerin hat einen Kopfverband
Der Gamper Hans und seine Münchner Bekannten mit mir am Südgipfel. Foto: Martin der Münchner Bergkamerad

Martin bestand darauf, beim Abstig meinen Rucksack zusätzlich zu seinem zu nehmen und blieb in meiner unmittelbaren Nähe. Er machte sich genauso große Vorwürfe, wie ich mir selbst. Vor dem Abstieg offerierte mir eine Frau Bachblütentropfen zur Vorbeugung von Kopfschmerzen, die ich auch nahm.

Ein Bergsteiger trägt zwei Rucksäcke über Geröll hinab
Martin trägt meinen Rucksack, ich soll meine Kraft fürs Absteigen verwenden

Der Abstieg ging ziemlich langsam, weil ungeheuer viele Leute unterwegs waren. Auch hier konnte man sich leicht versteigen, aber wir waren nun auf der Hut. Weiter unten, kurz vor dem großen Geröllhang, trat weiter oben noch mal ein Bergsteiger in der „offiziellen“ Rinne einen Stein los, der aber keinen Schaden anrichtete.

Durch Gröllfelder geht der steile Pfad durch das Watzmannkees hinab. Der Südgipfel überragt den Schutt
Durch Geröllfelder geht der steile Pfad durch das Watzmannkees hinab. Der Südgipfel überragt den Schutt

Am Hubschrauberlandeplatz im Schönfeld nahm ich Martin meinen Rucksack wieder ab. Ich fühlte mich fit, die Wunde pochte nicht mal, und ich trennte mich von Hans und seinen Begleiterinnen, die an verschiedenen Stellen noch verweilen wollten. Ich wollte nur schnellstmöglich ins Tal und ins Krankenhaus. Martin und ein Teil seiner Gruppe begleiteten mich weiterhin. Als wir unten im Tal ankamen, wo die einzigen aufrechtwachsenden Latschenkiefern der Welt wachsen – oder sind es Zirben?, waren wir von der Wildheit des Gebiets sehr beeindruckt. Welche Kraft das Wasser bei der Schneeschmelze entwickelt, um dieses Gelände wieder und wieder neu zu formen? Wir kehrten in der Wimbachgrieshütte auf eine Apfelschorle ein. Den Wirt fragte ich, ob er mich mit dem Auto bis zum Parkplatz fahren könnte. Aber er antwortete, die Straße sei nur für Privatfahrten zugelassen.

Tja, dann nicht. Martin und ich gingen die 10 km zum Parkplatz einen flotten Schritt und waren nach 1 ½ Stunden an meinem Auto.

Vom Tal des Wimbachgries kann man einen Teil des Watzmanngrates, der oben liegt, überblicken
Der Blick geht hinauf vom Wimbachgries zum Watzmanngrat
Ein schottriges Bergtal im Hintergrund Berggipfel
Die Sonne brennt unbarmherzig ins Wimbachgries

Martin fuhr mich zum Krankenhaus, in dem erfreulicherweise wenig los war und ich sofort dran kam. Seit dem Unfall waren exakt 6 Stunden vergangen. Leider machten sich der Arzt und die Krankenschwester nicht die Mühe, am ganzen Hinterkopf nach geplatzten Stellen zu suchen. Ich hatte zwei große Risse, die mit jeweils 6 Stichen genäht werden mussten. Wobei ein Riss einen 7. Stich am Ende, das nicht freirasiert und somit nicht gesehen wurde, durchaus vertragen hätte. Weiterhin hatte ich drei kleinere Risse, die mit 1-2 Stichen hätten genäht werden können. Dies stellte meine Tochter jedoch erst am nächsten Tag, bei eingehender Untersuchung fest.

Ich hatte den ganzen Abstieg allein bewältigt und fühlte mich auch weiterhin gut. Daher verzichtete ich aufs Röntgen und ich nahm auch keine Schmerzmittel. Ich musste auf dem Heimweg sowieso über München fahren und hatte mit Martin ausgemacht, dass er mich in meinem Auto bis München chauffieren sollte. Die örtliche Betäubung an den Kopfwunden würde irgendwann nachlassen und ich wusste nicht, wie ich das verkraften würde. Ab München hätte ich zumindest die Möglichkeit, einen schnellen Bahnanschluss nach Hause zu bekommen.

Durch den regen Wochenendheimkehrer Verkehr waren wir erst um 22.00 Uhr in München. Ich war zwar müde, aber die Schmerzen waren derart, dass es nicht zu weh tat, mich aber am Einschlafen hinderte. So fuhr ich, nach einem herzlichen Abschied von Martin, noch eine Stunde, bis ich eine Schlafpause auf einem Parkplatz einlegte. Von Schmerzen geweckt fuhr ich weiter und war um 2.30 Uhr endlich daheim.

Vermeidung von Bergunfällen

Meine Tochter Karen wusch mir am Morgen in zweierlei Hinsicht den Kopf. Für beide Arten war ich dankbar. Die Erste reinigte den Kopf und wusch die blutverkrusteten, abrasierten Strähnen weg. Die Andere lies mich deutlich merken, wie wenig egal ich meiner fast 18-jährigen Tochter war. Aber ich glaube, dass hätte ich auch mit einer weniger schmerzhaften Aktion herausbekommen können.

Mit vielen Stichen sind Platzwunden am Hinterkopf genäht
Der Arzt hat gute Arbeit geleistet, aber nicht alle kleinen Platzwunden genäht. Eine Schönheit werde ich mit rasiertem Kopf wohl nicht mehr sein

Ich bin mir sicher, dass einige Leser dieses Blogbeitrags den Kopf schütteln, weil ich so fahrlässig mein Leben riskiert habe – sie haben recht damit. Hätte ich mich nicht so instinktiv fest an die Wand gedrückt und einen guten Stand gehabt, wäre ich abgestürzt. Wäre der Stein größer oder seine Falltiefe weiter gewesen, hätte es mich unweigerlich aus der Wand geworfen. Der unten bei der Rinne wartende Rest der Gruppe meinte, dass ich viele hundert Meter den Berg hinunter gefallen wäre. Ich habe meinen Schutzengel strapaziert und danke ihm für seine Leistung.

Aber ist es nicht so, dass die meisten Unfälle aus der Nichtanwendung von vorhandenem Wissen resultieren? Ich hoffe, dass ich aus dieser Erfahrung lerne und wünsche mir, dass andere Leute den Watzmann nicht so schlecht ausgerüstet angehen. Denn fast wäre er mein Schicksalsberg geworden!

Jede und jeder sollte sich vor Bergtouren über mögliche Gefahren und den Streckenverlauf informieren. Das Wissen, das jede und jeder hat, sollte jede und jeder auch anwenden. Bequemlichkeit am Berg, statt überlegtem Handeln, kann nur schaden. Immer konzentriert, immer aufmerksam schützt vor Verletzungen und kann Leben retten.

(PS. Ich habe aus der Erfahrung gelernt und in den folgenden Jahren die Ausbildung zum Fachübungsleiter Bergsteigen beim DAV gemacht. Und mein Wissen zur Unfallvermeidung gebe ich vielfältig weiter!)

Hervorheben möchte ich aber noch mal die Bergkameradschaft von Martin. Er war nicht schuld! An nichts! Denn in einer nicht oder wenig begangenen Rinne können lose Steine durch die kleinste Bewegung ins Rutschen geraten. Wir hätten umkehren und auf dem offiziellen Weg gehen sollen. Und, wenn in einer Rinne vorgestiegen wird, dann muss man warten, bis die Rinne frei ist! Und sowieso einen Helm tragen, der schützt vor Steinschlag! Beides habe ich nicht beherrzigt, obwohl ich es wusste! Trotzdem er für den Unfall nichts konnte, hat Martin sich um mich gekümmert. Hat mir geholfen. Mir den Rucksack beim Abstieg getragen. Seine Gruppe verlassen und mich ins Krankenhaus und nach München begleitet. Ich empfinde sein Verhalten als vorbildlich. Herzlichen Dank!!!

Dank auch nochmals an Maruja und Sabine für die kompetente Erste-Hilfe. Ohne den tollen Druckverband wäre der Blutverlust sicherlich größer und der Abstieg gefährdet gewesen.

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Elbrus – Abenteuer im Kaukasus

Elbrus – Abenteuer im Kaukasus

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Noch ein hoher Berg und sogar einer der Seven Summits. Als mein Bergkamerad Klaus mir die Frage stellte, ob ich ihn zum Elbrus im Kaukasus begleite, sagte ich spontan zu. Trotz der Erfahrung am Marmolejo oder gerade deshalb? Gespannt war ich, ob ich die Anstrengung diesmal besser meistern könnte.

„So ein wahnsinniger Sonnenaufgang.“ Mit diesen Worten drehe ich mich zu den anderen um. Alle stapfen unverdrossen weiter, mit Blick vor die eigenen Füße.

Ich trete aus der Reihe und hole meine Kamera raus. Damit die Batterie funktionstüchtig bleibt, trage ich sie unter der Daunenjacke. Ich habe sie in einem Gefrierbeutel verstaut, dass mein Körperdampf der Kamera nicht schadet oder die Diafilme beschädigt.
Gerade als die Sonne hinter der Flanke des Elbrus hervorlugt, drücke ich auf den Auslöser.

Jeden Morgen dasselbe Schauspiel der aufgehenden Sonne. Und immer wieder anders spektakulär. Ein solcher Genuss. Und an wie vielen Stellen ich schon einen Sonnenaufgang betrachtet habe. Viele dieser Gedanken gehen mir durch den Kopf. Aber vor allem einer: ‚Ich mache mir hier beim Gipfelanstieg keine Hektik. Ich möchte die Aussicht, das Steigen, die Anstrengung, meinen Körper genießen. Oh Gott, ist das schön!‘

Links an der Bergkante geht die Sonne auf. Die Gletscher- und Berglandschaft liegt noch im Schatten
Die Sonne kommt über die Bergkante – beeindruckend schön

Der Elbrus ist einer der Seven Summits

Der Elbrus ist Europas höchster Gipfel, wenn man der Definition folgt, wonach der Hauptkamm des Großen Kaukasus, der von Ost nach West verläuft, die innereurasische Grenze zwischen Europa und Asien bildet. Der Elbrus liegt etwas nördlich dieses Hauptkamms und somit in Europa. Für die meisten Bergsteiger gilt diese Definition und der Elbrus gehört somit zu den Seven Summit, den jeweils höchsten Gipfeln der sieben Kontinente der Erde.

Bergsteigerische Schwierigkeiten am Elbrus

Technisch ist der Elbrus mit 5.642 m Höhe ein leichter Berg. Mit Steigeisen gehen zu können ist die einzige Bergsteigertechnik, die er verlangt. Denn 22 Gletscher bedecken um die 145 km² Fläche mit Eis. Und diese sind oftmals, so wie heute, mit Neuschnee bedeckt.

Elbrus Gletscherlandschaft

Seine Lage zum Schwarzen Meer macht den Berg so schwierig. Es liegt nur 140 km westlich des Elbrus. Allerdings liegt das Kaspische Meer auch nur 385 km östlich. Beide Meere bauen mit der Sonneneinstrahlung viel „Wetter“, also Wolken auf. Je nach Windrichtung müssen diese Wolken von Westen oder Osten über diesen exponiert stehenden Elbrusgipfel hinüber und regnen, besser gesagt schneien, sich ab. Die Wetterbedingungen sind jeden Tag anders, immer unberechenbar. Die Temperaturen steigen oder fallen innerhalb von Stunden um 50 bis 70 Grad, von minus 40° auf plus 30° und umgekehrt. Wer beim Auf- oder Abstieg in einen dieser Schneestürme oder einen Temperatursturz gerät, kommt in Gefahr, das Basislager nicht mehr zu erreichen.

In Neuschnee steht eine Bretterhütte in Felsen. Im Hintergrund der Ostgipfel des Elbrus
So mit Schnee verzuckert hat selbst ein Bretterverschlag was Anheimelndes. Der Ostgipfel ist noch von Wolken umhüllt

Nie wieder hoher Gipfel

Ich hatte mir beim Gipfelaufstieg zum Marmolejo, 6.108 m, am 9. Dezember 2000 geschworen, nie wieder auf einen hohen Berg zu steigen. Der innere Kampf ums Weitergehen, die Last des Atemholens, die Anstrengung, es war mir einfach zu viel. Als mich mein Bergkamerad Klaus im Frühjahr 2001 fragte, ob ich mit ihm zum Elbrus mitkommen wollte, waren alle Schwüre sofort vergessen. Gleich hat mich wieder der Höhenrausch gepackt! Klaus unternimmt seine Bergsteigertouren immer mit dem Wiener Bergreiseveranstalter „Verkehrsbüro“. Da ich mitwollte, buchte ich meine erste und einzigen Pauschalreise. (Achtung unbezahlte Werbung: www.verkehrsbuero.com).

Klaus und ich flogen am 9. August 2001 von Frankfurt nach Wien und stießen dort zum Rest der zehnköpfigen Gruppe. Über Moskau, mit einer Hotelübernachtung in der Nähe des Roten Platzes, ging es am 10. August mit einer kleinen Maschine der Linie „KMV“ weiter nach Mineralnyje Wody, dem nächsten Flughafen zum Elbrus.

Akklimatisation

Nikolaj Kadoschnikow und Tatjana Wassiljenko, unsere Bergführer, empfingen uns mit einem längeren Kleinbus, in dem Gepäck, Lebensmittel für den Elbrus, zehn Teilnehmer und auf der Fahrerbank zwei Bergführer und ein Fahrer Platz fanden.

Die Fahrt durch die Städte und Dörfer des südlichen Russlands lassen mich in eine neue Welt eintauchen, in eine andere Mentalität. Plattenbauten und monumentale Bauten in den Städten, Pferdefuhrwerke mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen, kleine Gehöfte in einsamer Landschaft oder Verkaufsstände mit Produkten aus dem eigenen Garten an staubigen Dorfstraßen wechseln sich auf dem Weg nach Itkol im Baksantal ab.

Im Vordergrund eine Pontonbrücke, dahinter Hochhäuser vor schroffer Bergkulisse
Wir rumpeln über eine Pontonbrücke. Die Plattenbauten stehen vor schöner Bergkulisse
Ein Pferdefuhrwerk mit Heu beladen
Aus dem Bus fotografiere ich ein mit Heu beladenes Pferdefuhrwerk

Unser auf 1.970 m gelegenes Hotel ist ideal für Akklimatisierungstouren. Der Körper muss langsam an eine Höhe über 3.000 m gewöhnt werden. Der Sauerstoffpartialdruck sinkt mit zunehmender Höhe, das macht dem menschlichen Körper Schwierigkeiten. Ein schneller Aufstieg – zum Beispiel mit einer Seilbahn – wirkt sich nicht nur negativ auf die Hirnfunktion aus, sondern beeinträchtigt Atmung, Kreislauf, Sehvermögen und Bewegung. Langsames Steigen, hoch Steigen und zum Schlafen wieder etwas hinuntergehen, ist die richtige Taktik, um den Körper einzugewöhnen (Steige hoch, schlafe tief). Da alle Teilnehmer auf circa 200 m Seehöhe wohnen, ist ein Hotel bei knapp 2.000 m ein wunderbarer Ort zum Akklimatisieren.

Die Bloggerin steht auf Felsen. Unter ihr ist ein Hotelgebäude im Hintergrund Wald
Unser Hotel im Baksantal

Ich hatte die 10 Tage vor der Reise zum Elbrus mit meiner jüngsten Tochter Lotti im Tauferer Ahrntal verbracht und bereits zwei über 3.000 m Gipfel bestiegen. Diese Akklimatisationstouren hatte sich mein Körper bereits gemerkt.

Baksan Tal

Der Tscheget (Cheget) ist unser erstes Ziel und hier haben wir auch den ersten guten Blick auf den Elbrus, den Berg unserer Begierde. Mich beeindrucken die Gletscher, die wie zu dick aufgetragener Zuckerguss den Berg bedecken, mächtige Hängegletscher kleben an den Flanken. Mit leichtem Gepäck, eher einer Sommerwanderung gleich, laufen wir bergauf zum Gipfel des Cupola. Lange bleiben wir auf 3.800 m sitzen, mit guter Aussicht auf scheinbar unberührte Natur – der Körper macht seine Akklimatisationsarbeit ganz alleine.

Die Bloggerin Anne-Bärbel steht auf einer Wiese im Bergwald, im Hintergrund steht das Massiv des Elbrus
Ich stehe in einer Blumenwiese und genieße den ersten Anblick des Elbrus. Foto: Klaus Friedrich

Weiter oben, kurz vor dem Tscheget Gipfel ist der Aussicht auf den Elbrus spektakulär. Dicke Glescher schieben sich wie Zuckerguss auf einem Gugelhupf zu Tal.

Ein Doppelgipfel, sanft gerundet, erhebt sich aus einer Gletscherlandschaft gegen dunkelblauen Himmel. Die Felshänge unter den Gletschern sind steil, von Furchen durchzogen und mit nur wenig Bewuchs
Der Elbrus – Doppelgipfel mit einer beeindruckenden Gletschervielfalt

Während des Schlafs in der Nacht, verarbeitet der Körper dieses „in der Höhe gewesen sein“. Er erzeugt vermehrt rote Blutkörperchen, die dem Körper in der Höhe helfen, besser mit dem niedrigeren Luftdruck und dem wenigen Sauerstoff in der Luft zurecht zu kommen.

Adyl-Su-Tal

Nun wollen unsere Bergführer noch sehen, wie wir mit den Steigeisen zurechtkommen. Zu einer geführten Bergtour kann sich jede und jeder anmelden. Es gibt immer wieder Menschen, die sich völlig überschätzen, die Ausschreibung nicht lesen oder anders interpretieren. Wer aber keine Techniken beherrscht oder zu wenig Kondition hat, kann unterwegs eine ganze Gruppe in Gefahr bringen. Um dem Vorzubeugen, werden die Teilnehmer, bevor es auf die eigentliche Tour geht, auf ihre „Tauglichkeit“ getestet.
Unser Fahrer bringt uns über steile Passstraßen ins Adyl-Su-Tal. Die vielen Panzerabwehrstellungen und militärischen Geräte zeigen mir, dass Georgien nicht weit ist und die Gegend alles andere als friedlich.

Eine Geschützstellung steht bei der Anfahrt ins Adyl-Su-Tal auf einer Kurve oberhalb eines Taleinschnitts
Eine Geschützstellung steht bei der Anfahrt ins Adyl-Su-Tal auf einer Kurve oberhalb eines Taleinschnitts

Wieder mit kleinem Gepäck, trotz großer Rucksäcke, marschierten wir an einem reißenden Bergbach entlang in Richtung des Gumatschi-Gletschers. Die Brücken sind sicherlich nicht TÜV geprüft, erfüllen aber ihre Aufgabe, trockenen Fußes den Bach zu überqueren.

Querung einer Brücke beim Anmarsch zum Gumatschi-Gletscher. Auf großen Felsbrocken liegen verwitterte, kaputte Holzbrückenreste. Die Autorin q
Querung einer Brücke beim Anmarsch zum Gumatschi-Gletscher. Foto: Klaus Friedrichs

Stetig geht es bergauf und nach einigen Kurven erblicken wir erstmals den „Übungs“-Gletscher. Ein beeindruckender Anblick, auch wegen des Gipfels, der rechts davon aufragt.

Ein mächtiger dreieckiger Berg ist von Gletschern durchzogen
Dieser Berg wäre eine bergsteigerische Herausforderung

Lange laufen wir ins Tal hinein, kletterten die Gletschermoränen hoch, bevor wir die Steigeisen anlegen können und die Pickel in die Hand nehmen. Jede und jeder läuft im eigenem Tempo, eine Seilschaft wird nicht gebildet. Die Bergführer beobachten uns, unser Können und unsere Kondition, denn am Elbrus sollen alle mithalten können.

Bergsteiger sind mit Steigeisen auf einem Gletscher im Aufstieg
Wir laufen zur weiteren Akklimatisation den Gletscher hinauf. Die Bergführer wollen wohl auch das Können und die Kondition abschätzen

Diese eisgepanzerte Gletscherwelt begeistert mich. Der Gumatschi ist ein beeindruckentder Berg.

Recht in wie ein Dreieck geformtes Bergmassiv, ein gewaltiger Gletscher links davon
Der Gumatschigipfel fasziniert mich wegen der Form. Ein mächtiger Gletscher liegt in der Scharte

Bei einer Höhe von 3.800 m drehen wir um. Ich nutze meine Chile-Erfahrung vom Marmolejo und mache den Abstieg größtenteils mit dem Hintern und der Pickelbremse. Meine Überhose hat eine Verstärkung aus Kevelar, die lange dichthält und sich nicht abnutzt. Wieder am Kleinbus angekommen, genießen einige Teilnehmer ein Schaschlik, während ich mich mit Kartoffeln zufrieden gebe. Zumindest bekomme ich die Übersetzung, dass der Wodka, zu dem ich von einem Einheimischen eingeladen werde, ein Kartoffelbrand sei.

Die Bloggerin steht mit einem Mann, der ihr Wodka in einen Becher einschenkt im Arm da. Im Hintergrund ist eine Hütte, vor Wald und Berglandschaft
Statt Essen lieber einen Wodka? Nette Einladungen lehne ich nicht ab!

Fröhlich und beschwingt fahren wir zurück ins Hotel, ich machte einen Abendspaziergang den blühenden Hang hinauf. Klaus hatte mir vom Pflanzen-Gigantismus im Kaukasus erzählt. Durch die Wetterbedingungen und den vielen Niederschlag gedeihen die uns bekannten Alpenpflanzen wesentlich besser und werden sehr viel höher und größer als in den Alpen.

Blauer Enzian, Klee und Arnika stehen auf einer Wiese
Die Pflanzen sind größer als in den Alpen. Blauer Enzian, Klee und Arnika stehen auf einer Wiese

Basislager am Elbrus

Unsere Elbrus-Besteigung starten wir mit der Seilbahn. Sie bringt uns in die Nähe der Prijut-11-Hütte. Die ursprüngliche Hütte wurde 1909 von elf Alpinisten errichtet. Prijut heißt übersetzt Zuflucht – also: Zuflucht der Elf. 1929 wurde die Hütte zuerst erweitert, in den 1930er Jahren als höchstgelegenes Hotel Russlands umgebaut und 1940 eingeweiht. Vermutlich unabsichtlich durch einen Touristen verursacht, brannte das Hotel am 16. August 1998 ab.

Aus Felsgestein ragt die Ruine der Prijus-11-Hütte hervor. Der runde Anbau ist mit Fensteröffnungen versehen
Ein trauriger Anblick: Die Ruine der Prijus-11-Hütte

Seither stehen oberhalb der Ruine, auf circa 3.800 m, große tonnenähnliche Gebilde, in denen immer Platz für vier Personen ist.

Bergsteiger mit Gepäck halten sich vor runden, tonnenähnlichen Bauten auf, die als Übernachtungsmöglichkeiten am Elbrus genutzt werden. Die Tonnen haben an der Stirnseite jeweils eine Tür und ein kleines viergeteiltes Fenster
Die Übernachtungstonnen am Elbrus muss man vorbuchen

Da wir mit unseren Wanderungen bereits zwei Tage auf 3.800 m waren, steigen wir weiter auf. Unsere Hütte, in der wir alle zusammen übernachten sollen, liegt auf 4.100 m. So steigen wir in der vergletscherten Welt weiter hinauf. Bergsteigern aus vielen Nationen wimmeln herum. Wir passieren mehrere Zeltlager, denn der Elbrus ist ein begehrter Gipfel. Abwechselnd tragen wir außer unseren Rucksäcken auch unsere Lebensmittel, die wir für die geplanten drei Tage am Elbrus benötigen werden. Nikolaj und Nadine betreuen uns nicht nur am Berg, sondern werden uns auch kulinarisch verwöhnen.
Als wir aus dem größten Gewimmel heraus sind, sehen wir einen windschiefen Holzschuppen auf einer Geröllrippe stehen. Das ist unser Quartier, unser Basislager.

Im Hintergrund der West- und Ostgipfel des Elbrus. Im Vordergrund stehen Bergsteiger vor einem Bretterverschlag, der als Basisquartier dient. Er steht auf Felsgestein, an exponierter Stelle
Unser Basisquartier am Elbrus – eine windschiefe Hütte – die Gipfel des Elbrus thronen darüber

Hinein können wir leider noch nicht, denn die Gruppe, die es noch bewohnt, ist heute erst zum Gipfel unterwegs und noch nicht zurück. Die nächste Nacht werden wir zusammenrücken müssen.
Stattdessen heißt es weiter akklimatisieren. Wir wandern weiter den Berg hinauf und sollen uns auf 4.400 m verweilen und erst in sechs Stunden wieder zurück sein. So laufen wir in Kleingruppen los, dem Strom der Gipfelbesteiger entgegen, die bereits auf dem Weg vom Gipfel hinunter ins Lager sind.

Eine Truppe läuft im Laufschritt bergab und schleift bei diesem halsbrecherischem Tempo einen Sack hinter sich her, in dem ein Mensch liegt. Ein paar Sätze auf Russisch fliegen zwischen Tatjana und einem Begleiter der Gruppe hin und her. Der Mann im „Sack“ ist höhenkrank geworden, kann selbst nicht mehr gehen und muss schnellstmöglich hinunter. Später erfahren wir, dass in einem der Zeltlager ein Arzt, ein Höhenmediziner, dem Mann helfen konnte. Er solle sechs Wochen zuvor auf dem Manaslu, einem 8.163 m hohen Gipfel in Nepal gewesen sein.
Mir führt das vor Augen, wie unberechenbar die Höhe ist und dass man selbst mit guter Akklimatisation nicht vor der Höhenkrankheit gefeit ist, wenn der Körper nicht will. Jahre später, am Kilimanjaro, erkannte ich bei einer Teilnehmerin die Anfänge von Höhenkrankheit früh genug. Fast selbständig konnte sie aus der Höhe hinabsteigen.

Immer wenn ich Bilder von Gletschern sehe oder auf Gletschern stehe, fällt mir die Ähnlichkeit von Gletscherstrukturen mit der Haut von Elefanten auf. Kann sein, dass ich spinne, aber je nach Lichteinfall erscheint der Gletscher wie mit einer runzeligen Haut versehen. Ich könnte Stunden mit dem Betrachten verbringen und dazu haben wir bei der Akklimatisation ja Zeit.

Ein Gletscher zieht sich auf dem Bild entlang bis in den Hintergrund, in dem spitze Berggipfel stehen. Die Struktur des Gletschers ist ähnlich runzelig, wie die Haut von Elefanten
Gletscherstrukturen erinnern mich an Falten, Runzeln und Senken einer Elefantenhaut – oder spinne ich?

Am Nachmittag können wir in die Hütte, die ein Grundmaß von vier auf vier Metern hat. Durch grob genagelte Bretter sieht man auf die darunterliegenden Felsen. Auch die Wände lassen jeden Windhauch durch. Der Aufenthaltsbereich nimmt die Hälfte der Hütte auf der Vorderseite ein, die Rückseite besteht aus zwei doppelstöckigen Kammern, in der jeweils drei Menschen auf Matratzen Platz haben sollen. Allerdings müssen wir uns mit 20 Menschen zurechtfinden, denn die andere Gruppe würde erst am nächsten Morgen absteigen. Nun sollen vier Personen in einer Kammer schlafen (also 50 cm Platz pro Person), die restlichen würden auf dem Boden nächtigen. Ich meldete mich gleich für den Boden, denn meine Isomatte und mein Schlafsack hatten mich am Marmolejo, wo ich auf dem Gletscher im Zelt schlief, nie im Stich gelassen. Den Rest des Nachmittags verbringe ich auf der Terrasse oder in der Umgebung, lasse die Seele baumeln und schaue diese umwerfend wilde, eisige und felsige Landschaft an.

Bald war es zu kalt, um draußen nur herumzusitzen. Wolken ziehen auf und Tatjana sucht Freiwillige, die Schnee zum Schmelzen für das Essen und für Tee holen. Damit kenne ich mich aus, denn am Marmolejo kamen wir auch nur so zu Trinkwasser. Allerdings war es dort leichter, sauberen Schnee zu finden, denn außer unserer Vierergruppe war kein anderer Mensch in der Nähe. Ich schwärme mit Klaus und Thomas aus, von unserer Felsrippe nach Westen. „Don’t eat yellow snow“ lautet ein Spruch dazu, über den wir wieder laut lachen. Kurz darauf gibt es jede Menge heißen Tee. Der wirkt wirklich Wunder, es wird schnell warm von innen, aber der hier immer kreisende Wodka wirkt ebenso.

Ein Mann und eine Frau bereiten an einem Holztisch in einer Bretterhütte Essen zu
Tatjana und Nikolaj bereiten unser Abendessen zu

Schon bald nach dem Abendessen ist Ruhe in der Hütte. Im Schlafsack ist es am Wärmsten und für die Akklimatisation ist Schlaf nötig. Mein Schlafsack ist meine Höhle, mein Nest, mein Zuhause, egal, wo ich auf der Welt bin, ich fühle mich immer angekommen, wenn ich darin schlafe.

„Bergbadezimmer“

Die Katzenwäsche findet bei solchen Touren draußen statt, wenn es Wasser gibt. Wasser gibt es und ich lasse mir meinen Topf, den ich als Essnapf nutze, mit heißem Wasser füllen. Draußen suche ich mir „dreimal um die Ecke“ auf der Geröllhalde ein einsames Plätzchen, und mache eine Notwaschung mit meinem Waschlappen. Die harten Männer stehen am Wasserlauf, haben mit dem Eispickel ein Loch geschlagen und benetzen sich mit den eisigen Tropfen.

Zwischen Felsen im Schnee versuchen Bergsteiger Wasser zum Waschen zu finden
Die Männer sind beinhart und waschen sich mit dem Eiswasser der Pfützen

Das Wetter ist wolkenverhangen, lausig kalt und stürmisch. Das erste Abenteuer des Tages ist der Toilettengang. Unterhalb der Hütte steht ein notdürftig gezimmerter Verschlag mit einem Loch im Boden. Das Geschäft wird im Hocken verrichtet und das Ergebnis landet unterhalb des Verschlags auf den Felsen. Ich lasse mein benutztes Papier ebenfalls durch das Loch fallen, innerhalb Sekunden ist es wieder hereingeweht vom Sturm und fliegt mir um die Ohren. Ich fange es ein, und versuche es zum zweiten Mal, jetzt klappt es. Als ich die Toilette verlasse und mich umschaue, bemerke ich erstmals, dass sich das benutztes Papier über dem ganzen Gelände verbreitet hat. Wie doof. Ich mache in der Hütte den Vorschlag, dass ich eine Plastiktüte in den Verschlag hänge für das Papier und ich diese am letzten Tag mit ins Tal in einen Mülleimer nehme.

Am Felsrand steht vor dem Gletscher ein Verschlag, der als Toilette dient. Er ist mit Seilen gesichert, dass der Sturm ihn nicht wegbläst
Das Toilettenhäuschen bot nur Sichtschutz

Pastuchov-Felsen

Heute sollen wir uns zum letzten Mal akklimatisieren und zu den Pastuchov-Felsen auf 4.700 m aufsteigen und uns dort wieder verweilen. (Steige hoch – schlafe tief). Weit über uns können wir die Karawane der Gipfelstürmer sehen, die sich wie Ameisen auf ihrer Straße den verschneiten Hang über den Sattel bewegen. Zum Verweilen ist es bei den Felsen viel zu kalt, so gehe ich auf Höhe der Felsen hin und her, bemüht, nicht auf die Gletscher links und rechts der Aufstiegsspur zu kommen, um nicht in eine Spalte zu stürzen. Nachmittags kommt die Sonne hervor und wir genießen die Wärme uns auf unserer Aussichtsterrasse. Die andere Gruppe ist abgereist, und wir haben nun die Hütte für uns allein. Ich beziehe mit zwei Männern den oberen rechten Verschlag, bekomme den Platz in der Mitte. Somit weht zumindest von unten kein Wind mehr hoch.

Schneesturm

Um zwei Uhr werden wir geweckt, Gipfeltag.

Aber noch bevor wir richtig munter sind, hören wir den Sturm an den Brettern der Hütte zerren. Im Licht von Nikolajs Stirnlampe leuchtet der schneebedeckte Hüttenboden. Auch unsere Rucksäcke, die an den Innenwänden der Hütten stehen, sind dick verschneit. „Jetzt loszugehen ist zu gefährlich“, sagt Nikolaj. Diese Meinung teile ich sofort und lasse mich zurücksinken. Oh, wie angenehm ist ein warmer Schlafsack!

Am Vormittag hat das Schneetreiben nachgelassen. Nikolaj war bereits unterwegs und hat herausgefunden, dass morgen ein wettermäßig besserer Tag sein soll. So werden wir morgen den Elbrusgipfel besteigen, teilt er uns mit. Da wir aber somit einen Tag länger bleiben, würde das Essen nun rationiert. Er legt jedem nur zwei Scheiben Brot auf den Teller. Der größte Anteil der Gruppe sind Österreicher, die nun zu murren anfangen. Es wird in den Rucksäcken gekramt und Speck, Käse, Schüttelbrot, gutes Roggenbauernbrot und Würste landen auf dem gemeinsamen Tisch. Tatjana und Nikolaj fangen an zu grinsen, und wir Deutschen holen ebenfalls unser Notfutter hervor. So schmausen wir reichlich und erfahren, dass wir den Tag zur freien Verfügung haben. Wir sollen uns nach eigenem Gutdünken akklimatisieren, aber mitteilen, wohin wir gehen wollen. Klaus und ich marschieren nochmal zu den Pastuchov-Felsen. Oben angekommen machen wir mit den Steigeisen Experimente. Bei welcher Steilheit kann man noch gut auf dem ganzen Fuß stehen, wann muss man auf die Zehenspitzen oder Außenzacken wechseln. Andere aus der Gruppe kommen dazu und wir haben viel Spaß beim Üben.

Eine Bergsteigerin mit Steigeisen und Trekkingstöcken steht in eisiger, mit Steinen übersäter, Gletscherlandschaft. Hinter ihr die Gipfel anderer Bergketten
Steige hoch – Schlafe tief – so hilft man dem Körper bei der Akklimatisation. Foto: Klaus Friedrichs

Beim Abendessen erzählen drei unserer Teilnehmer beiläufig, dass sie heute auf eigene Faust den Ostgipfels (5.621m) bestiegen haben! Nikolaj und Tatjana fallen aus allen Wolken, auch der Rest der Gruppe weiß nicht, ob wir die drei bewundern sollen oder eher ausschimpfen. Nikolaj erklärt ihnen das Unverantwortliche ihres Tuns. Er und Tatjana als Bergführer sind nach dem Gesetz für die Gruppe verantwortlich. Sie hätten, wenn den dreien unterwegs etwas zugestoßen wäre, nicht mal die Möglichkeit gehabt, zu reagieren, weil sie an der Stelle gesucht hätten, wohin sie sich abgemeldet haben. Außerdem würden sie dann uns andere „um den Gipfel“ gebracht haben, denn nach einer Suchaktion würde keinem mehr der Sinn nach dem Gipfel stehen. Es herrscht eine angespannte Stimmung in der Gruppe. Wolfgang, einer der Gipfelstürmer, ein ruhiger Typ, Mitte 50, drahtig, sehr bergerfahren, ergreift das Wort. In ruhigen Sätzen beschreibt er, dass sie schnell an den Pastuchov-Felsen waren. Dort bewegte sich die Karawane, in der die sich befanden, weiter und sie bekamen mit, dass viele Bergführer erst nach dem Schneesturm mit ihren Gruppen zum Gipfel gestartet waren. So sind sie einfach mit den Gruppen weiter gegangen. Sie seien eine eingeschworene Dreiergruppe und hätten schon mannigfaltig Berge bestiegen. Sie hätten aufeinander aufgepasst, weil sie sich eben kennen und auch einschätzen können. Sie hätten gewusst, dass es für sie gut machbar sein würde. Und, es waren viele Leute unterwegs, sie waren nie allein. Aber er sehe ein, dass Nikolaj und Tatjana hätten informiert werden müssen. Dann zog er einen Obstler aus seiner Rucksacktasche, entschuldigte sich bei uns allen und wir stießen, in gelöster Stimmung, auf den Gipfelerfolg der drei an.

Gipfeltag am 16. August 2001

Nun waren wir unterwegs. Der Himmel ist klar, der Mond scheint, und wir benötigen keine Stirnlampe. Der Schnee reflektiert das Mondlicht, das reicht zum Aufsteigen. Es ist recht still, man hört nur den Atem der anderen, mal ein Räuspern und das knarrende Geräusch der Steigeisen, die in den harten Firn greifen. Nikolaj gibt vorne ein langsames Tempo vor, der Kreislauf muss langsam auf Touren kommen. Ich merke, dass ich leichter laufe als die letzten zwei Tage. Ich fühle mich kräftiger, stärker. So geht es über eine Stunde dahin. Dann merke ich, wie sich das Licht ändert, blauer wird. Nach Osten bekommen die Umrisse einen weichen Glanz ins gelborangene. Die Luft fühlt sich anders an, weicher. Dann trete ich aus der Reihe, denn ich weiß, dass ich hier nie mehr in meinem Leben hinkommen werde. Den Sonnenaufgang möchte ich genießen. Beim Sonnenaufgang meinem Gott danken, dass er mir die Kraft und die finanziellen Mittel gibt, so eine Reise zu machen, solch einen Berg zu besteigen. Ich verharre in kurzer Andacht und krame dann meinen Foto unter der Daunenjacke hervor.

Langsam drehe ich mich um die eigene Achse um die Veränderung des Lichts wahrzunehmen, den der Sonnenaufgang bewirkt. Klaus steht etwas oberhalb von mir, auch mit dem Fotoapparat in der Hand.

Links an der Bergkante geht die Sonne auf. Die Gletscher- und Berglandschaft liegt noch im Schatten
Die Sonne kommt über die Bergkante – beeindruckend schön

Gegenüber ist wieder eine Lichtbrechung zu sehen, die mir so ungeheuer imponiert und mir bisher nur am Marmolejo aufgefallen ist.

Im Vordergrund ist ein Gletscher noch im Schatten. Im Hintergrund links werden Berge bereits von der Sonne erleuchtet. In Bildmitte ist die Lichtbrechung der Sonne festgehalten
Lichtbrechung beim Sonnenaufgang am Elbrus

Nun müssen wir uns sputen. Die anderen Teilnehmer sind weit über uns, machen aber gerade Pause. (Das nachfolgende Bild ist von Wolfgang, dessen Nachname mir nicht bekannt ist. Er hat es mir später geschickt, danke dir!)

Schroffe Berggipfel in der Morgendämmerung im Hintergrund. In den Tälern zwischen den Bergmassiven liegen Wolken. Zwei Bergsteiger gehen auf einem Gletscher bergauf
Ich steige vor Klaus hinauf. Wir sind beim Aufstieg bereits oberhalb der Pastuchov-Felsen. Eine grandiose Landschaft breitet sich unter uns aus. Foto: Wolfgang Nachname unbekannt

Langsam gehen wir aufwärts und erreichen die stehende Gruppe, als alle gerade die Rucksäcke aufsetzen. Gesprochen wird nichts, dazu fehlt der Atem, langsam geht es voran.
Ich merke, dass ich mein eigenes Tempo gehen muss. Immer langsam und sehr gleichmäßig. Schnell gehen und dann stehen bleiben, um eine Atempause zu machen und dann wieder schnell gehen, das mag mein Körper nicht, zumindest nicht über 4.200 Höhenmetern. Langsam und kontinuierlich komme ich auf die hohen Bergen hinauf. Stetig steigen mit immer genug Luft, um keine Pause einzulegen.

Steil geht es hinauf, meine Steigeisen greifen gut und ich bin froh, Anti-Stoll-Platten drunter zu haben. Diese schütteln festgesetzten Schnee wieder ab, damit die Zacken der Steigeisen noch greifen können. Die Gletscherbrille schützt mich vor der gleisenden Sonne auf dem Schnee. Blöderweise bemerkte ich allerdings nicht, dass ich keine Sonnencreme aufgetragen habe. Die Gruppe hatte das getan, während ich den Sonnenaufgang fotografierte.

Die Sonne steigt schnell höher und es wird richtig warm. Gestern war es nach dem Neuschnee und unter der Wolkendecke tagsüber gerade mal plus 2°. Ich bleibe stehen und ziehe mir die Daunenjacke aus. Mein langärmeliges Fleecehemd reicht völlig.

Es wird immer steiler. Einatmen, rechten Fuß heben, ausatmen, rechten Fuß voranstellen. Einatmen, linken Fuß heben, ausatmen, linken Fuß voranstellen. So gehe ich 10 Schritte und muss dann, ohne Schritte zu machen, zweimal Atem holen. Dann geht es 10 Schritte weiter.

Ein steiles schneebedecktes Bergstück. Oben im Bild steigen Bergsteiger auf einem Pfad hinauf
Immer steiler wird der Aufstieg – im Hintergrund der Westgipfel

Ich bilde mit Klaus und Tatjana den Abschluss der Gruppe, die sich nun weit über uns verteilt. Die ersten sind mittlerweile aus unserem Sichtfeld verschwunden, wohl schon über den Sattel. Wie gesagt, es ist nicht schwierig, steil zwar, aber anstrengend ist das Luftholen, bzw. das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. So empfinde ich das, dabei ist es der Sauerstoff, der meinem Stoffwechsel fehlt und in dieser Höhe einfach vermindert in der Luft vorkommt. Nikolaj wartet im Sattel auf uns und wir machen eine Pause. Nach einem kurzen Blick in mein Gesicht, fragt er, ob ich eingecremt sei? Upps, jetzt fällt es mir auf, dass ich das versäumt habe, schnell hole ich das nach. Ich zwinge mich, einen Riegel zu essen und zu trinken. Der Körper braucht Energie, rede ich mir beim Kauen gut zu. Hier im Sattel stand wohl mal eine Notunterkunft, die Giebel der Hütte sind noch deutlich zu erkennen. Nicolaj zeigt zum Ostgipfel, an dessen Flanke zwei Gestalten hinaufsteigen. Thomas und Klaus II (also der andere Klaus) wollen erst hinauf zum Ostgipfel und danach den Westgipfel besteigen, erzählt Nicolaj uns auf unsere Frage.

In den Fragmenten eines Hausdaches machen Bergsteiger Pause. Zwei sitzen und essen, zwei stehen
Wir brauchen eine kurze Pause. Die Holzteile sind die Ruine der Hütte, die ehemals im Sattel des Elbrus stand

Wir wandern erst durch die Senke des Elbrussattels. Der Anstieg zum Westgipfel beginnt allmählich. Hier bin ich wieder fit und kann gut steigen. ‚Vielleicht ist es die Steilheit, die mich langsam macht?‘, überlege ich. Die Österreicher, die gestern auf dem Ostgipfel waren, kommen uns schon wieder entgegen. Nikolaj spricht mit ihnen, unsinniges Zeug, wie ich meine, aber er will nur testen, ob die Denkfähigkeit noch in Ordnung ist. Alles ist gut, er und Tatjana begleiten mich und Klaus weiter zum Gipfel, es wird wieder steil. Als wir denken, jetzt ist es geschafft, kommt immer noch eine Bodenwelle und wir müssen quasi links herum weiter hinauf. Klaus liegt mit Tatjana etwas zurück.

Der Elbrusgipfel

Nikolaj und ich warten auf die beiden, bevor wir vier gemeinsam das 5.642 m hohe, minikleine Gipfelplateau betreten.

Vier Bergsteiger am Gipfel des Elbrus. Ein Bergsteiger hat kniend eine Fahne in der Hand
Wir vier am Gipfel. Es ist irre warm, anders als am Marmolejo. Nur vor Sonnenbrand müssen wir uns schützen

Ein Stein und einige Metallplatten mit Inschriften markieren den Gipfel des Elbrus. Klaus zieht seine DAV Sektion Weinheim Flagge hervor, die wir am Pickel befestigen. Mit Selbstauslöser machen wir Fotos und noch von jedem Einzelaufnahmen.

Eine Bergsteigerin steht am Elbrusgipfel. Sie hält ihren Pickel in der Hand. Der Gipfel wird durch einen Felsen markiert
Am Elbrusgipfel kann ich mich richtig freuen. Foto: Klaus Friedrichs

Wir schauen uns um und sehen nicht viel, denn von Norden sind Wolken herangezogen, die die Sicht nach Russland versperren. Ohne Wolken könnten wir bis zum Schwarzen Meer sehen, erklärt mir Tatjana – aber leider sind Wolken da. Und die kochen gewaltig, so machen wir uns schnellstmöglich an den Rückweg.

Bergab bin ich einfach schnell. Ich nutze den Schwung jeden Schrittes für den nächsten und stoppe nicht ab. Ich gehe weich in den Knien, so das die Muskeln der Ober- und Unterschenkel die Arbeit machen. Und ich mache große Schritte, das hat mir Papa schon als Kind beim Gehertraining beigebracht. „Mache bergab die Schritte länger, die Schwerkraft unterstützt dich – jeder so gewonnene Zentimeter bringt dich schneller ans Ziel.“ Das solche Worte so lange im Kopf und im Tun bleiben.

Im Sattel bei der Hüttenruine stehen die drei Österreicher, die gestern am Ostgipfel waren und Thomas und Klaus II sitzen bei ihren Rucksäcken. Sie schauen uns entgegen, erscheinen unruhig. Die drei haben Thomas an der Flanke zum Ostgipfel sitzen sehen und sind dorthin geeilt, denn sie vermuteten, dass etwas nicht stimmt. Thomas saß fast nackt bei seinem Rucksack und Klaus II hätte apathisch dabei gestanden. Sie hätten Thomas überreden müssen, sich anziehen zu lassen, denn er wäre nicht mehr in der Lage gewesen, es zu tun. Sie haben gesehen, dass wir beim Abstieg vom Westgipfel waren und haben hier im Sattel auf Nikolaj und Tatjana gewartet. Die sprechen die Beiden an und merken sofort, wie desorientiert sie sind. Thomas fängt an, seine Schuhe auszuziehen. Nikolaj spricht ein Machtwort, beide müssen nochmal trinken und werden dann jeweils rechts und links am Arm genommen und den Berg in schnellem Tempo, mehr rutschend als gehend, hinabbegleitet. Die drei Österreicher helfen mit und spielen dabei ihre Bergerfahrenheit aus.

Klaus und ich gehen gemeinsam hinterher, der Schnee ist jetzt sehr sulzig, ungeheuer schwer und die Anti-Stoll-Platten helfen nicht mehr. Alle paar Meter schlagen wir mit den Stöcken gegen die Steigeisen, um die Schneemassen unter den Steigeisen zu lösen.

Es bewölkt sich Zusehens und die umliegenden Gipfel verschwinden in den Wolken. Wie schade, denn gerade nun hätten wir beim Bergabgehen einen schönen Ausblick verdient. Als wir unterhalb der Pastuchov Felsen sind, reist plötzlich in der Wolkenwand ein Fenster auf. Wie ein von Wolken gerahmtes Bild erblicken wir die Gipfellandschaft im Hintergrund. 

Steile Gletscherlandschaft zieht sich in dichten Wolken bergab. Die Wolkendecke ist als Quadrat aufgerissen, die Berge im Hintergrund sind zu erkennen
Himmelsfenster beim Abstieg

Als wir an der Hütte ankommen, geht es Thomas und Klaus II bereits besser. Abstieg ist der einzige Ausweg aus der Höhenkrankheit. Sie sind am Teetrinken und finden es schade, keinen Gipfel erklommen zu haben. Klaus II gibt selbstkritisch zu, dass er die Akklimatisierung wohl nicht ernst genug genommen hat. Er wäre an keinem Tag bis zu den Pastuchov Felsen aufgestiegen, sondern hätte sich im Zeltlager mit den Bergsteigern unterhalten. „Und, ich bin heute viel zu schnell losgegangen. Ich hätte mein eigenes Tempo gehen müssen, statt mich an die schnellen Bergfexe dranzuhängen.“

Trotzdem trinken wir Wodka auf den Gipfel- und Heilungserfolg, dann sinke ich müde auf mein Lager. Für die 1.500 Höhenmeter und ca. 8 Entfernungskilometer habe ich hinauf 8 Stunden gebraucht. Ich fühlte mich am Gipfel lange nicht so erschöpft wie am Marmolejo, trotzdem mir die Höhe zu schaffen machte. Für den Abstieg habe ich noch mal 4 Stunden benötigt. Ich lasse das Abendessen aus und schlafe die nächsten 13 Stunden!

Die Bloggerin sitzt in einem Bretterverschlag im oberen Abteil in ihrem Schlafsack. Rechts und links ist jeweils ein weiterer Schlafsack. Auch unter ihr sind noch drei Schlafsäcke im unteren Abteil zu erkennen. Die Bloggerin sieht müde aus
Müde von der Gipfelbesteigung sitze ich in meinen Schlafsack

Nach dem Abstieg zur Seilbahn, bei dem wir uns mit dem Mülltragen abwechseln, werden wir in der Ebene wieder von unserem Kleinbus erwartet und fahren in einen Pension. Nach ausführlichem Duschen und einem Mittagschlaf finden wir uns zur abendlichen Feier zusammen. Ich schaffe es, nicht bei jedem Gipfeldankspruch ein volles Glas Wodka trinken zu müssen und trinke auch nur ein Bier. so bin ich die fitteste am nächsten Tag, auf der Rückfahrt zum Flughafen.

Die Bloggerin rechts - mit Sonnenbrand im Gesicht - aber strahlendem Lächeln, prostet einem Mann mit einem Wodkaglas zu. Im Vordergrund stehen Teller und Bierflaschen
Glücklich beim Feiern – mein Sonnenbrand im Gesicht ist deutlich zu sehen. Foto: Klaus Friedrichs

Als wir schon über eine Woche wieder zu Hause waren, war mein Gesichtssonnenbrand so weit abgeklungen, dass sich die Haut als Ganzes löste, wie eine Maske. Seither muss ich mein Gesicht immer besonders gut eincremen – und vergesse das auch nicht mehr.

Mir aber ließ meine Leistungsfähigkeit keine Ruhe, bzw. meine Leistungsunfähigkeit. Das ich so lange gebraucht habe für 1.500 Höhenmeter! Liegt das an der Höhe über 4.200 m oder habe ich einfach nichts drauf? Diese Frage kreiste mir im Kopf. Als Mitte September der Wetterbericht für das kommende Wochenende im Berchtesgadener Land als sonnig, beständig und warm gemeldet wurde, machte ich mich zur Leistungsprobe auf zum Watzmann.

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Bergwandern mit Kind

Bergwandern mit Kind

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Ich war seit zwei Jahren viel Bergsteigen. Und meine Tochter Lotti lag mir in den Ohren, endlich mal eine Bergtour mit ihr zu machen. Das war nur in den Sommerferien möglich und wir fanden zehn Tage gemeinsame Zeit. Ich hatte das Tauferer Ahrntal als Ziel gewählt und eine Anreise mit dem Zug. Eine Nachtzugfahrt im Liegewagen ist bereits das erste Mutter-Tochter-Erlebnis einer Bergtour.

Leider war die Nacht war sehr unruhig. Einige Mitschläfer standen ständig auf und die Schiebetür ging auf und zu. Und in München stiegen die ersten Mitreisenden unseres Abteils bereits wieder aus. Eine Erholung war das nicht. Nach Innsbruck sind wir auch aufgestanden und schauten während der Fahrt über den Brenner aus dem Fenster. In Franzensfeste stiegen wir sehr müde aus und versuchten, mit einem Frühstück im Bahnhofsbistro unsere Lebensgeister anzukurbeln.

Eine Frau und ein Kind stehen müde, mit Rucksäcken an einem Bahnhof
So richtig fit sind wir nach der Nacht im Liegewagen nicht

Tauferer Ahrntal

Ein weiterer Zug brachte uns nach Bruneck und ein Bus nach Lappach. Von dort wollte ich mit Lotti zur Nevesjochhütte aufsteigen zur ersten Hüttenübernachtung. An der Bushaltestelle zogen wir die Wanderschuhe an und ich übernahm aus Lottis Rucksack noch Gepäck. Nun ging es immer bergauf Richtung Nevesstausee. Die Luft roch sehr würzig, die Sonne schien warm und die Landschaft präsentierte sich unglaublich schön mit wunderbarer Blütenvielfalt und schneebedeckten Berggipfeln. Nur, wir waren beide müde und schlapp. Nach kurzer Zeit erreichten wir ein kleines Gipfelkreuz.

Ein Mädchen steht an einem Gipfelkreuz, links von ihr ein Lärchenbaum
Müde an einem kleinen Gipfel oberhalb Lappachs

Wir rasteten und ich studierte die Landkarte. Allem Augenschein nach hatte ich eine viel zu anspruchsvolle Tour für unser Mutter-Kind-Team ausgesucht. Lotti war konditionell nicht sehr stark, der Rucksack zu ungewohnt und sie zu ungeübt. Ich hatte bei der Planung wohl übersehen, dass sie gerade erst 10 Jahre alt geworden war. Nach der unruhigen Nacht waren auch von mir keine Hochleistungen zu erwarten. Ich besprach meine Gedanken mit Lotti. Ich schlug vor umzukehren und den Urlaub anders zu verbringen. Während meines Vorschlags ging in dem Kindergesicht die Sonne auf, der erschöpfte Blick wurde fröhlich.

Ja, die ganze Stimmung, auch bei mir, kippte sofort ins Positive. Beschwingt marschierten wir zur Bushaltestelle zurück. Wir nahmen nun den Bus nach Sand in Taufers. In der Touristinformation wollten wir für unseren Aufenthalt nun eine Ferienwohnung buchen und von dort aus Wanderungen machen.

Die freundliche Dame konnte uns helfen obwohl alle Appartements besetzt waren. Eine Freundin von ihr vermietete nur noch an langjährige Stammgäste und war nicht mehr in der offiziellen Vermietung gemeldet. Ein kurzer Anruf der Tourist-Dame; die Wohnung wäre derzeit frei. Wir könnten für acht Tage kommen. Wir kauften einige Lebensmittel ein und bestiegen den Bus nach Ahornach. Dem Heimatdorf Hans Kammerlanders, freute ich mich.

Ahornach

Die Gastgeber waren eine junge Familie mit drei Kindern, davon einer Tochter in Lottis Alter. Sie bewirtschafteten einen Bauernhof mit Milchvieh und Almwirtschaft. Die Wohnung lag im ersten Stock mit einer atemraubenden Aussicht zur Riesenfernergruppe. Herzlich wurden wir aufgenommen und Lotti wurde gleich von ihrer neuen Freundin mit in den Kuhstall genommen. Außerdem erhielten wir eine Einladung zum Abendessen.

Dort erfuhren wir, dass die Familie am nächsten Tag eine der steilen Wiesen an einem Hang mähen wollte. Spontan schlossen wir uns an. So hatten wir an unserem ersten Tag viel Spaß, denn die Kinder tollten herum und ich lernte den Umgang mit der Sense wieder. Es ist schon eine unglaubliche Anstrengung, die die Bergbauern im Alpengebiet zur Pflege der Kulturlandschaft unternehmen. Auch an diesem Abend waren wir zum Essen eingeladen. Wir sprachen über unsere Wanderpläne und bekamen einige Tipps für Tageswanderungen, die mit einem Kind geeignet sind. Aber wenn ich auch auf den Großen Moosstock wollte, den Hausberg Ahornachs, dann sollte ich doch mal frühmorgens starten, dann könnte ich am späten Vormittag wieder zurück sein. Lotti dürfte nach dem Aufwachen gerne zum Frühstück und Spielen nach unten kommen. So ein tolles Angebot konnte ich nicht ausschlagen. Direkt nach unserer Rückkehr würde ich meinen Expeditionsrucksack packen und mit meinem Bergkamerad Klaus zum Elbrus fliegen. Hier im Tauferer Ahrntal, mit 80 Berggipfeln über 3.000 n Höhe, wollte ich mit der Akklimatisation schon beginnen.

Großer Moosstock

Gleich am nächsten Morgen ging ich um halb fünf, mit der ersten Dämmerung, los. Ich hatte damals eine super Kondition und rannte förmlich den Berg hinauf, der oben noch große Schneefelder hatte. Außerdem hatte ich die respektlose Angewohnheit, die Gipfelkreuze gleich mit zu ersteigen. Respektlos deshalb, weil die freiwilligen Menschen, die diese Gipfelkreuze dort errichteten, viel Arbeit mit dem Fundament, dem Aufstellen und der Pflege haben. Und wenn Jede und Jeder auch noch das Kreuz erklettern würde, wäre der Pflegeaufwand sicherlich höher. Noch aber war mir das nicht klar und so war ich schlussendlich auf 3.062 Höhenmetern, drei Meter über der eigentlichen Gipfelhöhe und genoss die Rundumaussicht.

Eine Frau steht auf einem Gipfelkreuz
Gipfel Großer Moosstock mit 3.059 m
Über Schuttfelder sieht man das Bergpanorama der Hohen Tauern
Der Ausblick vom Großen Moosstock in Richtung Hohe Tauern

Bergab bin ich im Gebirge sehr schnell. Die Familie war sehr erstaunt, dass ich um halb zehn bereits wieder zurück war. Aber Lotti und ich wollten heute auch eine gemeinsame Wanderung machen. Mit einer Vesper im Rucksack stiegen wir über den Wanderweg 10B bis zur Kreuzung Schlafhaus hinauf. Dort folgten wir der Markierung 10C nach Osten, immer leicht bergauf und bergab. Lotti freute sich an den Pflanzen und war begeistert von der Wollgraswiese. Das erinnert sie an unseren Schweden-Motorrad-Urlaub. Auch später das Heidelbeerfeld. Wir pflückten Unmengen in unsere Berghaferl und Vesperdosen. Abends schenkte uns die Bäuerin Gelierzucker und Gläser und ich kochte Heidelbeermarmelade. Die wunderbar schmackhaftes Andenken an den Urlaub nahmen wir irgendwie in den Rucksack gestopft mit nach Hause.

Ein Mädchen sitzt in einer Wiese mit Wollgras, im Hintergrund hohe Berggipfel
Lotti freut sich über die Wollgraswiese, die sie an unsere Schwedentour erinnert
Ein Mädchen sitzt in Heidelbeerbüschen und pflückt frische Heidelbeeren in ein Töpfchen
Heidelbeeren, welche Wonne, sammeln für zuhause

Speikboden

Eine Empfehlung unserer Wirtsleute war eine Wanderung am Speikboden. Hinauffahren mit der Gondelbahn, absteigen nach Weißenbach und mit dem Bus wieder zurück. Diese Rundtour beinhaltete zwei Gipfel. Der Aufstieg von der Gondel zum Speikbodengipfel war recht steil und landschaftlich uninteressant. Ein Skigebiet sieht im Sommer einfach nicht schön aus. Lotti hatte keinen rechten Spaß und schaute recht mürrisch unter dem Gipfelkreuz. Von dort ging es aber mit toller Aussicht meist bergab und Lottis Laune hatte sich bis zum Gipfel des Seewassernock wesentlich gebessert.

Ein Kind steht vor dem Gipfelkreuz am Speikboden im Tauferer Ahrntal
Lotti am Gipfelkreuz Speikboden auf 2.517 m Höhe
Ein Kind steht am Gipfelkreuz des Seewassernock im Hintergrund ist das Ahrntal zu sehen
Lotti steht am zweiten Gipfelkreuz des Tages, dem Seewassernock mit 2.342 m Höhe

Naturbadeteich als Öffentliches Schwimmbad in Sand in Taufers

Die Busverbindungen im Tauferer Ahrntal sind sehr gut getaktet und aufeinander abgestimmt, so waren wir am späten Nachmittag wieder am Bauernhof und Lotti spielte mit ihrer Freundin im Kuhstall und bei den Hühnern. Zur Abwechslung gingen wir am nächsten Vormittag bergab nach Sand in Taufers, denn heute war Schwimmbadtag angesagt. Das Freibad von Sand in Taufers ist als Naturbadeteich angelegt und somit ohne Chlorwasser. Schwimmen, plantschen, mit der Mama und wieder neuen Kindern spielen, das Leben kann so einfach und schön sein.

Ein Naturbadeteich ist das öffentliche Freibad in Sand in Taufers. Viele Kinder toben im flachen Wasser. Im Hintergrund ist Burg Taufers zu erkennen
Lotti springt über die Begrenzungssteine des Naturbadeteichs

Lenkjöchlhütte

Eine weitere Empfehlung der Wirtsleute, war die Wanderung von Kasern zur Lenkjöchlhütte. So könnten wir eine Berghüttenübernachtung machen und am nächsten Morgen wieder absteigen. Im Windtal weideten viele Ziegen und wir kamen nur langsam voran, weil wir sie beobachteten und sie sich mit uns anfreundeten und die kleinen Zicklein vor unseren Füßen herumsprangen. Die Hüttenwirte der Lenkjöchlhütte hatten auch eine Tochter in Lottis Alter und so war sie am Nachmittag mit ihr draußen unterwegs. Ich kam mit einer Einzelwanderin ins Gespräch. Sie wollte morgen sehr früh auf die Rötspitze steigen. Wie ich sie beneidete!

Beim Abendessen entwickelte sich folgendes Gespräch von ihr mit der Hüttenwirtin:
„Kann ich morgen Vormittag spät frühstücken, ich will erst hinauf zur Rötspitze?“
„Das ist kein Problem, aber allein hinauf finde ich nicht ratsam!“
„Ich bin aber allein.“
Die Hüttenwirtin schaute mich an. „Wolltest du nicht auch hinauf?“
„Das geht mit meiner Tochter nicht!“
„Eh klar! Aber die kann doch hierbleiben und mit unserer Tochter spielen, während ihr die Tour gemeinsam macht!“
Lotti hatte das Gespräch aufmerksam verfolgt und nickte. „Ist okay, Mama. Du bist ja schnell wieder da!“

Rötspitze

Wir packten unsere Sachen am Abend und waren bereits wieder um halb fünf unterwegs. Der Aufstieg auf der Nordseite ist weglos, aber alte Spuren waren deutlich zu sehen. Wir stiegen nördlich des Rötkees auf und kamen bald in den Schnee. Nach einigen leichten Kletterpassagen waren wir schnell auf dem Grat und bald beim Gipfelkreuz auf 3.495 m.

Eine Frau ist auf das Gipfelkreuz der Rötspitze geklettert
Das war für drei Gipfelkreuze meine Masche – hinaufklettern. Nach einigem Nachdenken: undenkbar – aus Respekt den Erbauern des Gipfelkreuzes gegenüber. Hier am Gipfelkreuz der Rötspitze

Auch hier wieder ein unglaubliches Panorama. Rund um das Tauferer Ahrntal stehen über 80 Dreitausender. Da bietet die Aussicht ungeheuer viel. Hinab war ich wieder schnell unterwegs, teilweise zu schnell und die Bergfreundin drückte im richtigen Moment auf den Auslöser.

Eine Frau fällt bei einem Abstieg von einem Berg in den Schnee
Bergab im Schnee gelingt nicht immer – bringt den Umstehenden und der Gefallenen aber viel Spaß

Wir waren bereits um neun Uhr zurück, Lotti schlief noch und ich weckte sie zum Frühstück. „Mama, du wolltest doch bergsteigen“, war ihre erste Reaktion bei meinem Guten-Morgen-Kuss.

Wir spazierten über das Röttal zurück und ich kühlte mich in einem kleinen See unterhalb des Rötkees ab. Es dauerte allerdings, bis Lotti den Auslöser fand und mir wurde kalt. Aber für ein besonderes Bild leide ich gerne mal.

Eine Frau schwimmt in einem kleinen Teich, am Rand des Teichs liegt Schnee
Eisbad im kleinen See des Rötkees – Erfrischung pur

Den letzten Tag verbrachten wir nach dem Abschied von unserer netten Bauersfamilie im Naturbadeteich, sprich Schwimmbad. Am späten Nachmittag nahmen wir den Bus nach Bruneck und schlenderten noch durch das schöne Städtchen. Ab Franzentsfeste stiegen wir wieder in einen Liegewagen und waren am frühen Morgen, diesmal besser ausgeschlafen, zurück in Frankfurt.

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Marmolejo – südlichster Sechstausender

Marmolejo – südlichster Sechstausender

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Ich fühle mich nicht wohl, mir ist nicht gut, ich bin erschöpft. Muss ich wirklich auf diesen Berg? Welcher Eitelkeit bin ich nur gefolgt? Wenn ich jetzt abbreche, begleiten mich die Männer zum Lagerplatz zurück und starten den Gipfelanstieg morgen von Neuem, während ich an Lager 5 warte. Dann dauert die Höhentortour noch weitere zwei Tage, das will ich auch nicht.

Diese Gedanken gehen mir am 9. Dezember 2000 durch den Kopf. Wir sind auf etwa 5.600 m Höhe, die Morgendämmerung zieht auf.

Die Sonne zaubert über Berggipfeln orangene und graue Streifen an den Himmel
Es dämmert, die Sonne schickt die ersten Strahlen

„Komm, Mädchen“, muntert mich Manfred auf. „Wir sind schon so weit gekommen, du packst das! Hat ja keiner gesagt, dass es ein Sonntagsspaziergang wird.“
Nein, das nicht. Ich habe gewusst, auf was ich mich einlasse – zumindest habe ich viel übers Höhenbergsteigen gelesen. Und ich bilde mir ein aus den Berichten herausgehört zu haben, wie es sich körperlich anfühlen könnte. Aber es real zu spüren, ist doch eine andere Sache.

„Weißt du,“ Manfred schaut mich an. „Was ich an Frauen bewundere, ist, dass sie Kinder gebären können. Diese Schmerzen, diese Tortour, kein Mann würde das aushalten. Das bisschen Kopfweh und Unwohlsein heute, kannst du doch nach zwei Geburten locker aushalten!“ Manfred, du bist einzigartig! Dinge, die gar nicht zusammenpassen, bringst du doch zusammen. Und du kitzelst meinen Ehrgeiz an den empfänglichen Stellen. Ich motiviere mich in Gedanken: ‚Reiß dich zusammen, Anne-Bärbel. Du bist erst 38 und nicht wie die Männer schon über 50. Es ist nur ein Sechstausender und nicht der Everest! Du kommst Mutti auf ihrer Wolke im Himmel immer näher. Die schickt dir von oben Kraft! Sie hätte nicht schlapp gemacht, die war eine wahre Kämpferin. Geh weiter, lass sie stolz auf dich sein! Und erst deine Mädchen. Verzichten nun drei Wochen in der Adventszeit auf dich und dann willst du heimkommen und sagen, es war nix. Nee! Nein, das will ich nicht. So, Mädchen, gebt mir Kraft, ihr sollt stolz auf eure Mama sein!‘

Ich stehe auf „Okay, Männer. Lasst uns weitergehen! Lasst uns auf den Gipfel steigen!“ Ich schaue in die erleichterten Gesichter von Hans (52) , Manfred (51) und Hans (52). Auch die hätten keine Lust gehabt, den langen Weg morgen noch mal in Angriff zu nehmen.

Reise nach Chile

Wir sind am 27. November von Frankfurt über Madrid, Sao Paulo nach Santiago de Chile geflogen. Ana, eine Freundin von Hans, holte uns vom Flughafen ab und brachte uns in die Stadt. Frühstücken, Erholen und die Ausrüstung ergänzen, war der Tagesplan. Die bergsteigerische Ausrüstung, Zelte, Schlafsäcke, Matten, Kocher und einen Teil der Nahrung haben wir von Deutschland mitgebracht. Kochtöpfe, Teile der Nahrung für unterwegs und den Brennstoff für die Kocher kaufen wir am Nachmittag in Santiago ein. Nach den grauen, kalten Tagen in Deutschland genießen wir die Sonne, Wärme und die Lebensweise in Santiago de Chile.

Deutsche Andenvereinshütte

Am 29. November fahren wir mit Anna zum Lo Valdes „Refugio Aleman“, einer Hütte des DAV, des Deutschen Anden Vereins! Sie liegt im Maipotal, oberhalb des Rio Volcán. In der Umgebung  gibt es einige Mienen, in denen weißer Gips abgebaut wird. Die Aussicht auf die Bergwelt der Anden ist atemraubend, die freudige Anspannung bei uns allen steigt.

Ein aus Bruchstein gemauertes Steinhaus mit Fensterläden und bunten Blumenkästen steht in schönem Bergpanorama
Die Hütte Lo Valdes des DAV Deutschen Anden

Am Nachmittag sortieren wir die Ausrüstung und verteilen sie gerecht auf alle Expeditionsrucksäcke. Wir wollten den Marmolejo im alpinen Stil besteigen, bei fair means und mit eigener Kraft. Wir planten maximal 14 Tage für die Tour ein. Also für 14 Tage Brennstoff für die Benzinkocher und Essen. Je höher Du steigst, umso wichtiger ist das Trinken. Der Körper verbraucht bei der Höhenanpassung ungeheuer viel Flüssigkeit. Flüssigkeit würden wir aus Schnee schmelzen, der enthält keine Mineralien. Salzige Bouillon sollte Abhilfe schaffen und Tee mit Zucker Energie spenden. Welche Nahrung gibt viel Kraft? Die Männer wollten den Tag mit chinesischen Reisnudelsuppen beginnen und mit Nudelgerichten am Abend abschließen. Ich hingegen hatte zuhause 14 Beutelchen mit Haferflocken, Kakaopulver, Zucker, gepopptem Amaranth und Milchpulver gefüllt. Jeden Morgen schüttete ich den Inhalt eines Beutelchens in meinem kleinen Essnapf-Kochtopf, packte Schnee dazu und setzte das auf einen Kocher. Kurz aufkochen und ein leckeres Frühstück genießen, das mir über den ganzen Tag Kraft gab.

Bergsteiger haben ihre Ausrüstung verstreut, um sie in die Rucksäcke zu packen
Erst alles auspacken, dann sortieren und wieder sinnvoll einpacken

Abmarsch im Tal des Rio Volcáno

Am 30. November starten wir zu unserer Expedition zum Marmolejo. Ana fährt uns noch etwa 3 km und setzt uns am Anfang des Pfades in Richtung des Volcáno San José, auf 2.255 m Höhe ab. Die Brücke über den Rio Volcáno sieht nicht vertrauenserweckend aus, aber den Lastwagen, der uns entgegenkommt, hält sie auch aus.

Die Rucksäcke haben um die 28 kg, gut, dass die Landschaft nur allmählich ansteigt. Die heutige Schwierigkeit besteht darin, sich Wege über die zahllosen Wasserläufe zu suchen. Sie führen aufgrund der Schneeschmelze viel Wasser. Das ist am breitesten Bach recht schwierig, denn die Brücke ist nicht mehr da. Hans findet einen großen, fast runden Stein im Bach. Auf diesen Klotz muss man springen, und von dort ans andere Ufer. Manfred wäre um ein Haar abgerutscht, aber Hans hilft. Ich traue mir den Sprung mit dem schweren Rucksack nicht zu. Also lasse ich mich der Länge nach, mit ausgestreckten Armen, über den Bach auf den Stein fallen. Meine Arme brechen fast unter dem Gewicht ein. Die Füße hole ich mit Hans Hilfe, der den Rucksack durch Zug ein wenig entlastet, nach und springe dann ans andere Ufer.

Ein dicker Felsbrocken liegt in einem Bach. Ein Bergsteiger versucht mit seiner Hilfe den Bach zu queren
Manfred steigt auf den Stein zur Überquerung des Rio Estero la Engorda. Mit beinahe 28 kg Zusatzgewicht nicht ganz einfach

Der nächste Bachlauf ist noch ungemütlicher, wir laufen daran entlang, immer nach Osten in Richtung des Volcano, um eine geeignete Stelle zum Überqueren zu finden. Später gehen wir nach links in Tal, nun nach Norden.

Drei Bergsteiger laufen in einem von hohen Bergen umgebenen Tal
Hier müssen wir nun nach Norden abbiegen, ins Tal von Rio Estero la Engorda

Wir sind nun schon bis in den Schnee gekommen, aber alle Schneebrücken über den Bach sehen mir persönlich zu gefährlich aus. Endlich finden wir eine Stelle, die uns leicht passieren lässt.

Ein Mann läuft an einem Bach entlang. Der Bach wird von Altschnee großteils bedeckt, eine Schneebrücke ist gebrochen
Die Schneebrücken über den Bach sind sehr fragil, wir müssen lange nach einer Querungsstelle suchen

Mein Körper sehnt sich nach der langen Wanderung durch das ganze Tal nach Ruhe. Gerne würde ich hier das Lager aufschlagen, aber die beiden Hansens haben einen bestimmten Lagerplatz im Sinn. So geht es noch über 500 Höhenmeter durch steile, sulzige, schwer zu gehende Schneefelder aufwärts. Manchmal auch durch Geröllfelder, dann wieder über Schnee.

Über Schuttgeröll sieht man im Hintergrund eine Bergkette. Der Marmolejo ist in Bildmitte im Hintergrund
Nach dem Aufstieg über die Geröllhalde sehen wir den Marmolejo zum ersten Mal. Er ist der weitentfernteste Gipfel im Hintergrund
Über weite schneebedeckte Flächen ist im Hintergrund eine Bergkette
Nun wandern wie auf relativ gleicher Höhe im Schnee weiter ins Tal. Unser Gipfel ist der rechte Berg im Hintergrund, unter dem roten Pfeil. Wir müssen bis hinten ins Tal (orangener Pfeil) und dort die Scharte hinauf und von hinten den langen Weg zum Gipfel

Lager 1 am Marmolejo

Endlich haben wir den Lagerplatz 1 auf etwa 2.800 m erreicht. Noch den Schnee ebnen und die Zelte aufbauen. Den Kochplatz richten wir auf einem Felsen ein. Gleich den Topf mit Schnee aufstellen für das Tee- und Bouillonwasser.

Eine Zeltplane liegt im Schnee. Ein Mann hält eine Zeltstange in der Hand, ein anderer eine Schneeschaufel
Unser einziges Schneelager war Lager 1
Eine Frau hebt einen großen Topf mit Schnee auf den Benzinkocher
Ich habe den großen Topf mit Schnee gefüllt, daraus wird Teewasser. Foto: Manfred Jäckel

Als die Sonne hinter einem spitzen Berg untergeht, wird es gleich sehr ungemütlich kalt. Die Daunenjacken halten warm und die Schlafsäcke erst recht.

Die Sonne geht hinter einem spitzen Berg unter
Diesen Sonnenuntergang konnten wir von Lager 1 beobachten

Wir frühstücken im Sonnenschein, lassen vier Tüten Nudelgerichte und eine Brennstoffflasche in einer stabilen Plastiktüte unter dem Felsen zurück. Die werden wir bei der Rückkehr an der Stelle benötigen. Gemütlich wandern wir weiter das Tal hinauf. 

Ein weites schneebedecktes Tal öffnet sich
Bis weit hinten im Tal wollen wir laufen. In der letzten Senke rechts wird Lager 2 stehen, dort geht der Aufstieg rechts die von Wolken bedeckte Flanke hinauf

Heute machen wir hauptsächlich Strecke, steigen mählich bergauf und bergab. Das ist für unsere Akklimatisation gut. Der Körper gewöhnt sich nur langsam an den anderen Luftdruck in der Höhe. Lager 2 richten wir auf einer von der Sonne gewärmten Schuttmoräne auf ca. 3.100 m ein.

Lager 2 am Marmolejo

Eine apere Geröllhalde wird als Lager zwei erwählt
Auf diesem Geröllfeld erstellen wir Lager 2. Die Flanke am linken Bildrand werden wir hinaufsteigen, im Firn und auf dem Geröllgrad bis ins Joch oben

Heute wollen wir eine Akklimatisationstour zu Lager 3 unternehmen. Wir nehmen die Nahrung für die nächsten Tage und Brennstoff mit. Wir steigen in schön angelegten Serpentinen mit den Steigeisen den harten Firn hinauf. Es ist bewölkt, Nebelfetzen ziehen immer wieder an uns vorbei. Nach einem Felsen wird der Firn zu steil und wir queren in den Schuttgrat. Später wird es wieder steiler Firn, der sich bis zum Joch hinaufzieht.

Über einen steilen Schuttgrat steigen Bergsteiger hinauf
Wir wechseln von der Firnflanke in den Schuttgrad. Er ist noch sehr lang und steil
Zwei Bergsteiger ruhen am steilen Schneehang aus
Im harten Firnschnee greifen die Steigeisen, aber die Steilheit strengt an

Auf dem Joch machen wir eine Pause und genießen die erste Aussicht nach Osten, nach Argentinien.

Drei Bergsteiger sind auf dem Joch eines Schuttgrates und machen Pause
Das Joch des Grates ist erreicht. Wir machen eine Pause vor der Lagerplatzsuche. Der Marmolejo-Gipfel hüllt sich in Wolken.

Wir suchen einen schönen geschützten Lagerplatz, da wir auf Lager 3 auch zwei Nächte verbringen werden. Zwei „Berggeister“ besprechen, was sie mit uns anfangen sollen.

In Nebelfetzen erkennt man Felsen, die wie alte Männer aussehen, die sich unterhalten
Die Berggeister in den Nebelfetzen besprechen die Invasion von uns Vieren

Wir deponieren an einer markanten Stelle auf 4.175 m unsere Ausrüstung und steigen und rutschen dann zum Lager 2 zurück. Steige hoch, schlafe tief – dass ist die Zauberformel der Akklimatisation.

Drei Bergsteiger sitzen im Schnee und rutschen ein langes Schneefeld hinunter
Beim Abstieg von unserer Vortour zu Lager 3 rutschen wir auf dem Schneefeld bergab

Mit der ersten Dämmerung starten wir am Morgen. Wir wollen durch das Firnfeld, bevor es zu warm wird. Mit dem Restgepäck sind die Rucksäcke schwerer als gestern, obwohl wir hier auch ein Depot für den Rückweg anlegen. Keine Wolke und kein Nebelfetzen bieten heute Schutz vor der Sonne. Der Firn wird schnell sulzig und schwer zu gehen.

Bergsteiger stehen im Schatten eines Felsens in steilen Firngelände
Der Aufstieg mit dem Restgepäck durch den Firn ist kräfteraubend. Die Sonne tut mit ihrer Wärme und dem gleißenden Licht ein Übriges. Foto: Manfred Jäckel

Auf dem Joch angekommen, bin ich völlig erschöpft. In tiefen Zügen trinke ich Tee und esse einen Riegel. Dann schleppe ich mich zum Lager 3 und bewache das Teewasser, während die Männer das Lager einrichten. Heute will ich nur Tagebuch schreiben und schlafen. Ja, und schauen. Selten habe ich von meinem Bett so spektakuläre Aussichten. Kaum zu glauben, dass es bis zum Gipfel immer noch 2.000 Höhenmeter sind.

Lager 3 am Marmolejo

Eine Bergsteigerin liegt erschöpft im Zelt
Ich bin völlig platt und habe mich ins Zelt gelegt. Foto: Manfred Jäckel
Aus dem Zelteingang geht der Blick auf Bergpanorama
Der Blick aus dem linken Zelteingang geht Richtung Nordost
Aus dem Zelteingang geht der Blick hinauf zum Gipfel des Marmolejo
Mein Blick aus dem Zelt hinauf zum Gipfel, der noch etwa 2.000 Höhenmeter und einige Entfernungskilometer weg ist
Über dem Marmolejogipfel geht die Sonne unter
Am Abend verabschiedet sich die Sonne hinter den Marmolejogipfel

Heute ist Ruhetag. Jeder erkundet für sich das Plateau und genießt die absolute Stille in diesem Andenteil.

Auf einer flachen Geröllebene stehen versteckt Zelte
Gut hinter Felsen vom Wind geschützt können wir in Lager 3 einen Ruhetag machen

Am Nikolaustag steigen wir wieder mit einem Teil der Ausrüstung weiter hinauf, wir wollen Lager 4 ausfindig machen. Heute haben wir die ersten Felder mit Büßerschnee. Das ist eine Schnee-Besonderheit, die es nur auf der Südhalbkugel gibt. Vor zwei Jahren mussten die beiden Hans an dieser Stelle umkehren, weil durch die tiefen Rinnen kein vorankommen war und das Wetter auch schlechter wurde. Wir haben nun Schneereifen mit, mit denen wir die Schuhfläche verbreitern können. So hoffen wir, besser voran zu kommen.

Büßerschnee ist eine besondere Schneeform, mit tiefen Kluften oder Rinnen
Büßerschnee ist eine besondere Schneeform, mit tiefen Kluften oder Rinnen
An den Füßen eines Bergsteigers sind Schneereifen befestigt
Mit den Schneereifen lässt es sich im Büßerschnee besser vorwärtskommen als mit Steigeisen

Wir finden einen windgeschützten Lagerplatz auf 4.695 m, den auch schon andere genutzt haben. Steine sind als Windschutzmäuerchen aufgesetzt. Wir machen unsere Akklimatisationsrast in der Sonne und deponieren unser Material.

Vier Bergsteiger sitzen in einer Mulde. Im Hintergrund das Bergpanorama
An diesem Lagerplatz, mit einem aus Steinen errichteten Windschutz, sind wir nicht die ersten

Nach dem Abstieg in Lager 3 gehen alle Männer gleichzeitig nach der Ankunft pinkeln. So hat die Nikoläusin Gelegenheit, Schokonikoläuse und Plätzchen in den Wanderschuhen zu verstecken. Sie haben den weiten Weg von Deutschland und hinauf auf Lager 3 unbeschadet überstanden. Na, so eine Überraschung!

Heute macht uns das Balancieren auf dem Büserschnee noch mehr Spaß und die Rucksäcke sind auch leichter geworden, weil wir auch in Lager 3 wieder ein kleines Depot zurückgelassen haben. Nach Zeltaufbau und Bouillon und Tee kochen steigen wir ohne Gepäck noch weiter bergan. Wir erkunden, wie wir morgen zu Lager 5 aufsteigen wollen. Nach dem Abendessen genießen wir die Aussicht, auch wenn es hier oben nun ohne Daunenjacke nicht mehr geht.

Lager 4 am Marmolejo

Bei einem Zelt sitzen Bergsteiger und schauen ins Tal
Akklimatisieren durch Ausruhen in Lager 4. Foto: Manfred Jäckel

Wieder ist das Wetter schön und wir alles Restgepäck mit hinauf zum Lagerplatz 5. Das wird auch unser Gipfellager sein. D.h. von hier wollen wir morgen, eigentlich heute Nacht, zum Gipfel starten. Die Aussicht wird immer spektakulärer. Ein Teil der Berge, deren Fuß wir passiert haben, liegen nun mit ihren Gipfeln schon deutlich unter uns.

Drei Bergsteiger auf einer Hochebene im Schnee, im Hintergrund Bergpanorama
Beim Aufstieg zu Lager 5 ist die erreichte Höhe anhand der dahinter liegenden Berge schon gut zu erkennen

Die Höhe ist immer deutlicher zu spüren. Ein aperes Geröllfeld wird als Lager 5 bestimmt, wir sind auf 5.065 m Höhe. Erschöpft sinken wir auf die warmen Steine und schlafen alle ein. Hans ruft plötzlich „Raus aus der Sonne. Los Zelte aufbauen und Schneewasser schmelzen.“ Oje, da hat er recht. Die Sonne und dünne Luft trocknen den Körper schnell aus. Trinken wollen wir gerne, aber Essen? Nee, Hunger haben wir nicht, aber wir kochen trotzdem zwei Portionen Tütennudeln, denn der Körper sollte Nahrung bekommen.

Lager 5 am Marmolejo

Auf einem aperen Geröllfeld liegen Bergsteiger und ruhen aus
Wir haben wieder ein aperes Geröllfeld für Lager 5, ausruhen vor dem Aufbau
In einem Blechkochtopf ist ein Nudelgericht
Je höher wir kamen, umso schwerer fiel uns das Essen, umso weniger wurde gekocht

Gipfeltag Marmolejo

Wir gingen früh schlafen. Um Mitternacht klingelte der Wecker. Teewasser kochen, warm anziehen, Frühstücken und am 9. Dezember um 1 Uhr in der Nacht starteten wir zum Gipfelaufstieg. Wir benötigten die Stirnlampen nicht, denn der Vollmond schien hell auf die Schneefläche. In der Ferne konnte man den Lichterschein von Santiago de Chile erkennen. Ich fühlte mich schlecht und schlechter. Bei einer Pinkelpause entdeckte ich, dass ich meine Periode bekam. Auch das noch! Zusätzlich also auch noch Bauchweh. Ich sagte, dass ich zurückgehen würde, gleich würde es dämmern, die Männer sollten allein auf den Gipfel gehen. Als Antwort wurde mir mitgeteilt, dass man mich, wenn ich mich nicht wohlfühlte, nicht allein zum Lager zurückgehen lassen würde. Alle würden zurück gehen! Und in der nächsten Nacht würden die Männer von neuem starten, während ich im Lager warten würde.

Und dann sprach mein persönlicher Held Manfred die Worte, die mich motivierten und mit denen ich mich mit meinen Gedanken motivieren konnte. Just als ich verkündete, dass ich heute mit auf den Gipfel gehen würde, schickte die Sonne ihr erstes Licht.

Die Sonne zaubert über Berggipfeln orangene und graue Streifen an den Himmel
Es dämmert, die Sonne schickt die ersten Strahlen

Trotzdem ging es nur zäh weiter. Der Marmolejo war – damals zumindest – kein bergsteigerisch anspruchsvoller Berg. Es ist ein Berg der weiten Wege, die nur allmählich ansteigen. Der komplette obere Teil besteht nur aus kleinem Steinschutt, teilweise mit Schnee bedeckt, tiefgründig oder hartem Firn. Manchmal machten wir einen Schritt von 30 cm nach vorne und rutschten 20 cm zurück. Manchmal klebte Permafrost den Schutt zusammen und die Steigeisen konnten greifen. Manchmal musste einer vorgehen und im Schnee spuren. Oft machten wir Pausen, es fehlte so an Atemluft mit Sauerstoff!

Eine Bergsteigerin hält erschöpft inne
Zwei Schritte sind zwei Atemzüge, aber Luft fehlt trotzdem. Ich bin soo erschöpft. Foto: Manfred Jäckel
Bergsteiger sitzen erschöpft im Geröll und ruhen aus
Aber auch die anderen benötigen Erholung, der Gipfel ist noch so weit entfernt. Foto: Hans Münch

Ich schaute gar nicht mehr hinauf, sondern nur noch vor mich. Manfred sprach liebe oder barsche Worte, je nachdem, wie er sich selbst gerade fühlte und das half mir sehr. Ich sprach viel mit meinen Kindern, mit meiner vor vier Jahren mit erst 60 Jahren verstorbenen Mutter, lenkte mich so von den Gedanken an den nächsten Schritt immer wieder ab. Plötzlich gingen die Männer schneller und ich blickte auf. Nur noch eine kleine Erhebung, dann ging es auf allen Seiten bergab, der Gipfel war erreicht. Ein eisiger Wind fegte von Nordosten über den Gipfel, es war saukalt und äußerst ungemütlich, trotz des Sonnenscheins. Nach Umarmungen, Berg Heil Wünschen und Fotoshootings versuchten beide Hans zusammen unsere Gipfelfahne irgendwie im Boden zu befestigen.

Drei Bergsteiger stehen auf dem Gipfel des Marmolejo, 6.108 m
Es ist vollbracht. Wir stehen auf dem Gipfel des Marmolejo, 6.108 m. Foto: Hans Münch
Zwei Bergsteiger halten eine Gipfelfahne in den starken Wind
Hans und Hans mühen sich bei dem starken Wind mit der Gipfelfahne
Blick vom Marmolejo Gipfel nach Westen Richtung Maipotal und Santiago
Blick vom Marmolejo Gipfel nach Westen Richtung Maipotal und Santiago
Blick vom Marmolejo Gipfel nach Süden
Blick vom Marmolejo Gipfel nach Süden
Blick nach Osten vom Marmolejo Gipfel
Blick nach Osten vom Marmolejo Gipfel
Blick nach Norden vom Marmolejo Gipfel
Blick nach Norden vom Marmolejo Gipfel

Nach nur kurzem Aufenthalt stiegen wir bergab. Da der Gipfelaufbau nicht steil ist, war die Wegstrecke lang und wir verloren nicht sehr schnell an Höhe. Und es war immer noch sehr kalt.

Drei Bergsteiger steigen durch ein Schneefeld vom Gipfel ab
Noch ist es bitterkalt beim Abstieg vom Gipfel

Als wir die Zelte sahen, macht Manfred einen Purzelbaum im Schnee. Gerne würden wir noch weiter absteigen, in Lager 4, aber wir sind zu platt. Schnell Teewasser gekocht, etwas getrunken und dann schlafe ich 13 Stunden am Stück.

Abstieg vom Marmolejo

In der Dämmerung stehen wir auf, packen ohne Frühstück zusammen, wir wollen aus der Kälte und dünnen Luft raus. Bei Lager 4 machen wir unser Frühstück und gehen bald weiter nach unten. Noch greifen die Steigeisen im harten Firn.

Der Büßerschnee ist tiefgründiger zwei Bergsteiger sinken tief in den Zacken ein und stützen sich mit Pickeln ab
Durch die starke Sonneneinstrahlung ist der Büßerschnee beim Abstieg tiefgründiger

In Lager drei packen wir unsere Depotstücke ein, laufen weiter zum Joch und rutschen auf dem Hosenboden und mit lauten Hallo das Firnfeld hinunter. In Lager 2 halten wir erst wieder richtig an. Hier ist es beinahe angenehm warm und wir machen große Wäsche.

Ein Mann steht barfuß in einem Bach rundherum Felsgeröll, im Hintergrund Schnee
Manfred lässt Luft an die Unterwäsche und Wasser an die Füße. Später liegt er der Länge nach im kalten Gletscherwasser und wäscht sich und die Wäsche gleichzeitig

Ich liege rücklings in der Sonne, tanke die Wärme und entdecke über mir einen Condor. Ein wenig Thermik und er steigt und steigt und steigt. Er hat mit Höhe und Akklimatisation kein Problem.

Rechts eines rötlichen Felsens fliegt mit ausgebreiteten Schwingen ein Condor
Ein Condor – wie schnell der in der Höhe ist, im Gegensatz zu uns

Wieder gehen wir sehr früh am Morgen los. Die Landschaft hat sich in den vergangenen Tagen stark verändert. Die Sonneneinstrahlung hat den Schnee tauen lassen und die Bäche führen noch mehr Schmelzwasser.

Ein schäumender Bergbach in der Schneeschmelze, ein großes Altschneestück ist abgebrochen
In den Tagen, die wir für den Gipfel benötigt haben, hat es mächtig getaut. Der Bach brodelt und die Schneebrücken brechen zuhauf

Wir kommen gut voran und lösen an Lager 1 das Depot auf. An einer Engstelle sind wir froh, dass sie noch im Schatten liegt.

Eine Bergwand liegt im Schatten, davor liegen im Schnee viele Geröllbrocken, zwei Bergsteiger stehen in der Schlucht
Gut, dass wir diese Stelle frühmorgens passieren, nachmittags wäre hier absolute Steinschlaggefahr

Wenig später treffen wir auf die Tatzenabdrücke eines Pumas. Ich gehe davon aus, dass er keine vier Menschen angreift, die noch dazu mit Trekkingstöcken und Eispickeln bewaffnet sind. Die Männer sind sich da nicht so sicher. Aber zumindest stimmen sie mir nun zu, dass wir nicht noch mal ein Lager aufschlagen, sondern bis zur Hütte Lo Valdes weitergehen.

Ein Bergsteiger zeigt mit seinem Trekkingstock auf die Pumaspuren im Schnee
Wir entdecken Pumaspuren im Schnee – hoffentlich mag der keine stinkenden Bergsteiger zum Mittagessen

Es wird immer grüner und wärmer, längst hängen alle Jacken an den Rucksäcken.

Ein Bergbach breitet sich im Hochtal weit aus
Der Bach ist durch die Schneeschmelze breit gefächert, nach der Kante geht es nochmal steil bergab

Am letzten Abhang liegt noch Schnee und wir rutschen wieder etwa 200 Höhenmeter auf dem Hosenboden ab. Unter uns ist die Ebene von vielen neuen Bächen durchzogen.

Das Tal des Rio Volcano gleicht teilweise einer Sumpflandschaft. Ein Bergsteiger sprngt über einen flachen Bachlauf
Das Tal des Rio Volcano gleicht teilweise einer Sumpflandschaft. Hans schaut Hans beim Springen über den flachen Bachlauf zu

Wir passieren die Stelle, an der Ana uns herausgelassen hat, wir können nach der nächsten Kurve bereits die Andenvereinshütte sehen. Ich bilde mir sogar ein, dass ich bereits das Bier rieche. Die Brücke, die uns beim Beginn unserer Tour bereits so fragil vorkam, ist der Schneeschmelze zum Opfer gefallen. Die Bauarbeiter, die herumstehen erklären, dass wir einen Umweg machen müssen. Auf der rechten Flussseite 6 km weiter laufen, beim Mienendorf über die Brücke gehen und dann wieder 4 km bergauf zur Hütte. Aber die beiden Hans haben eine andere Idee. Wir haben jetzt 11 Tage Kletterseile und Gurte mitgetragen, dann können wir die doch auch benutzen! Und nasse Schuhe sind 2 km vor dem Ziel auch egal! Mir ist die Sache nicht ganz geheuer, denn der Fluss hat eine wirklich starke Strömung.

Ein Bergsteiger seilt sich in den Klettergurt. Er will einen reißenden Fluss gesichert zu Fuß durchqueren
Die Brücke über den Rio Vocáno ist weggerissen. Hans seilt sich an, wir wollen zu Fuß durch den reißenden Fluss

Hans sichert Hans, der ohne Probleme durch den Fluss marschiert und das Seil auf der anderen Seite fixiert. Ich gehe als nächste. Meine Fototasche habe ich ganz oben, zwischen Kinn und Brust befestigt. Ich klinke meinen Karabiner ins Seil und laufe los. Leider trete ich in ein Loch und kann aus eigener Kraft nicht wieder hochkommen. Hans eilt zur Hilfe und schon bin ich drüben, ziemlich nass, aber mit trockener Fototasche.

Eine Bergsteigerin quert einen reisenden Fluss, ein anderer Bergsteiger hilft
Ich gerate in ein Loch bei der Flussquerung und Hans eilt mir zur Hilfe. Foto: Manfred Jäckel

Manfred geht es ähnlich wie mir, er flucht laut. Das Wasser brodelt nach der Kante wirklich ziemlich stark.

Ein Mann sitzt mit großem Rucksack auf dem Rücken in einem schäumenden Fluss und hält sich an einem Seil fest
Manfred ist bei der Querung des Rio Volcano in ein Loch getreten und gestürzt, so wie ich zuvor schon

Lo Valdes – Rückkehr in die Hütte

Plitsch, platsch und quitsch, quatsch macht unsere Kleidung und unsere Schuhe auf den letzten zwei Kilometern. Aber endlich ist es geschafft. Völlig dreckig, aber fröhlich postieren wir uns zum Erfolgsfoto vor der Lo Valdes Hütte. Ein Gipfel ist immer erst bezwungen, wenn Du wieder im Tal bist. Und das haben wir geschafft!

Vier Bergsteiger stehen vor einer aus Bruchstein gemauerten Hütte. In den Fenstern stehen bunte Blumen. Die Bergsteiger sehen fröhlich aber sehr erschöpft aus
Ankunft an der DAV-Hütte Lo Valdes nach der Marmolejobesteigung

Wir ziehen die nasse Oberbekleidung aus, setzen uns in den Schatten und werden erst mit Bier und anschließend mit Kaffee und Kuchen verwöhnt, während wir darauf warten, dass der Warmwasserboiler das Duschwasser erwärmt.

Vier Bergsteiger sitzen fröhlich in schmutziger Wäsche am Picknicktisch der Hütte Lo Valdes und genießen ein Bier
Dreckig, stinkig und fröhlich warten wir auf die warme Dusche

Zum Abendessen bekommen wir frische Salate und Gemüse und zum Nachtisch frisches Obst. Wie gut das Schmeckt. Hans hat auf den Gipfel und wieder hinunter vier Zigarren getragen. Nach dem Abendessen müssen wir Gipfelbezwinger diese Gipfelzigarren anzünden.

Eine Frau sitzt an einem Tisch und zieht an einer Zigarre
Ich passionierte Nichtraucherin muss Gipfelzigarre rauchen

Ich als Nichtraucherin stelle fest, dass die Zigarre stärker qualmt, wenn ich hinein blase, statt daran zu ziehen. Schnell nimmt mir Hans die Zigarre weg, dazu ist sie zu schade, sagt er. Ich grinse, und habe mein Ziel erreicht, ich muss nicht rauchen!

Ich bleibe nicht lange auf, sondern ziehe mich zurück. Endlich allein in einem Zimmer sein, meine Gedanken schweifen lassen. Ich liege in einem richtigen Bett und bin dankbar. Dankbar dafür, die Möglichkeit gehabt zu haben, diesen Berg zu besteigen. Hans hat mich dazu eingeladen, herzlichen Dank. Ich hatte die finanziellen Mittel und die Kondition. Meine Kinder haben mir frei gegeben, danke auch euch. Ich bin unendlich dankbar, unbeschadet einen 6000er bezwungen zu haben. Und sehr sicher, dass ich nie wieder einen hohen Berg besteigen werde. Nein, diese Tortour war an meinen Grenzen, fast über meinen Grenzen.

Fünf Monate später, im Mai, fragte mich mein Bergkamerad Klaus, ob ich mit ihm in den Kaukasus reise? Er möchte den Elbrus, mit 5.642 m Europas höchster Gipfel, besteigen. Nach meiner 6000er Erfahrung würde er mir das zutrauen. Tja, alle guten Vorsätze vergessen – natürlich fahre ich mit.

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