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Motorradfahren und Kultur, dass lohnt sich besonders im Elsass. Um die Fahrpraxis nach der Führerscheinprüfung von Karen zu erhöhen, nahmen wir uns eine AnfängerkulTour vor. Kurvige Strecken, pittoreske Dörfchen, Burgruinen, französische Lebensart und leckeres Essen machten die Reise perfekt.

Als Karen an der letzten roten Ampel vor der Autobahn das Visier öffnen will, ist die Bewegung zu ruckartig, sie rutscht von der Stiefelspitze und kippt mitsamt dem erst 264 km gefahrenen neuen Moped um. Mist! Ich fahre zur Seite und stelle die Honda Vigor ab. Zusammen heben wir die kleine Honda, XLR 125 hoch und rollen sie auf den Randstreifen. Es ist ein wenig Benzin ausgelaufen, der Handprotektor ist etwas zerkratzt und der rechte Blinker schielt ab jetzt. Wir lassen die Maschine wieder an, sie kommt sofort.

Wir verlassen die Autobahn nach 60 km wieder, denn wir haben das Rhein-Neckar-Dreieck bereits hinter uns und kommen auf der B 38 auch gut voran. Mein Adrenalinspiegel erhöht sich zwei mal schlagartig, als Autofahrer jeweils sehr knapp vor Karen einscheren, einer sie sogar auf dieser nieselfeuchten Straße zum Abbremsen zwingt.

Deutsches Weintor Schweigen-Rechtenbach

Am Deutschen Weintor in Schweigen-Rechtenbach machen wir einen Stopp.

Ein großes Gemauertes Tor ist das Deutsche Weintor in Schweigen-Rechtenbach
Das Deutsche Weintor in Schweigern, kurz vor der deutsch-französischen Grenze

Drei leichte Kurven hinter dem deutschen Weintor finden wir uns auf französischem Boden in Wissembourg wieder. Einen Bummel durch diese 1179 erstmals erwähnten Stadt mit ihren malerischen Fachwerkhäusern beschließen wir typisch französisch vor einem kleinen Café.

Wissembourg

Eine schmale Brücke führt vor einem alten Fachwerkhaus über den Fluss Lauter in Wissembourg
In Wissembourg, Brückchen über die Lauter
Ein Haus mit einem sehr hohen, breiten Dach beherbergte früher die Gerber
Wissembourg, Maison du Tanneur, das Gerberhaus unter dessem großen Dach früher die Häute getrocknet wurden

Outre-Forêt

Die kleine D 244  bringt uns mit sanften Kurven durch schön restaurierte Fachwerkdörfchen. Hier im „Outre-Forêt“ ist die Landschaft nur von Hügelchen unterbrochen. Auch Lauterbourg, das schon zu Römerzeiten besiedelt war, sieht uns flanieren. Vor dem Rathaus werden wir vom Vorsitzenden des Fremdenverkehrsverbandes höchstpersönlich angesprochen und auf die Sehenswürdigkeiten der Stadt hingewiesen. Stolz präsentiert er uns im Rathaus den römischen, dem Jupiter geweihten Altar, der bei Ausgrabungen am Schloss gefunden wurde. Wir finden im Anschluss eine Crêperie, Kultur macht hungrig.

Karen hinter mir wird immer langsamer, als wir nur noch 40 fahren stoppe ich, um die Ursache zu erfragen. Sie hat ein total unsicheres Gefühl, denn die Stollenreifen der XLR schwimmen auf dem Straßenbelag aus bitumierten runden Kieseln. Die Fahrschule hat sie auf einer Suzuki GN 125, natürlich mit Straßenreifen, absolviert. So ist ihr vieles an ihrem eigenen, neuen Moped noch ungewohnt. Erst als wir von der D 248 auf die D 28 abbiegen erreichen wir wieder unsere Höchstgeschwindigkeit von fast 80 km/h. In Esch sehen wir unsere erste Casemate, eine Bunkeranlage der Maginot-Linie, aber das Gelände ist umzäunt und mit einem Tor verschlossen, ebenso wie das Museum zum Thema in Hatten, das nur an Wochenenden Besichtigungen erlaubt, schade!

Betschdorf – Töpferdorf

Die Töpfereien in Betschdorf haben im Gegensatz dazu immer geöffnet. Wie gut, dass wir auf den Mopeds nicht viel mitnehmen können, denn es werden wunderschöne Dinge hergestellt, von Töpfer zu Töpfer in Form und Farben unterschiedlich. Wir folgen jetzt wieder einer kleinen „D“ nach Surbourg. Auch hier schöne Fachwerkhäuser mit Inschriften, die auf Bauherren und Baujahr hinweisen. Ein Haus hat eine hebräische Inschrift und erinnert an die einst bedeutende jüdische Gemeinde. Nach wenigen Kilometern haben wir unser heutiges Tagesziel, das Motorradfahrer-Hotel Beau-Sejour in Morsbronn, mit 168 km mehr Routine auf dem Tacho, erreicht. Nach einem ausgezeichneten Abendessen, Benzingesprächen in denen wir die heutigen schönen und schwierigen Fahrsituationen Revue passieren lassen und einigen Kartenspielen, schlafen nicht nur die Hondas gut unter diesem Dach.

Auf einem weißen Teller ist ein Gericht mit Spargel angerichtet
Hotel-Restaurant Beau-Sejour in Morsbronn-les-Bains, Hauptgang beim Abendessen

Morsbronn-les-Bains

Durch den Straßenlärm der direkt vor unserem Fenster verlaufenden D 27 werden wir schon früh geweckt. Nach einem französischen Frühstück packen wir nur Tagesgepäck für die heutige Rundtour auf unsere Mopeds. Zum Eingewöhnen soll es erst noch ein wenig durch den flachen „Outre-Forêt“ und später dann in die bergigen Nordvogesen gehen. Beim ersten Stopp in Woerth entdecken wir ein altes Wasch„haus“, überdachte Planken, die durch eine Höhenregelung immer dem Wasserstand des Flüsschens Sauer angepasst wurden. Allein beim Betrachten der schwankenden, harten Bretter und der Kälte des Wassers fühlen wir Schmerzen in Knien und Händen und danken dem Erfinder der Waschmaschine.

Auf einem Platz steht ein Motorrad. Im Vordergrund ein alter Brunnen mit zwei Pumpen und zwei Brunnentrögen. Im Hintergrund die Überdachung des alten Waschhauses
Karen parkt vor dem Dach des alten Waschplatzes

Erdölmuseum in Merkwiller-Pechelbronn

In Merkwiller-Pechelbronn gibt es ein „Musée de Pétrol“ und zwar deshalb, weil der Ort (wer hätte das gedacht?) ein reiches Mineralölvorkommen hat. Mitten im Dorf wird auf einer Häuserwand schematisch die Erdölförderung dargestellt, davor ist eine elektrische Pumpe installiert.

An einer Hausfassade ist die Erdölförderung im Elsass aufgemalt
Die Erdölpumpe kam uns erst mal ungewöhnlich für die Landschaft vor

Auf der Weiterfahrt haben wir auch an unserer zweiten Möglichkeit, etwas genaueres über die Maginot-Linie zu erfahren, Pech. Auch das Artilleriewerk Schoenenbourg ist ab Oktober nur noch am Wochenende für Besucher geöffnet.

Eine junge Frau betrachtet die Oberirdischen Bauwerke des Artilleriewerk Schoenenbourg
Karen betrachtet die oberirdischen Bunkerausgänge des B Artilleriewerks Schoenenbourg

Cleebourg

Die besonders malerischen Orte Hunspach und Seebach durchfahren wir im Schritttempo bevor wir uns dem Weinanbaugebiet des nördlichen Elsass nähern. In der Winzergenossenschaft in Cleebourg werden die Fässer im dreistöckigen Keller, die 16.000 l fassen, jetzt im Oktober wieder mit Tokayer, Auxerrois und Gewürztraminer gefüllt. Schweren Herzens verzichten wir auf eine Weinprobe, denn allein der Duft des „Neuen Weines“, der uns schon auf dem Parkplatz empfängt, macht uns beschwippst.

Col du Pigeonnier

Ich schalte runter, noch mal, bremse leicht an und betrachte den Kurvenverlauf, noch einen Gang runter und schön reingelegt. Im Spiegel beobachte ich Karen hinter mir. Super, die erste Serpentine ist geschafft, und zwar runder als meine! Cool passiert Karen ihren ersten Pass, den Col du Pigeonnier mit stolzen 432 Höhenmetern über dem Meeresspiegel. Mit schöner Aussicht ins Tal auf die sich verfärbenden Wälder, folgen wir der D 3 bis Climbach und biegen dort scharf rechts nach Petit Wingen ab. Nun gibt es nur noch schmalste Sträßchen mit Kurven und Ruinen von unzähligen Châteaus. Es sind fast keine Autos unterwegs, wir können uns ganz dem Fahren mit den beiden wendigen Motorrädern hingeben. Am Ausflugslokal Gimbelhof angekommen, dessen Wirtsleute Montags und Dienstags leider ausruhen, genießen wir den Blick auf die Reste von Fleckenstein, Hohenbourg und Loewenstein.

Hinter Glas steht ein geschnitztes Modell der Burg Fleckenstein
So wird die Burg Fleckenstein früher mal ausgesehen haben

Nach Col de Litschhof (337 m) passieren wir nach einem kleinen Abstecher nach Deutschland den Col du Gœtzenberg (400 m) und die Ruinen der Châteaus Blumenstein, Wasigenstein und Lutzelhardt. Zum Relaxen folgen wir der D 35 westlich und dann der D 87 südöstlich durch eine traumhafte Allee. Wir müssen fast zeitgleich auf Reserve umschalten und wissen nun nicht genau, wie weit wir noch mit Motorkraft kommen, denn ich habe die Vigor nur geliehen und Karens XLR ist neu, es gibt keine Erfahrungswerte! So konzentrieren wir uns nun auf Tankstellensuche, statt die Ruinen Schœneck, Neuf und Windstein anzusteuern. Die Casemate von Dambach interessiert uns nun genauso wenig wie die Reste der Schmiede in Jaegerthal aus dem 17. Jahrhundert. In Niederbronn spreche ich mit meinem schlechten Französisch einige Jugendliche an, zeige auf den Tank und radebreche was von Benzin. Als die Jungs auf sächsisch antworten, sie wären nicht von hier, fällt Karen fast vor Lachen von der XLR.

Nach bangem Suchen finden wir in Reichshoffen eine uralte Werkstatt mit Zapfsäulen für Diesel und Superbenzin und erstehen für 44 D-Mark 20 l Sprit für die beiden Spielzeugtanks. In einem Café in Niederbronn verdauen wir die französischen Benzinpreise, bevor wir uns auf die höchste Erhebung, den Grand Wintersberg mit immerhin 580 Höhenmetern stürzen.

Grand Wintersberg

Die Fahrstraße hinauf ist ohne jegliche Absicherung teilweise eng an den Berg geschmiegt. Links fällt der Wald steil bergab, rechts steigt er über Felsen ebenso bergan, durch enge Kurven winden wir uns hinauf. Karen ist von dieser Art zu wandern völlig begeistert, endlich nicht mehr laufen müssen! Ich erklimme aus einer sportlichen Anwandlung heraus die 144 Stufen des 25 m hohen Aussichtsturms oben auf dem Plateau und genieße die Aussicht in Richtung der Nordvogesen, wo wir ab morgen die Passhöhen steigern wollen. Wir kommen auf der N 62 aus dem Wald, schlagen uns aber gleich nach Niederbronn wieder auf unseren kleinen, von wenigen Autos frequentierten, „D´s“ zurück nach Morsbronn.

Nach den ersten zwei trüben Tagen empfängt uns heute Morgen die Sonne mit hellen Strahlen. In Oberbronn staunen wir über schmale Gassen.

Vor eine alten Fachwerkhaus ist ein Brunnen, eine Frau mit Motorrad parkt dazwischen
Oberbronn, uraltes Haus vor einem plätschernden Brunnen, von denen die Frauen früher das Wasserr nach Hause schleppten
Schmale Gassen durchteilen den Fachwerkort Oberbronn
Oberbronn, durch diese hohle Gasse muss Karen kommen

Eine Gasse, links am Rathaus, führt steil hinauf in den Wald zur Ruine des Châteaus Wasenbourg. Erst als wir nach dieser neuerlichen Kurvenorgie, durch noch dicht belaubte Wälder, am Rand der Ebene, durch Zinswiller, Offwiller und Rothbach fahren, wärmt uns die Sonne wieder. Aber gleich geht es erneut auf kleinen Straßen in die Wälder. Völlig unerwartet kommt mir in einer Rechtskurve ein Auto auf meiner Seite entgegen, nur dadurch, dass ich sowieso ganz rechts fahre kann ich ausweichen. Nach einem Adrenalinstoß  blicke ich in die Rückspiegel, Karen kommt, weit in der Mitte der Fahrbahn, gemütlich um die Kurve getuckert und hat von der Situation gar nichts mitgekriegt. Ob es bei ihrer Fahrweise auch so glatt ausgegangen wäre? Die aus dem 13. Jh. stammende Burg Lichtenberg erreichen wir genau vor der Mittagspause, ja machen die extra alles zu, wenn wir kommen??

Wir beschließen den zarten weißen Linien auf der Landkarte, über Reipertswiller, Melch und Mouterhouse nach Bitche, einer Stadt in Lothringen, zu folgen. Als wir Schwangerbach passieren, postiert sich Karen vor das Ortsschild, ich hoffe auf keine schreienden Ergebnisse nach neun Monaten.

Eine Frau auf einem Motorrad steht vor dem Ortsschild Schwangerbach
Schwangerbach, das Ortschild hat es Karen angetan. Wo mag der Ortsname wohl herkommen?

Bitche Festung

Der Anblick der Zitadelle von Bitche, die die Stadt überragt, ist imposant. Dies ist keine der bisher gesehenen Festungsanlagen, sondern wurde Mitte des 18. Jahrhunderts ausschließlich für militärische Zwecke auf einem Sandsteinfelsen, inmitten einer weiten Talmulde in die fünf bedeutende Straßen münden, errichtet. Die Zitadelle ist nicht nur oberirdisch angelegt, sondern Gänge und Säle sind auch unterirdisch in die Felsen hineingearbeitet. Diese Informationen erhalten wir in der Tourist-Information ebenso, wie einen Hinweis auf die Maginot-Anlage „Fort Casso“ in Rohrbach.

Die Zitadelle von Bitche steht auf einem Hügel und überragt die ganze Stadt
Bitche, Blick zur Zitadelle, die die Stadt überragt

Linie Maginot

Beide Besichtigungen dauern ca. 2 Stunden, wir entscheiden uns für die jüngere Geschichte und folgen der N 62 nach Rohrbach. Diesmal haben wir tatsächlich Glück, gleich soll außerplanmäßig eine Führung stattfinden. Die Linie Maginot, eine Verteidigungslinie, benannt nach dem Kriegsminister André Maginot, sollte, nach den Erfahrungen des ersten Weltkriegs, die Deutschen an einem Einmarsch nach Frankreich hindern. Geplant war eine Befestigungsanlage von Dünnkirchen bis nach Nizza, bestehend aus unterirdischen Festungen mit dazwischen liegenden Kasematten (Bunkern), die untereinander nur oberirdisch zu erreichen waren. Dass der Plan nicht aufging und die deutschen Kriegstreiber im zweiten Weltkrieg über Belgien Frankreich überrannten, hat nichts mit der Genialität des Vorhabens zu tun. Einige Stellungen, darunter auch „Fort Casso“, haben sich erst auf Befehl der Regierung den Deutschen ergeben. Die Besatzung der Festungen war in der Lage, ohne Kontakt zur Außenwelt, zwei Monate zu überleben und die Grenze zu verteidigen. Nach über zwei gelehrsamen Stunden, die jedoch eher die Unsinnigkeit von kriegerischen Auseinandersetzungen betonten, kommen wir bei Sonnenuntergang wieder ans Tageslicht.

Eine junge Frau überquert den Platz vor der Bunkeranlage Rohrbach Fort Casso
Rohrbach Fort Casso der Maginot-Linie, Eingang zu Block II, dem Besuchereingang

Die heutige Motorrad-Tour, die eigentlich durch den „krummen Elsass“ führen sollte, wird auf Grund der fortgeschrittenen Zeit drastisch gekürzt. Die D 36, 37 und ein schnuckliges kleines kurviges Gässchen mit Nummer 256 bringen uns zur Familie Bergmann in Wingen sur Moder und ihrer Motorradpension. Wir schieben die Motorräder in den Schuppen hinten im Garten, wo mehrere Guzzis in verschiedenen Zusammenbaustadien ihr Dasein fristen. Im Garten gibt es einen kleinen Pool, schade, dass es schon so spät im Jahr ist. Monsieur Bergmann, der eine Guzzi-Werkstatt betreibt, gibt uns am Abend etliche Tourenvorschläge. Unsere Tour ist aber schon vorbereitet und er staunt nicht schlecht, dass mein Roadbook die Highlights, die er uns nennt, fast alle aufführt.

Während wir am Morgen Kettenspannung, -schmierung und Ölstand kontrollieren, korrigiert Herr Bergmann bei Karens XLR die Kupplung. Sie kam immer erst spät und das steigerte Karens Unsicherheit. Heute ist Karen die Führende, hat das Roadbook auf dem Tankrucksack und fährt vor mir her. Das gehört zu dem Training, dass ich mit dieser Motorradtour auch beabsichtige. Sie soll lernen, mit Blick auf Landkarte und Roadbook, den Blick auf die Straße nicht zu verlieren. Heute ist außerdem Kurventraining angesagt. Wir bekommen einen kleinen Vorgeschmack auf der Strecke nach La Petite Pierre, wo wir kurz Burg Lützelstein einen Besuch abstatten.

La Petite Pierre

Ein hohes Schlösschen, das Château de Lützelstein in La Petite Pierre, die Weinranken haben grüne und rote Blätter
La Petite Pierre, Außenansicht von Château de Lützelstein, Sitz der Verwaltung des Parc Régional des Vosges du Nord

Ganz romantisch ist die Fahrt nach Graufthal. Sonnige Wälder, durch die Nebelschwaden wabbern, kleine Seen, die das Herbstaquarell der Wälder spiegeln, unterbrochen von tauglänzenden Wiesen begleiten uns auf der schmalen D 178. Die Besonderheit in Graufthal sind die, noch bis 1958 bewohnten, Höhlenhäuser – Grotten in den Buntsandsteinfelsen.

In den Fels gehauen sind einige Wohnhäuserr zu erkennen
Höhlenwohnungen in Graufthal

Aber wir wollen nicht schon wieder unter die Erde und machen uns auf den Weg zum Schiffshebewerk nach St. Louis-Arzwiller. Wir tangieren Saverne und folgen der D 138. Rechts von uns bewegt sich plötzlich eine Jacht auf der Wiese vorwärts, ein zweiter Blick entdeckt den Rhein-Marne-Kanal, der sich unbedarft durch die Landschaft schlängelt.

Schiffshebewerk St. Louis-Arzwiller

Im Schiffshebewerk überwindet der Kanal mit dem Schrägaufzug die Höhe von 44,55 m, Freizeitkapitäne sparen dabei 4 km Fahrt und 17 Schleusen! Wir beobachten dieses technische Schauspiel auch im Maschinenraum, wo zwei Elektromotoren mit 120 PS die große „Badewanne“ auf- und abwärts bewegen.

Im Schiffshebewerk in St. Louis-Arzweiler werden in großen Wannen die Schiffe mit einer Zahnradvorrichtung 44,5 m in die Höhe befördert
Schiffshebewerk in St. Louis-Arzweiler am Rhein-Marne-Kanal

Wir biegen von der D 98 auf die D 45 ab und nun geht’s richtig rauf! In schönen, weit geschwungenen Kurven folgen wir dem Schild nach Dabo. In einer Rechtskurve stockt mir beim Blick nach links der Atem, ich halte an. Was ist denn das für ein Ding? Durchs Zoom vom Fotoapparat erkenne ich, dass auf einem steilen Felsvorsprung eine Kirche steht, quasi als Zeigefinger Gottes! Ich krame im Fremdenführer. Da habe ich tatsächlich überlesen, das auf dem 664 m hohen Rocher de Dabo die Leokapelle steht, die an Pabst Leo erinnert, dessen Mutter aus Dabo stammte. Irre, wie unwirklich das Gebilde über dem immer noch dunstigen Tal thront! Karen kommt mir auf der Weiterfahrt entgegen, sie hatte erst in Dabo bemerkt, dass ich nicht mehr hinter ihr bin und sich Sorgen gemacht. Als ich ihr in einer Kurve den unbeschreiblichen Anblick zeige, kann sie es genauso wenig fassen wie ich. Trotzdem ist sie nicht zu einer Besichtigung zu bewegen, sondern will jetzt endlich Kurven fahren!! Ist ja gut, will ich ja eigentlich auch.

Eine Motorradfahrerin fährt über eine kurvenreiche Waldstrecke bergauf. Unter ihr liegt ein bewohntes Tal
Kurven fahren, brmmmm

In Serpentinen schrauben wir uns weiter hoch über den Col de Valsberg mit 652 m, wieder herunter und halten uns an der Kreuzung zur D 218 rechts. Ich beobachte, wie Karen die Kurven immer runder, souveräner nimmt, längst nicht mehr so eierig wie anfänglich, doch in den Linkskurven noch zu weit in der Mitte, problematisch bei Gegenverkehr. Wir genießen die Kehren gegen die tiefstehende Sonne noch bis zum Aussichtsparkplatz vom Château de Nideck. Dort beschließen wir die Rückfahrt durch Saverne, mit einem Caféstopp. Nun, mit der Sonne im Rücken, lassen sich die kurz aufeinanderfolgenden Serpentinen der D 218 besser nehmen. Gemächlich, mit schönem Blick auf das „Auge des Elsass“ – das Château du Haut-Barr, rollen wir in die Ebene. Ein Stau wegen eines Unfalls lässt uns über die Unbillen des Straßenverkehrs diskutieren.

Über kleine, verschwiegene „D´s“, durch tiefe Wälder und beschauliche Ortschaften kommen wir mit der Dämmerung zu unserem Quartier zurück. Ein Abendspaziergang führt uns zur Flammkuchenwirtschaft „Au Tilleul“. Diese Spezialität wird auf einem großen Brett serviert, ist hauchdünn und knusprig, dazu schmeckt das Elsässer Bier herrlich.

Zum Abschied ist heute morgen wieder Herbstnebel aufgezogen, doch die Sonne versucht ihr Bestes. Monsieur Bergmann zeigt uns noch Fotos von ihm auf Mopedtour mit seinem 17-jährigen Sohn, in Karens Augen kann ich lesen: Schade, dass der nicht hier war! Bei der Abfahrt ist es noch empfindlich kalt, die Sonnenstrahlen, die durch die Bäume auf die Straße scheinen, erzeugen Discoatmosphäre wie Strobolicht.

In den Strahlen derr Morgensonne fährt ein Motorrad auf einer schmalen, einsamen Landstraße
Die Sonnenstrahlen wirken wie Strobolichtund erschweren das Fahren – aber schön sieht es aus

Hanauer Ländchen

Wir freuen uns, die Wälder zu verlassen und über offenes Land in der wärmenden Sonne zu fahren. Zwar ist die Strecke nun nicht mehr so spannend aber wir machen ja eine Kultour. Letzter Stopp in Frankreich ist das Städtchen Bouxwiller im „Hanauer Ländchen“. Auch hier, wie übrigens überall im Elsass, sieht man die vielfältige Geschichte in den Gebäuden dokumentiert.

Ein sehr schmales Fachwerkhaus, das in sich sehr schief ist, jede Ebene hat eine andere Neigung, aber es ist bewohnt
Bouxwiller, krummes, bewohntes Fachwerkhaus

In einer Patisserie erstehen wir noch Mitbringsel für Karens kleine Schwester und ihre Tante, meine Schwester, die aufeinander aufpassen, während wir unterwegs sind. Über verschiedene größere „D´s“ erreichen wir nach insgesamt 578 km wieder unseren Ausgangspunkt Wissembourg. Karen, die mal wieder vorne fährt, biegt kurz hinter der Grenze auf die Autobahn ab, statt noch länger der Bundesstraße zu folgen. Ich halte ihr hinter ihr fahrend die LKW´s vom Leib, die relativ genervt unsere Bemühungen, die XLR-Schallgrenze von 80 km/h zu durchbrechen, beobachten. Plötzlich zappelt Karen vor mir auf dem Moped, aber erst zu Hause ergibt sich die Gelegenheit zu fragen, was für eine Bedeutung das hatte. Die 1000 km auf dem Tacho waren erreicht, ach so! Aber genau diese Fahrpraxis und unsere Gespräche über das gemeinsam Erlebte haben in den fünf Tagen Karens Fahrsicherheit enorm erhöht. Und ganz sicher ist: der Elsass hat uns nicht zum letzten Mal gesehen.

Eine junge Frau putzt eines von zwei Motorrädern, die in einer Einfahrt stehen
Nach der Rückkehr werden die Mopeds geputzt

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